Die Krankenversicherung für das Haustier kommt: Ist das für die Katz, oder lohnt sich das?Die Sanitas bringt als erste Schweizer Krankenkasse eine eigene Tierversicherung auf den Markt. Ein Tierarzt erklärt, welche Folgen das für die Behandlung von Haustieren haben könnte.04.08.2026, 10.00 Uhr4 LeseminutenDie Behandlungen sind oft teuer, aber versichert sind in der Schweiz die wenigsten Haustiere.Jörg Sarbach / APDie Schweizer lieben Haustiere. Sie sind Wegbegleiter und Familienmitglieder. Die emotionale Bindung zu ihnen ist stark. Wenn sie krank sind, dann leiden Frauchen und Herrchen mit. Doch je nach Behandlung gehen die Rechnungen des Tierarztes schnell ins Geld. Ein künstliches Hüftgelenk bei einem Hund kostet bis zu 5500 Franken, eine Chemotherapie ebenfalls.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Deshalb lanciert die Krankenkasse Sanitas am Mittwoch eine eigene Tierversicherung. Im Unterschied zu anderen Krankenversicherungen, die solche Produkte lediglich vermitteln, trägt die Sanitas das Risiko als erste Krankenkasse in der Schweiz selbst. Noch dominieren diesen Nischenmarkt Sach- und Spezialversicherer.Stärkere emotionale Bindung zu Hunden als zu KatzenDie Sanitas sieht in diesem Markt Potenzial, weil es in der Schweiz immer mehr Haustiere und ein wachsendes Interesse an Tiergesundheit gibt. Seit der Pandemie hat die Zahl der Hunde stark zugenommen: Laut der Tierstatistik Identitas lebten im Jahr 2020 rund 510 000 Hunde in der Schweiz, heute sind es fast 550 000. Hinzu kommen etwa 1,9 Millionen Katzen.Nur etwa 10 Prozent der Haustiere sind hierzulande versichert, in nordischen Ländern sind es 80 bis 90 Prozent, in Deutschland 20 bis 25 Prozent. Für Hunde schliessen die Halter häufiger eine Versicherung ab als für Katzen, weil die emotionale Bindung in der Regel stärker ist und die Kosten bei Behandlungen oft höher. Für Hamster, Meerschweinchen oder Vögel sorgen die Besitzer kaum für den Krankheitsfall vor. Je kürzer die Lebensdauer eines Tieres ist, desto weniger Geld geben sie für seine Gesundheit aus.Das neue Angebot der Sanitas übernimmt aber nur einen Teil der Tierarztkosten für Hunde und Katzen. Wie bei Krankenversicherungen für Menschen gibt es auch bei den Tieren eine Franchise, die der Tierhalter wählt. Diesen Betrag bezahlt er selbst, erst danach springt die Versicherung ein. Die Prämie hängt von dieser Franchise ab sowie von Tierart, Rasse, Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand des Tieres beim Abschluss der Versicherung. Der Tierhalter muss online einen Gesundheitsfragebogen ausfüllen und die Prämie wird jährlich angepasst.Die Basic-Versicherung für einen fünfjährigen Golden Retriever deckt Behandlungen bis zu 10 000 Franken pro Jahr ab und kostet 76 Franken 15 pro Monat bei einer Franchise von 500 Franken. Die Premium-Versicherung übernimmt Behandlungen bis zu 20 000 Franken und kostet monatlich 89 Franken 50. Die medizinischen Leistungen umfassen Prävention, Komplementärmedizin und Spitzenmedizin.Unterbehandlung contra ÜberbehandlungEine Krankenversicherung für den Hund oder die Katze: Ist das der nächste Schritt zur Vermenschlichung der Tiere? Oder ist eine solche Versicherung in der Schweiz längst überfällig?Nico Müller beschäftigt sich an der Universität Basel mit ethischen Fragen rund um Mensch-Tier-Verhältnisse, ist Präsident des Tierschutzvereins Animal Rights Switzerland und Mitinhaber einer Katzenpraxis im Raum Solothurn. Er sagt: «Mit einer guten Tierversicherung hat man weniger finanziellen Druck und kann freier entscheiden, welche Behandlung man dem Tier ermöglichen möchte.» Tierhalter sparten zunehmend bereits bei kleinen Behandlungen wie Impfungen.Ein anderes Beispiel sei die Zahngesundheit bei Katzen und Hunden, sagt Müller. Mit einer Zahnreinigung für 300 Franken könne der Halter zum Beispiel verhindern, dass das Tier später eine Zahnsanierung von bis zu 2000 Franken brauche.Dass sich Tierhalter aus finanziellen Gründen gegen die Behandlung ihres Tieres entscheiden, gehört für Kleintierärzte zum Alltag. Stefan Schellenberg ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Vereinigung für Kleintiermedizin und hat die Entwicklung der Tierversicherung im Auftrag der Sanitas begleitet. Er sagt: «Es gibt Tierhalter, die sich die Behandlung des gebrochenen Beins ihrer Katze schlicht nicht leisten können.» Er erlebe das regelmässig in seiner Tierklinik. Die Kosten wären überschaubar und die Heilungschancen gut, trotzdem bleibe manchen Tierhaltern nur das Einschläfern – nicht, weil sie es wollten, sondern weil sie die Kosten nicht tragen könnten.Schellenberg hat für solche Fälle eine Lösung gefunden. Die Tierklinik arbeitet mit einem Tierheim zusammen, das einen Grossteil der Kosten für die Behandlung übernimmt und das Tier bei sich aufnimmt. Hinter einer Einschläferung könnte er nicht stehen. Solche Situationen seien für die Tierärzte sehr belastend. Aber ob solche Klienten eine Tierversicherung abschliessen würden, sei äusserst fraglich, sagt er.Schellenberg erlebt aber auch das Gegenteil: die medizinische Überversorgung. Sie ist vor allem bei chronisch kranken Tieren ein Problem. «Ein Tier soll möglichst gut leben, nicht möglichst lange», sagt er. Bei Tieren, die eine terminale Diagnose und geringe Heilungschancen hätten und denen die Behandlung keine Lebensqualität mehr verschaffe, müsse man den Halter davon überzeugen, dass eine Behandlung das Leiden des Tieres nur noch verlängere.Im Klinikalltag kämen solche Situationen häufiger vor als das Beispiel mit der Katze mit dem gebrochenen Bein, sagt Schellenberg. Trotzdem glaube er nicht, dass Tierärzte plötzlich teure Behandlungen gegen das Tierwohl durchführen würden, nur weil die Versicherung bezahlen würde. «Wir sind auch die Anwälte des Tieres», sagt er. Er könne sich aber vorstellen, dass gewisse Tierärzte mehr diagnostische Tests machten, wenn das Tier versichert sei. Zum Beispiel schneller eine Magen-Darm-Spiegelung, statt zuerst eine Diät auszuprobieren.Ob sich eine Tierversicherung für den Hund oder die Katze lohnt, ist von der finanziellen Situation des Halters abhängig. Auch die Versicherung kostet. Zudem kommt es darauf an, wie krankheitsanfällig die Tierrasse ist. Viele Versicherungen schliessen etwa bei Französischen Bulldoggen die rassentypischen Erkrankungen aus. Weil sie stark überzüchtet sind, leiden sie oft an Atemwegs- und Wirbelsäulenproblemen, die neben Operationen auch laufende Kosten von über 1000 Franken jährlich verursachen können. Die Sanitas nimmt jede Rasse auf, aber auch bei dieser neuen Tierversicherung ist das eine Frage des Preises.Passend zum Artikel