Der Wasserspringer Lou Massenberg kennt es eigentlich, dieses Gefühl, ganz oben zu stehen. Nicht nur vor dem Sprung, sondern auch danach. Dreimal war der 25-Jährige bereits Europameister, 2019 im Team, 2018 und 2022 im Mixed an der Seite von Tina Punzel. Aber dieses vierte Gold, errungen am Montagabend im Centre Aquatique Olympique, eine Fußgängerbrücke vom Stade de France entfernt, war dann doch eine Nummer größer. Denn Massenberg hatte mit seinem Partner Jonathan Schauer im Synchronwettbewerb vom Dreimeterbrett nicht nur vollkommen überlegen mit herausragenden 423,84 Punkten den Titel gewonnen. Es war auch sein erstes EM-Gold in einem olympischen Wettbewerb. Bei den Sommerspielen gibt es weder Team noch Mixed.Zwischendurch schüttete es draußen im Pariser Norden in Strömen, eine Sturmfront zog heran, der Wind blies Absperrungen um, aber drinnen zeigten sich Massenberg und Schauer völlig unbeeindruckt. Sprung für Sprung zauberten sie hochklassig ins Wasser, während die Konkurrenten nach und nach schwer patzten oder kleine Fehler einstreuten. Auch die Silber- und Bronzegewinner, die unter neutraler Flagge startenden Russen Jewgeni Kusnezow und Nikita Schleicher (408,99 Punkte) sowie Stefano Belotti und Matteo Santoro aus Italien (386,07), blieben letztlich chancenlos. „Sechs Mal gut. Gold. Geil“, fasste Massenberg die sechs sauberen Sprünge treffend zusammen.Dabei sind Massenberg und Schauer, die beide für den SV Halle starten und am dortigen Bundesstützpunkt trainieren, sehr unterschiedliche Charaktere, aber sie verstehen sich auf ihre Weise. „Gegensätze ziehen sich an, bei uns stimmt dieser Satz“, sagte Massenberg, als das Duo nach seinem EM-Sieg in die Interviewzone spazierte, er selbst in blau-schwarzen Schlappen und lila Handtuch über der rechten Schulter, Schauer mit beigen Schlappen und gelbem Handtuch über der linken Schulter. Wie sie den jeweils anderen beschreiben würden? „Lou ist im Training manchmal ein bisschen aggressiv, aber nur, wenn es nicht klappt. Mehr kann man dazu nicht sagen“, sagte Schauer. Massenberg entgegnete: „Sehr nett.“ Er lebe eben davon, „dass ich mich nach dem Sprung mal freue oder sauer bin. Aber ich weiß auch, dass ich danach wieder runterkommen muss. Jonny ist eher in sich gekehrt, aber man hat heute nach dem letzten Sprung gesehen, dass er auch eine andere Seite hat.“ Miteinander frotzeln können die beiden jedenfalls, zumindest nach einem EM-Titel.Synchron auch noch beim Eintauchen: Lou Massenberg und Jonathan Schauer. Sebastien Bozon/AFPUnd sie entwickelten sich im Schatten von Führungsfiguren wie dem zurückgetretenen Patrick Hausding ganz in Ruhe zu Spitzenspringern. Die Zeit brauchten sie auch, in einem Sport, dessen Basis jahrelanges akribisches Training, viel Vertrauen und blindes Verständnis gerade im Duett ist, wo es so sehr aufs richtige Timing ankommt.„Sie sind sicher nicht einfach zu handeln“, sagte Wassersprung-Bundestrainer Christoph Bohm am Montagabend, „aber wir sind so eine extreme Sportart, auch im mentalen Bereich, da kommen auch im Training mal die Emotionen hoch. Da muss man sich auch als Trainer mal bremsen oder eben laut werden.“Wie es auch gehen kann, aber lieber nicht gehen sollte, führte das Duo aus Kroatien unfreiwillig vor. Als der eine im vierten Durchgang beim dreieinhalbfachen Salto vorwärts absprang und ins Wasser tauchte, blieb der andere einfach auf dem Brett stehen. Er hatte komplett den Rhythmus verloren. Null Punkte. So kann es gehen im Synchronspringen, bei dem das Timing so wichtig ist. Aber auch das Gefühl für den Absprung, die Synchronität in der Luft und beim Eintauchen. Auch Schauer berichtete von dieser ständigen Angst, Fehler zu machen, er sagte, den Blick zurück auf den Weltcup in Kanada gerichtet: „In Montreal haben wir uns nach dem dreieinhalbfachen Delfin-Salto ein bisschen sehr dolle gefreut und dann sind ein paar Fehler passiert, die nicht passieren sollten. Deswegen habe ich hier auf meinen Kopf gezeigt, um zu sagen: Alles Kopfsache, chill!“ Der Kopf spielte mit in Paris.„Alles Kopfsache, chill!“: Lou Massenberg (l.) und Jonathan Schauer mit ihren Goldmedaillen. Dimitar Dilkoff/AFPDie Medaille dürfte dem ungleichen Duo nun viel Motivation geben für die kommenden beiden Jahre, für die WM im Sommer 2027 in Budapest, vor allem aber für die Sommerspiele 2028 in Los Angeles. „Aber der Weg war von vornherein klar“, sagt Massenberg: „Wir wollen beide in L.A. auf dem Brett stehen, vor allem in dieser Disziplin. Und wir haben bewiesen, dass wir uns in Europa ganz durchsetzen können.“Mit 423 Punkten ist man jedenfalls ganz vorne dabei in der Weltspitze, „das ist eine Ansage, das sind 98 Prozent von dem, was wir uns erhoffen konnten“, sagte Schauer noch. Vor der EM hatten die beiden Moritz Wesemann und Timo Barthel ausgestochen.Der eine ist aggressiv im Training, der andere in sich gekehrt, bis es aus ihm herausbricht. Und der Bundestrainer mimt offenbar öfter mal den Schlichter. Klingt nach einer Hallenser Trainingsgruppe, die ziemlich fetzt.