Illegale Strandbäder werden abgerissen und Automaten für Sonnenschirme eingeführt: Italiens Küste verändert sich, wenn auch langsamDas Lido, der Sehnsuchtsort der Italienreisenden, erlebt eine Krise. Hohe Preise und verschlampte EU-Vorgaben zur Neuvergabe von Betriebsbewilligungen kratzen am Image. Obwohl die Meloni-Regierung die Reformen aufgeschoben hat, tut sich nun etwas zwischen den Liegen.04.08.2026, 06.39 Uhr5 LeseminutenEingepfercht zwischen zwei Lidi: ein freier Strandabschnitt in Santa Severa in der Region Latium.Yara Nardi / ReutersStatt Liegestühlen stehen dieser Tage Bagger an der Küste von Ostia. Am beliebten Ausflugsziel vor den Toren der Hauptstadt Rom passiert gerade mitten in der Badesaison das, was in vielen Regionen Italiens gefordert wird: Zwei ehemalige Bezahlstrände verschwinden. Die Schaufeln der schweren Maschinen schaffen Platz für kostenlose Küstenabschnitte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Abriss der zwei berühmten Lidi begann in Ostia in der vergangenen Woche. Das «Shilling» war einst ein Treffpunkt hochbezahlter Profi-Fussballer und anderer Prominenter. Als Nächstes wird das benachbarte «Sporting» demoliert. Die Behörden hatten beide Strandbäder bereits vor zwei Jahren wegen Mängeln und Vergehen schliessen lassen.Architektonisches Kulturgut vergammeltZwei weitere Anlagen modern vor sich hin, darunter auch der «Kursaal», der mit dem ikonischen Sprungturm des Architekten Pier Luigi Nervi in Federico Fellinis «I Vitelloni» und in anderen Kinoklassikern zu sehen ist. Grund für die Schliessungen waren abgelaufene Betriebserlaubnisse, nicht bezahlte staatliche Nutzungsgebühren und – besonders im Fall des «Shillings» – Verstösse gegen Bauvorschriften.Ikonisch: der Sprungturm des Stararchitekten Pier Luigi Nervi in Ostia aus dem Jahr 1950.ImagoSeither verlotterten die Bars und Restaurants mit ökologisch bedenklichen Folgen. Bei jedem Sturm unterspülten die Wellen die verlassenen Gebäude. Beton, Plastik, Holzlatten, rostiges Metall: Alles landete Unwetter für Unwetter im Meer. Der «Corriere della Sera» schrieb im vergangenen Winter: «Ein Abschnitt der Küste von Ostia sieht aus, als wäre er bombardiert worden.»Während in vielen Regionen Italiens die Behörden vor gesetzlichen Verstössen der Strandbadbetreiber die Augen verschliessen oder zumindest die Sonnenbrille aufsetzen und sich trotzdem auf eine Liege fläzen, greifen diejenigen der Provinz Rom und der Gemeinde durch. «Ostia hat schon vor einiger Zeit einen Weg eingeschlagen, den ich für unumkehrbar halte», sagte Roms Präfekt Lamberto Giannini. Zum Beginn der Abrissarbeiten war er in Ostia persönlich zugegen.Schillerndes Strandbad «Shilling»: der einstige Treffpunkt des Römer Nachtlebens nach einem Sturm im vergangenen Februar.Marcello Valeri / ImagoSeit Jahren herrscht in Italien eine Debatte um die Lidi. Sie sind im Land mit rund 8000 Kilometer Küste ein Kulturgut. Aber auch ein Kreuz. Entstanden sind sie bereits Mitte des 18. Jahrhunderts für die Aristokratie. Mit dem Wirtschaftsaufschwung ab den 1950er Jahren schossen die Sonnenschirme dann wie Pilze aus dem Boden und wurden auch für die breite Masse erschwinglich. Begleitet von den Noten der Hits wie «Sapore di sale» strömten die Menschen aus den zahlungskräftigen und industrialisierten Zentren – und bald auch aus Nordeuropa – an die Küsten des Belpaese.Fast die Hälfte sind BezahlsträndeInzwischen stecken die sogenannten «stabilimenti balneari» aber in einer Krise. Sie bieten zwar immer noch den Komfort von mehr oder minder betretbaren Toiletten, exzellentem Espresso an der Bar und oft köstlichen Spaghetti Vongole bei Sonnenuntergang. Wie das Salzwasser an den Holzgarderoben nagt, so kratzt nun aber ein Gemisch aus Rechtsverletzungen, der Verschandelung der Natur und dem jahrzehntelangen Streit um die Konzessionen am Image der Institution Lido.Denn die Küste gehört wie anderswo in Europa dem Staat. Das Ufer müsste auch in Italien überall für jedermann frei und kostenlos zugänglich sein. Eine Ausnahme stellen die privat verpachteten Abschnitte dar. In Italien machen sie rund 42 Prozent der Sandstrände aus. Manche sind illegal errichtet, versperren die Sicht auf das Wasser. Seit 2006 fordert die EU, dass die Konzessionen neu und regelmässig