PfadnavigationHomeSportFußballBundesligaFC Schalke 04Schalke-Boss Tillmann„Dieses Mal wechseln wir nicht aus Aktionismus den Trainer“Von Christian Kitsch, Max BackhausStand: 07:28 UhrLesedauer: 7 MinutenSchalke-Chef Tillmann (l.) und Sportvorstand BaumannQuelle: picture alliance/KROEGER/RHR-FOTOSchalke 04 steht eine schwierige Saison bevor. Der Bundesliga-Aufsteiger muss mit wenig Geld auskommen und laut Vorgaben noch einen Spieler verkaufen. Vorstandschef Tillmann ist zum Spagat gezwungen, wie er im Interview deutlich macht.Matthias Tillmann hatte in der vergangenen Saison viele Gründe zum Jubeln. Auch durch seine Sponsoren-Deals, die der 42-Jährige zu verantworten hat, dürften sich die anstehenden Vertragsgespräche nicht ewig in die Länge ziehen. Der Schalke-Boss entwirft im Gespräch mit WELT ein Bild, wie die nächsten Wochen und Monate im Klub ablaufen könnten.Frage: Fangen wir etwas ungewöhnlich an: Sportdirektor Youri Mulder hat uns mit einem Schmunzeln beauftragt, folgende Frage zu stellen: Warum leben Sie immer noch in der „Proleten-Stadt“ Düsseldorf und nicht in Gelsenkirchen?Matthias Tillmann: Diese Frage ist ja mal ein Statement! Düsseldorf eine Proleten-Stadt? Versnobt habe ich schon öfter über Düsseldorf gehört, aber nicht Proleten-Stadt. Ich komme übrigens gebürtig daher, wir fühlen uns sehr wohl. Und glauben Sie mir: Düsseldorf kann auch ganz anders. Allerdings ist der Fußball in Gelsenkirchen tatsächlich besser.Frage: Schafft Schalke die Vorgaben der Bundesliga für die Eigenkapital-Regel?Tillmann: Für dieses Jahr sind wir zuversichtlich, es bleibt gleichwohl eine große Kraftanstrengung. 2027 wird das schwieriger Jahr, weil wir dann rund zehn Millionen Euro erwirtschaften müssen, um die Auflagen zu erfüllen. Das können wir aus dem Tagesgeschäft nicht stemmen. Wir müssen das über Sondereffekte wie gute Spielerverkäufe und auch die Genossenschaft lösen. Dann gibt es noch sogenannte unplanbare Sondereffekte. Das wäre zum Beispiel, im Pokal weit zu kommen oder völlig überraschend die Qualifikation fürs internationale Geschäft zu schaffen – das kann man aber natürlich nicht planen.Frage: Für Zugänge haben Sie bisher rund 2,5 Millionen ausgegeben – wie viel Geld ist noch für weitere Verpflichtungen da?Tillmann: Das hängt davon ab, wie viel Geld durch Verkäufe reinkommt. Klar ist: Wir wollen und müssen in diesem Jahr einen Transferüberschuss erwirtschaften. Die Frage ist nun: Wie viel Risiko gehen wir? Wenn wir erst nur kaufen, erhöht das enorm den Druck, danach Spieler verkaufen zu müssen. Wir sind bereits deutlich in Vorleistung mit den Ausgaben gegangen und müssen zusehen, jetzt die Balance zu halten.Frage: Geben Sie diesen Verkaufsdruck an Sport-Boss Frank Baumann weiter?Tillmann: Das muss ich nicht. Wir sitzen regelmäßig zusammen und besprechen dann selbstverständlich auch solche Themen. Wir sind dazu immer im Austausch.Lesen Sie auchFrage: Mit ihrer Genossenschaft wurden bisher nur rund 10 Millionen Euro erwirtschaftet, Sie hatten sich deutlich mehr erhofft. Auch nach dem Aufstieg halten sich die Fans zurück. Enttäuscht, dass es so schleppend läuft?Tillmann: Ich hatte tatsächlich auf einen Aufstiegs-Hype gehofft. Da dieser Effekt nicht eingetreten ist, sind wir jetzt seit ein paar Wochen auf Werbetour, sprechen persönlich mit Fans, Mitgliedern und auch Unternehmen, um sie von der Genossenschaft zu überzeugen. Wir glauben an die Fördergenossenschaft, aber sollte es nicht klappen, müssen wir auch über andere Wege nachdenken …Frage: Heißt: Ausgliederung der Profi-Abteilung?Tillmann: Viele Vereine haben sich in den vergangenen Jahren nach Covid mit Ausgliederungen oder durch Kapitalerhöhung frisches Geld besorgt, wir wollen das Thema nicht aufmachen – allein der Zeitpunkt ergibt keinen Sinn. Wir glauben an die Stärke unserer Unabhängigkeit und wollen selbstbestimmt agieren.Frage: Zum Sportlichen: Wird Aufstiegs-Coach Miron Muslic auch noch am Saisonende Schalke-Trainer sein?Tillmann: Ich gehe stark davon aus. Diese Kontinuität tut uns extrem gut. Wir haben im vergangenen Jahr sehr sorgfältig einen Trainer ausgesucht, der zu unserer entwickelten Spielidee passt. Miron Muslic hat in seinem ersten Jahr auf Schalke viel angestoßen und die Menschen mit seiner Art und seinem Auftreten überzeugt. Insofern haben wir eine gute Trainer-Entscheidung getroffen. Wenn wir zwei, drei oder vier Jahre mit ihm zusammenarbeiten können, machen wir auf jeden Fall noch weitere Schritte nach vorn und entwickeln uns.Frage: Vor zwei Jahren haben Sie auf der