PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenBewusster GenussZehn Weine, bei denen weniger Alkohol mehr Geschmack bedeutetVon Manfred KlimekStand: 14:41 UhrLesedauer: 6 MinutenDeutschland gehört zu den internationalen Vorreitern gehaltvoller alkoholfreier und alkoholreduzierter WeineQuelle: Photo by Rafa Elias/Getty ImagesLeichte und entalkoholisierte Weine sind dank neuer Verfahren auf einem bisher ungekannt hohen Niveau angelangt. Hier sind zehn solcher Weine, die sich auch für besonders warme Tage eignen.Vor vier Jahren traf die Weinwelt eine Nachricht, die viele zunächst nur für eine politische Volte hielten: Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärte, es gebe keine sichere Menge Alkohol. Selbst ein Glas Wein könne gesundheitliche Risiken bergen. Die Empörung war groß. Heute jedoch zeigt sich: Die WHO traf damit einen wunden Punkt.Während sich die Branche gegen die pauschale Verurteilung des Weins wehrte, übersah sie lange eine Entwicklung, die längst begonnen hatte. Die jüngere Generation trinkt anders: nicht schlechter, nicht asketischer, sondern bewusster. Alkohol wird nicht mehr selbstverständlich mit Genuss gleichgesetzt und es mehren sich Rufe nach besseren alkoholarmen und alkoholfreien Weinen, die die bisher eher dürftigen Kreszenzen ablösen. Die gute Nachricht: Solche Weine sind jetzt auf dem Markt.Lesen Sie auchDie eigentliche Revolution findet dabei nicht im Weinberg statt, sondern im Keller. Moderne Entalkoholisierungsverfahren arbeiten heute mit einer Präzision, die vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre. Über viele Stunden, teilweise über zwei Tage, werden die flüchtigen Aromastoffe zunächst vom entnommenen Alkohol getrennt und danach wieder dem Wein zugeführt. Was früher oft dünn, banal oder unfertig wirkte, besitzt heute Herkunft, Struktur und erstaunliche Eigenständigkeit: Das Terroir der Weine ist eingefangen, die Sortentypizität auch. Doch müssen die Basisweine mit Sorgfalt und Charakter gekelterte Weine sein. Viele Winzer jedoch halten das Entalkoholisieren ihrer besseren Weine noch für ein Sakrileg. So wie es derzeit der Fall ist, sind die meisten entalkoholisierten Weine am Markt lediglich der Überkapazität sehr schlichter Massenweine geschuldet. Das schadet diesem neuen Weinformat noch ungemein.Trotzdem bleibt der Eindruck, dass die neue Welt der (fast) Null-Prozent-Weine kaum noch aufzuhalten ist. Bemerkenswert ist ausgerechnet jenes Land, in dem diese Entwicklung derzeit am konsequentesten vorangetrieben wird: Deutschland, dem man zuletzt häufig mangelnde Innovationskraft vorwarf, gehört heute zu den internationalen Vorreitern gehaltvoller alkoholfreier und alkoholreduzierter Weine. Betriebe wie Leitz im Rheingau, Gregory Emmel mit Haardt Hills oder selbst traditionell arbeitende Häuser wie Max Ferdinand Richter an der Mosel zeigen, wie weit sich diese Kategorie entwickelt hat.Lesen Sie auch1. Stark von Aromen geprägtDer steirische Spitzenwinzer Hannes Sabathi hat ein einfaches, aber für den Weinbau wesentliches Rezept, alkoholarme Weine herzustellen: Er keltert aus seinem fruchtigen Basis-Muskateller, einem großen Anteil Traubensaft und etwas Verjus einen der interessantesten Sommerweine überhaupt – den Muskateller Vind Blanc mit 6,5 Prozent Alkohol. In der Nase das Prächtige des Muskatellers, also Holunder, gelbe Rose, etwas Akazienhonig und freilich der Tick Muskatblüte, gefolgt von einem eleganten Nusston, den der Verjus verantwortet. Ein stark von Aromen geprägter Wein, der der konservativen Weinwelt und ihrer Ablehnung alkoholarmer Weine kräftig zu denken geben muss.Lesen Sie auchFür 12,80 Euro bei hannessabathi.at2. Weder Fisch noch FleischChristian Pitthans teilweise entalkoholisierter, rheinhessischer Sauvignon Blanc halbvol., 2025 fällt mit seinen 6,5 Prozent Alkohol unter die Kategorie weder Fisch noch Fleisch. Und das ist sehr gut so, zeigt er doch, dass es zwischen zwölf und null Prozent Alkohol auch Weißweine des Dazwischens braucht, die geschmacklich eben in keiner Zwischenwelt Platz nehmen, sondern auf die volle Aromatik setzen wie dieser sortentypische Sommer-Sauvignon: Birne, Limette, etwas Heu, etwas Kreide. Diese Art des Kelterns steht durch die teils fantastischen alkoholfreien Weine zukünftig unter höherem Erwartungsdruck.Für 7,50 Euro bei weingut-pitthan.deLesen Sie auch3. Außenseiter mit KräuterwürzeDer