Florian Wellbrock kennt dieses Gefühl nur allzu gut, das Feld im Freiwasser anzuführen. Der Olympiasieger und Weltmeister aus Magdeburg hat gerne die Kontrolle in dieser Disziplin – und bestimmt noch lieber das Tempo. So stören ihn auch keine Arme und Beine der Gegner.Am Dienstagmorgen schwamm der 28-Jährige beim ersten EM-Wettkampf in der Seine über zehn Kilometer wieder vorneweg. Für den nur einen Steinwurf entfernten Eiffelturm hatte er zwischen der Pont Rouelle, der Pont de Grenelle und der Pont Mirabeau keinen Blick übrig. Und anders als bei den Sommerspielen von Paris, als dem Tempomacher Wellbrock vor zwei Jahren die Kraft ausging, kam er diesmal nach 1:55:18 Stunden als Erster ins Ziel. Gut zwei Sekunden vor dem Ungarn David Bethlehem, 5,5 Sekunden vor seinem Magdeburger Trainingspartner Oliver Klemet, der Bronze gewann.Nur auf der vorletzten Runde hatte Wellbrock ein kurzes Déjà-vu, als ihn Bethlehem und Klemet überholten. Dies führte aber nicht wie damals, als Wellbrock ein paar Brücken flussaufwärts sein Waterloo erlebte, zu einem zweiten Einbruch. Wellbrock sparte sich seine Reserven auf, griff selbst wieder an, ging in der letzten Runde erneut in Führung, als die Schwimmer an den ankernden Restaurantbooten und vertäuten Segelschiffen vorbei zurück Richtung Ziel kraulten. Und schlug als Erster an.Wellbrock hat in seiner Karriere alles gewonnen, was ein Schwimmer gewinnen kannAls Wellbrock aus dem Wasser stieg, formte er seine Arme wie ein Bodybuilder und zeigte seinen Bizeps, wie so oft bei seinen Siegen. Er lief dann die Seine entlang, am anderen Ufer riefen ihm rund 30 Talente des Deutschen Schwimm-Verbandes, die einen Fanklub formiert hatten, „so sehen Sieger aus“ zu. Wellbrock blieb stehen, jubelte hinüber, zeigte ihnen die Faust. Er ist nun der erste deutsche Europameister im Freischwimmen seit 15 Jahren, und es schien eine tonnenschwere Last von ihm abzufallen, am Ort seiner wohl größten Niederlage. „Ich hatte noch eine kleine Rechnung offen mit der Stadt. Das gibt mir heute sehr viel Genugtuung“, sagte er: „Das war eine mentale Meisterleistung, Pokern auf hohem Niveau. Rein physisch hätte ich heute nicht gewinnen dürfen.“Das Erstaunliche: Wellbrock hat in seiner Karriere schon alles gewonnen, was ein Schwimmer gewinnen kann. Er wurde 2021 Olympiasieger in Tokio über die gleiche Distanz, ist zehnmaliger Weltmeister, aber Europameister im Freiwasser war Wellbrock noch nie. „Die eine Medaille hat noch gefehlt“, sagte er, „dieses Puzzleteilchen zu haben, bedeutet mir schon sehr viel.“Vor dem Gewusel: Florian Wellbrock setzt sich von Rennbeginn an an die Spitze. Gonzalo Fuentes/ReutersVor allem, weil Wellbrock nach seinem Debakel von Paris und der glanzvollen Rückkehr 2025 in Singapur, als er alle vier möglichen WM-Titel im Freiwasser gewann, keine leichte Saison hinter sich hat. Er schleppte sich eher durch den Winter und das Frühjahr, schwamm öfter hinterher. Trainer Bernd Berkhahn sprach am Sonntag von „erstaunlich vielen Krankheiten, Verletzungen, Motivationsproblemen“ und schloss Wellbrock in diese Analyse seiner Magdeburger Trainingsgruppe mit ein: „Alle holen noch mal Luft vor dem nächsten WM-Jahr und Olympia.