Die Belagerung von Konstantinopel auf einer Wand des Klosters Moldovita in Rumänien (16. Jahrhundert)Quelle: Sunny Celeste/Bildagentur-online/picture allianceDer Fall von Konstantinopel schien 626 nur eine Frage von Tagen zu sein. Überlegene Heere der Awaren und Perser belagerten die Stadt. Ihre Rettung verdankten die Byzantiner himmlischem Beistand. Wenige Jahre später veränderte sich die Welt.Als Allah dem Propheten Mohammed seine Botschaft offenbarte, warf er auch einen Blick auf die Zeitgeschichte. So heißt es im Koran: „Besiegt sind die Römer im nächstgelegenen Land / Doch siegen werden sie nach ihrer Niederlage / in ein paar Jahren.“ Nicht umsonst trägt die 30. Sure den Titel „ar-Rūm“ (die Römer), denn sie war nicht nur den Anhängern Mohammeds Balsam für die Seele. Die 60 Verse entstanden nämlich kurz vor der Hedschra, der Flucht des Propheten aus Mekka nach Medina. Damals, um das Jahr 622, hatten Feinde weite Gebiete des Oströmischen Reiches erobert. Vier Jahre später, am 29. Juli 626, marschierten „wilde Völker, deren Leben der Krieg ist“ (so ein Chronist), vor Konstantinopel auf und schlossen die Kaiserstadt von allen Seiten ein. Nach zehn Tagen aber erfüllte sich die Prophezeiung Mohammeds. Die Byzantiner siegten – mit weltgeschichtlichen Folgen.Zeitgenossen hätten auf das Gegenteil gewettet. Denn in den Jahrzehnten zuvor hatten Usurpationen, Bürgerkriege und Invasionen aus Ostrom, das unter Kaiser Justinian (reg. 527–565) noch weite Teile des alten römischen Imperiums umfasst hatte, ein Trümmerfeld gemacht, aus dem nur noch wenige feste Bastionen herausragten. In den 580er-Jahren hatten slawische Gruppen in großer Zahl die Donau überschritten und waren bis nach Thessalonike vorgedrungen. Nach ihnen drängten die Awaren, Reiternomaden aus Zentralasien, die in Ungarn ein Reich errichteten und vielen Slawen ihre Herrschaft aufdrückten.Daneben weitete sich die seit dem 3. Jahrhundert schwelende Rivalität mit dem Großreich der persischen Sasaniden wieder einmal zu einem heißen Krieg aus. Indem er sich mit dem vertriebenen Prinzen Chosrau verbündete und ihn sogar adoptierte, gelang es Kaiser Maurikios (reg. 582–602), den Krieg zu beenden. Auch an der Balkanfront feierten die Byzantiner Erfolge. Aber die Strapazen der Kämpfe führten 602 zu einer Meuterei. Maurikios wurde ermordet und ein subalterner Offizier namens Phokas zum Kaiser proklamiert.Dessen Herrschaft gilt als ein Tiefpunkt der byzantinischen Geschichte. Er soll lasterhaft, trunksüchtig und krankhaft brutal gewesen sein. Hinrichtungen waren ebenso an der Tagesordnung wie ausschweifende Gelage und brutale Polizeiaktionen gegen unruhige Untertanen. Als 610 Herakleios (reg. 610–641), der Sohn des Exarchen (Statthalters) von Karthago, mit einer Flotte vor Konstantinopel erschien, wurde er als Befreier begrüßt. Phokas wurde enthauptet, seine Leiche ausgeweidet und verbrannt. Aber das reichte nicht aus, um die Lage zu bereinigen. Lesen Sie auchDenn der inzwischen zum Großkönig aufgestiegene Chosrau II. Parviz hatte die Ermordung seines Patenonkels zum Anlass genommen, sich zu dessen Rächer aufzuschwingen. Nach erfolgreichen Vorstößen nach Kleinasien, wo sie 608 bis an den Bosporus gelangten, eroberten sasanidische Heere bis 613 Syrien. 614 fiel Jerusalem, aus dem die Reliquie vom Heiligen Kreuz verschleppt wurde. 