Gewalt hat viele Erscheinungsformen, nicht immer sind ihre Spuren sichtbar und nicht immer werden ihre Verursacher bestraft. Aber selbst wenn die Gewalt körperlich ist, durch Schläge oder Würgen optisch erkennbare Verletzungen hinterlässt, bleiben diese oftmals ungesehen. Aus Angst vor weiteren Übergriffen scheuen Opfer den Weg zur Polizei oder sie schämen sich, obwohl sich die Täter schämen sollten, und behalten für sich, was ihnen widerfahren ist.Um Betroffenen die schwere Situation zu erleichtern, gibt es in Bayern seit vergangenem Jahr die sogenannte vertrauliche Spurensicherung: Opfer von Gewalttaten können ihre Verletzungen bei Ärzten und in Krankenhäusern dokumentieren lassen. Und später entscheiden, ob und wann sie zur Polizei gehen. In Ruhe, im Fall von häuslicher Gewalt möglicherweise erst nach der Trennung vom Täter. Und nach Rücksprache bei einer Fachstelle, die Betroffene vorbereitet auf Fragen, deren Beantwortung Überwindung kosten kann, besonders bei sexueller Gewalt.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.„Das gibt Frauen die Möglichkeit, sich erstmal zu sortieren“, sagt Tanja Bourges von der Rosenheimer Beratungsstelle MaVia e.V. Eine Vergewaltigung oder ein sexueller Übergriff etwa seien für Betroffene „immer eine extreme Ausnahmesituation, ein Schockmoment, indem man nicht gut entscheiden kann“. Für manche sei völlig klar, dass sie den strafrechtlichen Weg einschlügen. Für andere sei das noch nicht so klar, „vor allem, wenn der Übergriff im nahen Umfeld stattgefunden hat“, sagt Bourges. Sich diese Option aber offenhalten zu können und Spuren, die später verloren, verwaschen oder verheilt wären, für ein mögliches Strafverfahren gerichtsfest verwertet zu wissen, das helfe.Zwar bieten einige bayerische Kliniken und die rechtsmedizinischen Institute in München und Würzburg die vertrauliche Spurensicherung nach Gewalttaten schon länger an – bis November vergangenen Jahres aber mussten die Häuser die Untersuchungen im Freistaat selbst bezahlen, obwohl Betroffene in Deutschland bereits seit 2020 gesetzlichen Anspruch auf die Übernahme durch ihre Krankenkasse haben. Inzwischen hat der Freistaat den rechtlichen Rahmen geschaffen, damit teilnehmende Krankenhäuser und Ärzte die Spurensicherung anonymisiert abrechnen können. „Das war schon seit ganz, ganz langer Zeit ein Anliegen des Frauenhilfesystems“, sagt Bourges.Flächendeckend besteht die Möglichkeit für Betroffene in Bayern allerdings noch nicht, das Angebot breitet sich nur langsam aus und ist ungleich verteilt: Fünf von 15 in einer Liste des Gesundheitsministeriums geführten Anlaufstellen befinden sich in München, auch fast alle anderen – Rosenheim, Grassau, Landshut, Wörth an der Isar, Wolznach, Eresing, Freising und Memmingen – liegen weit südlich der Donau. Das einzige vom Ministerium gelistete Angebot in Franken bietet bislang die Rechtsmedizin in Würzburg.Allerdings finden Betroffene auch andernorts in Nordbayern Hilfe, etwa am Klinikum Nürnberg. Einer Sprecherin zufolge bereitet das Krankenhaus die offizielle Teilnahme an dem Angebot noch vor und wird zeitnah ebenfalls auf der Liste zu finden sein. Seit der Einführung der Untersuchung auf Klinikkosten vor fünf Jahren hätten in Nürnberg jährlich etwa 15 Personen Spuren sichern lassen.Am Klinikum in Garmisch-Partenkirchen können Opfer von Gewalt ihre Verletzungen dokumentieren lassen, ohne gleich zur Polizei zu müssen. Foto: Dominik Bartl/Klinikum GAPIm Süden Bayerns bietet neuerdings auch das Klinikum Garmisch-Partenkirchen die vertraulichen Untersuchungen an. Bislang hätten Betroffene aus dem Landkreis und seiner Umgebung dafür häufig weite Wege zurücklegen müssen, teilte das Krankenhaus jüngst mit, nun sei „eine wichtige Versorgungslücke“ geschlossen. Neben der standardisierten medizinischen Untersuchung nach rechtsmedizinischen Vorgaben und der „streng vertraulichen“ Sicherung von Asservaten wie Kleidungsstücken gehöre ein abschließendes Beratungsgespräch mit Hinweisen auf Unterstützungsstrukturen zu dem Angebot. Ziel sei es, Sicherheit und Orientierung zu geben, medizinisch zu helfen und „den Betroffenen die Kontrolle über die nächsten Schritte zurückzugeben“, sagt Rainer Wahl, Chefarzt der Gynäkologie. Sie selbst sollen also entscheiden, ob sie Anzeige erstatten – und wann. Ohne Zeitdruck.Dass der Plan aufgehen kann, zeigt sich in Würzburg, wo die vertrauliche Spurensicherung jahrelang auf Klinikrechnung lief und inzwischen auf Kosten der Krankenkassen geht. Die meisten Betroffenen, überwiegend Frauen, kämen über Hilfsorganisationen, sagt Michael Bohnert, Leiter der Rechtsmedizin, die typische Konstellation sei diese: „eine heterosexuelle Paarbeziehung, bei der sie misshandelt wird von ihm, dem Partner“.Häufig seien diese Beziehungen „sehr einseitig: Er betrachtet sie als sein Eigentum.“ Ebenfalls häufig spielten „weitere Umstände wie Arbeitslosigkeit, Alkohol- oder Drogenmissbrauch eine Rolle“. Zwölf Personen hätten im ersten Halbjahr 2026 ihre Verletzungen dokumentieren lassen, mehr als zuvor in einem ganzen Jahr, berichtet Bohnert. „Die Zahlen nehmen langsam zu“, sagt er. Und sie werden weiter zunehmen, sobald das Angebot bekannter wird. „Davon bin ich überzeugt.“
Vor der Anzeige: Wo Gewaltopfer in Bayern Verletzungen dokumentieren lassen können
Seit 2025 soll die anonyme Spurensicherung Opfern von Gewalt eine Anlaufstelle bieten. Wo das Angebot bereits besteht – eine Übersicht.