“Offenbar kam der erfolgreichste deutsche Schwimmer gut mit seiner neuen Rolle zurecht, eher ein wenig tiefzustapeln und nicht wie fast üblich als großer Favorit in einen Wettkampf zu gehen. Jedenfalls berichtete Wellbrock nach seinem Goldrennen selbst, dass er in der Vorbereitung in Paris kaum noch trainiert habe in der Seine. „Es war ganz locker, damit die Batterie bei 101 Prozent ist. Das war der Schlüssel, um die Saison zu retten.“ Diese neue Lockerheit, die Dinge auch mal loslassen zu können und nicht das Gefühl zu haben, umso härter trainieren zu müssen, je schlechter es läuft, ist Wellbrocks Gewinn.So überstand er auch die kritischste Phase des Rennens von Runde fünf an, die ihm vor zwei Jahren in Paris und zuletzt immer wieder auch im Training zum Verhängnis geworden war. Auch von den physischen Auseinandersetzungen an den Wendebojen, wo die Athleten öfter mal einen Ellbogen ins Gesicht oder gegnerische Füße in die Magengrube bekommen, hielt er sich fern. Auf den letzten 400 Metern habe er dann „gemerkt, dass die beiden anderen Jungs auch schon ein bisschen angeknackst sind. Da bin ich nur noch all-in gegangen.“Auf dem Seitenarm der Seine spielen ihm die Bedingungen in die KartenDie Bedingungen spielten Wellbrock, der warmes und ruhiges Wasser mit möglichst wenig Strömung und Wellengang liebt, in die Karten. Die Planer hatten die EM-Strecke abseits des Schiffsverkehrs in einen Seitenarm der 26 Grad warmen Seine gelegt, als „fast schon idyllisch“ hatte Bundestrainer Berkhahn den Wettkampfort bezeichnet. Zwar schwamm schon ein wenig Müll zwischen den Booten herum, am anderen Ufer waren Wasserpflanzen und Algen zu sehen. Aber die Kapriolen des olympischen Rennens, als die Strömung viel stärker war, vorheriger Starkregen den Fluss verschmutzt hatte und die Athleten, von denen einige später wegen der hohen Bakterienbelastung unter Magen-Darm-Erkrankungen litten, am Rand der Erschöpfung waren, wiederholten sich nicht.Auch die Mediziner, die für den Notfall auf ihren Jetski im grünlich schimmernden Wasser warteten, und die weiteren Helfer auf den SUPs mussten nicht eingreifen. „Wir hatten deutlich weniger Strömung, ein bisschen wärmeres Wasser, es hätte schlechter für mich sein können“, sagte Wellbrock.Ob es seinem und Klemets Magen weiterhin gut geht, wird sich in der Nacht zeigen. Vorgebaut hat das deutsche Team jedenfalls, wie Wellbrock schilderte: „Wir haben uns gegen Cholera, Typhus und Hepatitis geimpft. Und vorbeugend nehmen wir Darmbakterien, damit die Darmflora stabil ist. Dass, wenn was reinkommt, dass das vielleicht nicht ganz durchhaut.“Vorerst hat sich Florian Wellbrock nun also mit der Seine versöhnt, Grummeln im Bauch ist weder ihm noch den anderen Athleten zu wünschen. Er selbst wollte nach dem Ausschwimmen erst einmal in die Stadt, den Kopf freibekommen bei Kaffee und Kuchen. „Mal ein bisschen Mensch sein“, wie er sagte: „Und dann gucken wir, wie voll der Akku morgen wieder ist.“ Bei den fünf Kilometern im Fluss, Startschuss am Mittwoch um 10 Uhr.
Schwimm-EM: Wellbrock-Gold über 10 Kilometer Freiwasser - der Titel, der ihm noch fehlte
„Mit Paris hatte ich noch eine Rechnung offen“: Florian Wellbrock dominiert entgegen allen Erwartung das Zehn-Kilometer-Rennen in der Seine und wird erstmals Freiwasser-Europameister.











