«Was der Firma passiert ist, war ein dummer Fehler»: Hacker schaffen es, Bitcoins aus vermeintlich sicheren Wallets zu erbeutenInnert weniger Tage verlieren Nutzer Kryptowährungen in Millionenhöhe. Das hat gemäss einem Cybersecurity-Experten alles mit einem simplen Programmierfehler zu tun.04.08.2026, 16.30 Uhr4 LeseminutenUnd plötzlich waren die Bitcoins weg: Hacker probierten eine grosse Zahl von Schlüsseln durch und raubten Kryptowallets aus.Illustration Pauline Martinet / NZZ«Alle meine Bitcoins wurden gestohlen, während ich in den Ferien war», schreibt am Sonntag ein Nutzer auf X. Er habe sie auf einer Coldcard MK3 verwahrt, einer sogenannten Cold Wallet, also einem physischen Verschlüsselungsgerät. Man habe ihm versichert, dass dies sicher sei.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er ist nicht der Einzige. «Bloomberg» berichtet, dass in einer ersten Angriffswelle Bitcoins im Wert von über 38 Millionen Dollar gestohlen worden seien. Gemäss Schätzungen des digitalen Finanzunternehmens Galaxy, das auch Marktberichte zu Bitcoin veröffentlicht, sind mit «grosser Wahrscheinlichkeit» seit Ende vergangener Woche bereits über 1500 Bitcoins gestohlen worden.🚨LOSSES FROM COLDCARD HACK EXCEED $100M High confidence 1,596 BTC has been stolen from ~7300 addresses across 3 confirmed waves + more 14 smaller incidents. If we add suspected (but unconfirmed), the total balloons to $130m (2k BTC).More in the thread below 👇 pic.twitter.com/RAl3ib67qa— Galaxy Research (@glxyresearch) August 3, 2026 Das Unternehmen, das sich auf Meldungen von Betroffenen stützt, schätzt den Verlust auf über 100 Millionen Dollar.Der Grund für die Welle von Bitcoin-Raubzügen: Hacker haben einige der Kryptowallets des kanadischen Unternehmens Coinkite kompromittiert. Das gab Coinkite in Mitteilungen Ende vergangener Woche und am Wochenende bekannt.Coinkite stellt Cold Wallets her, Verschlüsselungsgeräte, die auch deshalb als sicher gelten, weil sie nicht mit dem Internet verbunden sind.Der Haken liegt im ZufallGemäss Udo Schneider, Europaleiter der Abteilung Governance, Risk & Compliance bei der Cybersicherheitsfirma Trend Micro, sind Cold Wallets im Grunde eine sinnvolle Art, Bitcoins zu halten. Sie seien deutlich sicherer, als wenn man beispielsweise einen Schlüssel für den Zugriff auf Bitcoin online oder auf dem Rechner speichere. Doch es existiere die falsche Wahrnehmung, dass die Bitcoins physisch auf einem Gerät gespeichert seien – «das ist schlicht falsch». Die Bitcoins blieben auf der Blockchain.Ein Wallet sei keine Geldbörse. Es enthalte lediglich sehr lange Stränge von Zahlen. Aus diesen würden sämtliche notwendigen Parameter, zum Beispiel Zugangsschlüssel, abgeleitet. Diese erlaubten es, Bitcoins abzufragen oder zu überweisen. Das Ganze müsse möglichst zufällig generiert werden, um möglichst nicht vorhersagbar zu sein.Und genau hier, bei dieser Zufälligkeit, lag beim Hackerangriff der Haken.Schneider sagt, wenn man etwa fünfzigmal würfle, könne man daraus einen zufälligen Schlüssel für seine Bitcoins generieren. Das sei sicher, aber halt nicht so komfortabel. Den Schlüssel am Rechner zu generieren, gehe schnell, sei aber wegen möglicher Schadsoftware, die den Schlüssel lesen könnte, unsicher.Bei Cold Wallets werden die Schlüssel hingegen auf einem separaten Hardwaregerät generiert, das nicht mit dem Internet verbunden ist. Es kann also nicht gehackt und die Schlüssel können nicht kopiert oder gespeichert werden. Solche Cold Wallets sind demnach eine zugleich praktische und vergleichsweise sichere Methode.Die Hacker probierten sich wohl monatelang durchDie Cold Wallets, die Coinkite verkaufte, hatten einen Generator für solche zufälligen Schlüssel eingebaut. Bei diesem gab es eine Schwachstelle in der Software: Teile der Schlüssel wurden nicht zufällig generiert, sondern basierten auf deterministischen, also vorhersagbaren, Vorgaben. Laut Schneider gehören dazu etwa die aktuelle Zeit oder die Seriennummer des Geräts.«Wäre der ganze Schlüssel zufällig generiert worden, hätten die Hacker diese niemals alle durchprobieren und verwenden können», so Schneider. Doch der Zufälligkeitsgrad bei den Cold Wallets von Coinkite sei tief genug gewesen, dass genau dies gegangen sei. Die Hacker hätten also plausible Schlüssel generieren können und diese so lange durchprobiert, bis sie damit auf die Bitcoins von Nutzern hätten zugreifen können.Schneider geht davon aus, dass die Hacker wohl seit mehreren Monaten daran gewesen seien, die Schlüssel zu generieren und durchzuprobieren.Die Frage, ob sie auch künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt hätten, verneint Schneider. «KI hilft weder beim Klauen noch beim Durchprobieren der Schlüssel. Das sind einfache Code-Befehle, da kommt es nur auf die Rechenleistung an.»Doch es könnte sein, dass KI beim Entlarven der Schwachstelle im Quellcode von Coinkite geholfen habe. Denn die Hacker mussten erst einmal darauf kommen, dass der Zufälligkeitsgrad, mit dem Coinkite seine Schlüssel erstellte, tief genug war.Ein Fehler in der SoftwareIm Quellcode von Coinkite habe es einen Fehler gegeben, der diesen tiefen Zufälligkeitsgrad verursacht habe, sagt Schneider. Dadurch sei nicht der Chip verwendet worden, der gute Zufallszahlen erzeuge, sondern ein schwächerer Software-Zufallsgenerator.Die Mathematik hinter Bitcoin und anderen Kryptowährungen sei noch immer sauber, sagt Schneider. «Was der Firma passiert ist, war ein dummer Fehler.» Dumm im Sinne von ärgerlich, nicht dumm, weil die Firma unsauber gearbeitet habe, schiebt er hinterher. Solche Fehler könnten eben passieren.Doch was bedeutet das jetzt für die Besitzer der Kryptowährungen? Schneider sagt, habe man einen Schlüssel auf einem der betroffenen Geräte erzeugt, sei man potenziell verwundbar. «Das Einzige, was man jetzt noch machen kann, ist, sich eine neue Wallet anzulegen. Mit entsprechend sicher generierten Schlüsseln. Und die Bitcoins zu transferieren.»Die Firma Coinkite schreibt, sie habe die restlichen betroffenen Coldcard Wallets zerstört. Man arbeite mit den Kunden zusammen, um Gelder zu transferieren, deren Transfer noch sicher möglich sei. Man erörtere gemeinsam Möglichkeiten zur Wiederherstellung und bleibe für alle erreichbar.Der Nutzer auf X, dessen Bitcoins während seiner Ferien abgezogen wurden, schreibt, er hoffe, dass die amerikanischen Behörden die Täter und die gestohlenen Bitcoins fänden und zurückgäben. Sie seien für seine Kinder gedacht gewesen.Passend zum Artikel
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