vergeben werden – gerade weil sie sich auf öffentlichem Grund befinden. Dagegen wehren sich die vielen Familienbetriebe. Der einstige Regierungschef Mario Draghi hatte bereits eine Reform angeschoben, doch seine Nachfolgerin Giorgia Meloni verschob sie auf Ende 2027.Vor allem aber geben die Wucherpreise der Lidi zu reden. Den Luxus von zwei Strandliegen und einem Sonnenschirm gab es in den 1980er Jahren noch für 5000 bis maximal 10 000 Lire, also höchstens 5 Euro pro Tag. Heute kostet er laut Zahlen von Industrie- und Konsumentenverbänden im Schnitt 35 bis 40 Euro. An mondänen Stränden wie etwa der paradiesischen Cala Brandinchi auf Sardinien sind für einen «ombrellone» und zwei «lettini» im August gar samt Gebühren 205,83 Euro pro Tag fällig. Für Kinder ab 12 Jahren müssen Eltern einen eigenen Liegeplatz zum vollen Preis buchen. Das Parking-Ticket kommt hinzu. Finanziell ein türkisblaues Wunder.Paradiesisch, aber teuer: An der Cala Brandinchi auf Sardinien kosten zwei Liegen und ein Sonnenschirm in der Hochsaison über 200 Euro.Fabrizio Villa / Getty Images EuropeDie gibt es auf Sardinien allerdings auch zum Nulltarif. Die Insel ist eine der wenigen italienischen Regionen mit sehr niedrigem Anteil an Bezahlstränden. Laut den neusten Zahlen der italienischen Umweltschutzorganisation Legambiente ist nur rund ein Fünftel der Sandstrände Sardiniens durch Lidi besetzt – obwohl auf der Insel ein Grossteil der schönsten Küstenabschnitte des Landes zu finden ist. Auch auf Sizilien, im Friaul oder in Apulien ist die Mehrheit der Strände frei zugänglich. Mit eigenem Schirm und eigenen Klappstühlen lässt es sich günstig baden – so bleibt mehr Geld übrig, um im benachbarten Lido Gelati zu lecken.Marken vorbildlich, Ligurien restriktivVorbildlich in der Wertung ist die mittelitalienische Adriaregion Marken mit nur 19,6 Prozent an belegten Stränden. Doch zu reden geben Regionen wie die Emilia-Romagna mit 69 Prozent und Kampanien mit 68 Prozent. Besonders fragwürdig ist die Lage in Ligurien – für die Schweizerinnen und Schweizer der nächstgelegene Landepunkt am Meer. Das Gesetz der Region schreibt den Gemeinden vor, dass mindestens 40 Prozent der Strände frei zugänglich sein müssen, was eine der strengsten Vorgaben im Land darstellt. Doch seit mehr als zwei Jahrzehnten wird diese ignoriert. Mit rund 70 Prozent führt Ligurien die Statistik mit der höchsten Quote an kostenpflichtigen Strandanlagen an.Die Kontroversen der vergangenen Jahre haben nun nebst den Behörden in Ostia auch diejenigen in Ligurien mobilisiert. Die Gemeinde Chiavari östlich von Genua hat in diesem Sommer sogenannte «parcometri» an zwei öffentlichen Stränden eingeführt: Badegäste können an einer Art Parkuhr Liegen oder Sonnenschirme für 5 Euro pro Stück und Tag bar oder mit Karte vorbezahlen. Mit der Quittung aus dem Automaten erhalten sie diese dann am Strand bei einem Mitarbeiter der Gemeinde ausgehändigt. Das System ist eine Premiere für Italien und heiss begehrt. Jeweils ab 9 Uhr morgens ist das Angebot aktiv. An den Wochenenden sei es bereits nach einer Viertelstunde ausverkauft, sagte Chiavaris Bürgermeister Federico Messuti zum Tessiner Sender RSI.Umdenken auch in RiminiSelbst Orte wie Rimini wollen einen Wandel. Dort stellt die einzige Abwechslung am Strand die Farbe und Musterung der «ombrelloni» dar. Sonst: Schirm um Schirm, Liege an Liege, kilometerweit. Wer sein eigenes Zelt aufstellen will und sich gegen den Massentourismus sträubt, für den ist die Hochburg der Adria-Ferien in der Emilia-Romagna ein Graus. Inzwischen hat die Stadt aber beschlossen, den Anteil an freien Stränden bedeutend zu erhöhen. Er soll von 14 auf 26 Abschnitte und damit um 37 Prozent erhöht werden.Ganz ähnlich in Jesolo im Friaul. Dort hat die Gemeinde beschlossen, die bisher rund 45 000 Sonnenschirme auf 30 000 zu reduzieren. Wenn auch langsam – es ändert sich etwas an Italiens Küsten.Passend zum Artikel
Italiens Küste: Illegale Lidi weichen, Automaten für Sonnenschirme kommen
Das Lido, der Sehnsuchtsort der Italienreisenden, erlebt eine Krise. Hohe Preise und verschlampte EU-Vorgaben zur Neuvergabe von Betriebsbewilligungen kratzen am Image. Obwohl die Meloni-Regierung die Reformen aufgeschoben hat, tut sich nun etwas zwischen den Liegen.