619 ging Ägypten und damit die Kornkammer Ostroms verloren. Das Persische Weltreich der Achämeniden, das Alexander der Große einst erobert hatte, war wiedererstanden. Parallel dazu verwüsteten Awaren und Slawen den Balkan, mit dramatischen Folgen für die Bewohner und das Steueraufkommen von Byzanz. Abgerundet wurde diese Liste vom Verlust Südspaniens an die Westgoten.Lesen Sie auchDie Lage war so verzweifelt, dass Herakleios daran gedacht haben soll, die Zentrale des Reiches ins ferne Karthago zu verlegen. Sergios, der Patriarch von Konstantinopel, habe ihn davon abgebracht, heißt es, nicht zuletzt mit der Bereitschaft, die Schätze der Kirche einzuschmelzen, um damit neue Heere auszurüsten. Auch setzte der Kaiser weitreichende Reformen in Gang, indem die verbliebenen Provinzen als Themen unter der Leitung von Militärs organisiert wurden, deren Truppen aus Wehrbauern bestanden. Diese Innovation sollte zur Grundlage der späteren Themenverfassung werden. Nachdem er gegen hohe Geldzahlungen vom Khagan der Awaren einen brüchigen Frieden erkauft hatte, setzte Herakleios alles auf eine Karte. 622, in dem Jahr, in dem Mohammed nach Medina floh, stellte er sich als erster römischer Kaiser seit mehr als 200 Jahren an die Spitze seiner Armee und zog mit ihr nach Kleinasien. Nach ersten Erfolgen konnte er sich in der Kaukasus-Region festsetzen, um sich von dort nach Mesopotamien, dem sasanidischen Kernland, vorzukämpfen.In welchen Dimensionen dieser „Weltkrieg“ geführt wurde, zeigt Chosraus Reaktion. Er gewann den Awaren-Khagan (der Name ist unbekannt), dessen Anhang nach frischer Beute gierte, zu einer gemeinsamen Zangenbewegung. Dafür schickte der Sasanide 626 ein Heer unter dem Feldherrn Schahin nach Armenien. Zugleich sollte die Haupttruppe unter dem Kommando des erfahrenen Generals Schahrbaraz durch Kleinasien bis nach Konstantinopel vorstoßen. Auf dem europäischen Ufer des Bosporus war derweil das Heer der Awaren aufgezogen – die Quellen sprechen von 80.000 Mann, das Gros waren slawische Krieger, der Kern aber bestand aus awarischen Panzerreitern. Am 29. Juli 626 begann die Belagerung.Mit seiner dreifachen, fast sieben Kilometer langen Landmauer und den 15 Kilometer langen Seemauern war Konstantinopel die größte Festung der Mittelmeerwelt. Mit 12.000 Soldaten und Tausenden Milizionären bemannt, gelang es, die ersten Sturmangriffe zurückzuschlagen, während die Flotte die Versorgung über See sicherstellte. Während der Heermeister Bonos für den Kronprinzen Konstantin die weltliche Verteidigung übernahm, sorgte Patriarch Sergios für geistlichen Beistand. „Tränenüberströmt zog er um die Stadtmauern und zeigte eine wundertätige Ikone, eine unbesiegbare Waffe gegen die finsteren Mächte“, berichtet der Augenzeuge Theodor Synkellos. Diese Prozessionen versicherten nicht nur den verängstigten Bewohnern himmlischer Hilfe. Sondern die heiligen Bilder sorgten auch dafür, dass „der allerbarmherzigste und mitfühlendste Gott durch die willkommene Fürsprache seiner unbefleckten Mutter, die in Wahrheit unsere Herrin, die Mutter Gottes und immerwährende Jungfrau Maria ist, mit seiner mächtigen Hand diese bescheidene Stadt von den gottlosen Feinden rettete“, wie es im „Chronicon Paschale“, einer zeitgenössischen Weltchronik, heißt. Mit dieser Unterstützung scheuten sich die Belagerten nicht, brutale weltliche Symbolpolitik zu betreiben. Lesen Sie auchAls Schahrbaraz und seine Männer am asiatischen Ufer des Bosporus Stellung bezogen hatten, ließ der Khagan drei persische Botschafter in sein Lager schaffen, um den Verteidigern noch einmal die gemeinsamen Forderungen zu präsentieren. Auf dem Rückweg fielen diese Botschafter den Byzantinern in die Hände. Ein Gesandter wurde sofort enthauptet, ein anderer auf dem Meer im Angesicht des persischen Heeres, dem dritten wurden die Hände abgehackt, um den Hals gehängt, und mit dem Kopf eines Kollegen unter dem Arm ins persische Lager geschickt. Eine Verständigung war nun nicht mehr möglich.Den Belagerern lief die Zeit davon. Denn die Versorgung dieser Truppenmassen auf engstem Raum war schwierig. Auch konnte jeden Tag das Entsatzheer eintreffen, das Herakleios entsandt hatte. Der Kaiser selbst blieb jedoch mit einem Teil der Truppen in Armenien, zum einen, um seine gewonnene Position