Saisoneröffnung die Fans eingeschworen, Ruhe zu wahren und zusammenzuhalten. Doch schon nach dem sechsten Spieltag wurden Sie selbst unruhig, haben Ex-Trainer Karel Geraerts gefeuert. Ist dieses Szenario auch bei Muslic denkbar?Tillmann: Es gibt einen riesigen Unterschied: Heute wissen wir genau, was wir wollen. Wir sind überzeugt von dem Weg mit Miron – diese Überzeugung hatten wir damals nicht. Es wird sicher Phasen geben, in denen wir mal einige Spiele am Stück nicht gewinnen werden, dann kommt außerhalb des Vereins wahrscheinlich Unruhe auf. Ich bin mir aber sicher: Dieses Mal wechseln wir nicht aus Aktionismus den Trainer. Es passt mit Miron einfach – auch in möglichen schwierigen Phasen.Frage: Träumen Sie von einer Muslic-Ära auf Schalke?Tillmann: Wenn es nach mir geht, reden wir in den nächsten Jahren nicht über einen Trainerwechsel. Der Trainer ist die wichtigste Person, darf aber nicht die mächtigste sein. Entsprechend wären wir definitiv vorbereitet, sollte dieser Tag X irgendwann einmal kommen – das ist unsere Pflicht! Unsere Spielidee würden wir aber trotzdem behalten.Frage: Hat Muslic eigentlich eine Meisterprämie vereinbart?Tillmann: Kaiserslautern ist ja mal als Aufsteiger Meister geworden. Doch der Fußball hat sich verändert. Dass wir Meister werden, ist ausgeschlossen – also in der kommenden Saison. (schmunzelt) Deshalb ist das mit der Meisterprämie jetzt egal. Schauen wir mal, auf welchem Platz wir am Saisonende landen, und dann reden wir nächstes Jahr noch mal über dieses Thema. (lacht)Frage: Suat Serdar war 2020 Schalkes letzter deutscher Nationalspieler – das ist sechs lange Jahre her. Welchen Königsblauen werden wir demnächst bei Jürgen Klopp sehen?Tillmann: Robin Gosens hat bei der vergangenen EM gespielt, er war auch jetzt nah dran, mit zur Weltmeisterschaft zu fahren. Loris Karius traue ich den Sprung auch zu, er ist bärenstark. Wir haben in den letzten Jahren allerdings auch in der zweiten Liga gespielt, was Nominierungen selbstverständlich unwahrscheinlicher gemacht hat. Frage: Wie wichtig war der Gosens-Transfer?Tillmann: Er hat absolute Signalwirkung. Robin hat auf allerhöchstem Niveau gespielt, kommt aber komplett ohne Starallüren und passt perfekt zu uns. Alle im Team hatten sofort Respekt vor ihm.Anmerkung der Redaktion: Gosens hat sich im Testspiel gegen Hessen Kassel am Sonntag am Oberschenkel verletzt. Der Linksverteidiger werde „bis auf Weiteres“ ausfallen, genauere Angaben zur Verletzung machte Schalke am Montag nicht.Frage: Sind Sie erschrocken, wie ruhig es aktuell auf Schalke ist?Tillmann: Natürlich gibt es immer Themen, komplett ruhig ist es nie. Aber man merkt total, dass wir in den letzten Monaten in allen Bereichen gute und wichtige Schritte nach vorn gemacht haben. Es gibt aktuell kein großes Theater – wenn es nach mir geht, bleibt das in den nächsten zwei, drei Jahren auch so, denn das hilft uns enorm.Frage: Vor rund anderthalb Jahren haben wir gefragt: Wann fliegt Tillmann raus? Heute fragen wir Sie: Wann verlängert Tillmann? Ihr Vertrag läuft am Saisonende aus …Tillmann: Für mich ist es sehr wichtig, den Weg, den wir vor fast drei Jahren begonnen haben, weiterzugehen. Wir haben viel geschafft, aber wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen – wo Schalke hingehört. Ich bin voller Energie, möchte weiter ein Teil dieses Teams sein. Wir werden zu dem Thema sicherlich Gespräche führen. Jetzt steht allerdings auch für meine Familie und mich erst einmal Urlaub an. Ich sehe das entspannt.Frage: Wie lange dauert es, bis Schalke endlich wieder auf Augenhöhe mit dem BVB sein wird – 10 Jahre?Tillmann: Dortmund ist aktuell unglaublich weit weg. Den Vorsprung können wir nur mit kleinen Schritten aufholen. Wir wollen uns nachhaltig in der Bundesliga etablieren, das ist wichtig für den Verein und schließt dann nach und nach die Lücke.Frage: Diese Saison gibt’s endlich wieder Derbys – ist Schalke chancenlos?Tillmann: Nein! Dortmund ist Favorit. Aber sie werden nicht den Fehler machen, uns zu unterschätzen. In einem oder zwei Spielen kann immer alles passieren, vor allem im Derby. Da werden wir alles raushauen.Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild“ veröffentlicht.
Schalke 04: Klub-Boss Tillmann – „Die Frage ist nun: Wie viel Risiko gehen wir?“ - WELT
Schalke 04 steht eine schwierige Saison bevor. Der Bundesliga-Aufsteiger muss mit wenig Geld auskommen und laut Vorgaben noch einen Spieler verkaufen. Vorstandschef Tillmann ist zum Spagat gezwungen, wie er im Interview deutlich macht.