Außenseiter in dieser Geschichte hier. Denn Moscato d’Asti DOCG La Badia 2024 ist ein alkoholarmer traditioneller italienischer Easy-Going-Schaumwein. Ihn gibt es schon seit vielen Jahrzehnten. Kundige Weintrinker schätzen ihn nicht nur wegen seiner Süße und dem sortentypischen Muskatellergeschmack, sondern weil er immer nur zwischen fünf und sieben Prozent Alkohol in der Flasche transportiert. La Badia ist hier ein traditionelles Haus, das seinen Moscato seit jeher auf aromatische Vielfalt keltert: etwas Limette, Orange, Birne, ein Tick Ananas, Holunder – und viel Kräuterwürze.12,50 Euro, über wirwinzer.de4. Ein kleiner Tick SalzeJohannes Leitz, ein prominenter und ziemlich bedeutender Winzer aus dem Rheingau, begegnet neuen Märkten und Innovationen ohne jeden Vorbehalt. Deswegen hat Leitz auch in Sachen alkoholfreier Weine heute die Nase vorn. Der Sauvignon Blanc Zero Point Five 2024 sticht hervor. In der Nase und im ersten Schluck kommt er einem konventionellen alkoholischen Wein sehr nahe: elegante Kräuterwürze, etwas Birne, Banane und Ananas – und ein Tick Salze des Terroirs.9,50 Euro, über leitz-wein.shop5. Anklänge von LuxusGenauso wie der Sauvignon von Johannes Leitz brilliert auch dieser Pfälzer Chardonnay 2025 Haardt Hills des Winzer Gregory Emmel mit seiner fast schon als Provokation zu wertenden Ähnlichkeit mit einem Bourgogne-blanc besserer Statur. Aus dem bauchigen Burgunderglas getrunken, vermittelt dieser alkoholfreie Wein Anklänge von Luxus und Moderne. Die Flasche ist schnell leer. Und es gibt keinen Grund, nicht noch eine weitere zu öffnen. Genießen Sie die Verblüffung, nach drei Flaschen exzellenten Weins nicht betrunken zu sein.18 Euro, über haardt-hills.de6. Geschätzte MineralitätKommen wir zum Riesling, zur deutschen Weißweinsorte schlechthin, obwohl die Mehrheit der hiesigen Weintrinker dem Grauburgunder frönt. Ich habe die Vermutung, dass sich Rieslinge der Mosel, wo die Sorte viele Salze der Schiefer- oder auch Kalkböden transportiert, besser zum Entalkoholisieren eignen, weil sie eine dichte, mineralische Aromastruktur mitbringen. Max Ferdinand Richters Zero Riesling 2025 stellt das unter Beweis: Steinobst, gering Südfrüchte, kalte Birne und auch Quitte. Und im Schluck jene Mineralität (diese aber nie überbordend), die wir beim Riesling so schätzen.14 Euro, über maxferdrichter.deLesen Sie auch7. Massiv progressivErnie Loosen ist mit seinem Weingut Dr. Loosen ein Urgestein an der Mosel: Tradition, aber auch stupende Moderne. Zu dieser Moderne zählt auch, dass Loosen nicht davor zurückschreckt, eine hohe Flaschenzahl bestens gemachter populistischer Weine abzufüllen und zu exportieren. Auch sein Riesling Dr. LO ist massiv progressiv – nur eben ohne Alkohol. Auch Loosen arbeitet hier mit einer geringen Restsüße, die sich bei der Paarung mit den Terroir-Salzen in ein fruchtig-herbes Gleichgewicht bringt.9,50 Euro, über drloosen.de8. Ein anderer WegFeinherb bedeutet 30 Gramm Zucker pro Liter. Saar bedeutet hohe Mineralität. Dieser Riesling Zéro feinherb 2024 vom Weingut Revecheron brilliert wegen seines eleganten Gleichgewichts von Fruchtzucker und Aromen. Pfirsich, Orange und ein Tick Minestrone-Gemüse dominieren die Aromen. Im Mund dann eher der Noble als der Rabiate – ein alkoholfreier Riesling, der einen anderen Weg einschlägt.8,90, weingut-reverchon.de9. Das Maximum an AromenEine Cuvée aus Sauvignac, Johanniter und Muscaris: drei Rebsorten, die zu den sogenannten Piwis (pilzwiderstandsfähig) zählen. Damit können viele Winzer so wenig anfangen wie mit entalkoholisierten Weinen. Nicht aber die Mainzerin Eva Vollmer, die mit ihrer Cuvée Zukunft Zero 2024 aus den drei Piwis das Maximum an Frucht und Aromen herausholt: Passionsfrucht, etwas Salbei, ein Tick Holunder, Birne, Kumquats – und ein Hauch gelber Paprika.12,90 Euro, über weinstore.net10. Prickelt und brilliertNoch einmal zurück zu Haardt Hills und Gregory Emmel, dem Önologen, der am weitesten beim Thema Entalkoholisierung scheint, weil er fast nur diese Art Weine keltert. Die Cuvée Rosé aus Spätburgunder, St. Laurent und Portugieser prickelt und brilliert. Und das ist genau der Weg, den alkoholarme und alkoholfreie Weine weitergehen müssen. Als Ergänzung zu alkoholischen Weinen. Und viel mehr noch als Boten einer neuen Weinwelt, die der alten, unter Druck geratenen einen neuen Schub gibt.22 Euro, über haardt-hills.de