nicht aufzugeben, und zum anderen, um sasanidische Kräfte zu binden. Es gelang sogar, das Heer des Schahin zu schlagen.In Ermangelung einer Flotte schickte der Khagan Tausende slawische Einbäume über den Bosporus, um die schwer bewaffneten sasanidischen Ritter für einen gemeinsamen Großangriff überzusetzen. Aber die byzantinische Flotte war auf dem Posten und veranstaltete unter den Booten ein wahres Massaker. „Man hätte die gesamte Bucht trocken überqueren können, so viele Leichen lagen dort“, schreibt Theodor Synkellos. In seiner Wut soll der Khagan, der das Gemetzel vom Ufer aus beobachtete, befohlen haben, überlebende Slawen zu töten. Lesen Sie auchDen Rest besorgte die Heilige Maria. Mit Blitzen soll sie die Belagerungsmaschinen verbrannt haben. Als Awaren und Perser am 7. August unverrichteter Dinge abzogen, waren sich die Byzantiner einig, „dass die Jungfrau selbst diesen Kampf und diesen Sieg errang“ (Synkellos). Die Resultate hatten welthistorische Dimensionen. Die Slawen konnten die Herrschaft der Awaren abschütteln und in weiten Teilen des Balkan zur festen Landnahme übergehen. Ihre ehemaligen Herren zogen sich auf ihr Kernland in der ungarischen Tiefebene zurück; dort wurden sie später Opfer Karls des Großen. Herakleios ging in Armenien wieder in die Offensive. Ein Bündnis mit den Kök-Türken in Zentralasien, traditionellen Gegnern der Sasaniden, soll ihm 40.000 Kämpfer verschafft haben. Mit dieser Kriegsmacht brach er 627 ins Zweistromland ein, besiegte bei Ninive eine sasanidische Armee und plünderte anschließend Chosraus Residenz in Dastagird unweit der sasanidischen Hauptstadt Ktesiphon (auf dem Gebiet von Bagdad). Weil der Großkönig, anstatt die Verteidigung zu organisieren, die Schuld bei seinen Generälen suchte, lösten die persischen Großen das Problem auf ihre Weise. Chosrau wurde abgesetzt und ermordet. Und sein Sohn bestieg als Kavadh II. den Thron und schloss Frieden auf der Grundlage des Vorkriegszustandes.Lesen Sie auchSeinen Sieg feierte Herakleios mit der restituierten Reliquie des Heiligen Kreuzes, die im Triumphzug nach Jerusalem zurückgeführt wurde. Das kaschierte allerdings die Tatsache, dass die endlosen Kriege die Ressourcen von Byzantinern und Persern nachhaltig erschöpft hatten. Mohammed sollte recht behalten: Die Römer würden „siegen in ein paar Jahren“, aber damit verloren sie die Kraft, sich gegen die Anhänger Mohammeds zu behaupten, die nach dessen Tod daran gingen, ein Weltreich zu erobern. 651 machten sie dem Sasanidenreich den Garaus. Beim Tod des Herakleios 641 wehte die Fahne des Propheten bereits über Antiochia, Damaskus und Jerusalem. Ägypten und Karthago folgten, 674 standen die Araber vor Konstantinopel.Dass Byzanz auch diesmal überlebte, verdankte es nicht zuletzt der Themenverfassung und weiteren Reformen, die Herakleios angeschoben hatte. Die Flotte und ihre Wunderwaffe, das Griechische Feuer (eine Art Flammenwerfer, der während der Belagerung 674 bis 678 erfunden wurde), wurden zum Rückgrat der Militärmacht. Obwohl sie sich weiterhin Rhomaioi, Römer, nannten, dachten und sprachen die Byzantiner nunmehr Griechisch. Der Kaiser war vom lateinischen Imperator zum griechischen Basileus geworden. Ihren wichtigsten Beschützer aber fanden die Byzantiner in der Muttergottes, die sie 626 aus der existenziellen Bedrohung errettet hatte. Die Verehrung Marias sollte die Identität von Roms Erben von nun an prägen. Eine religiöse Liturgisierung durchdrang bald alle Bereiche des öffentlichen Lebens und formte, wie es der Althistoriker Mischa Meier ausgedrückt hat, „aus den frommen Byzantinern ein Volk von Heiligen, aus ihrem Reich einen sakralen Raum, aus ihrer Kapitale die Stadt der Gottesmutter“.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Geschichte von Byzanz zu seinem Arbeitsgebiet.