Rolling Stones: Sechzig Jahre lang Satisfaction. Und erst ein bisschen müdeDer routinierte amerikanische Biograf Bob Spitz erzählt die Geschichte der Rolling Stones zwar kompetent. Er interessiert sich allerdings mehr für die Musiker als für die Musik.Jean-Martin Büttner04.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIn seiner Stones-Biografie schreibt Bob Spitz unaufgeregt über Skandale, Exzesse und Abstürze der Musiker.Mark and Colleen Hayward / Redferns / GettyWie so oft konnte sich Keith Richards am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern. Erst als er die Kassette in seinem Tonbandgerät zurückgespult hatte, hörte er sich auf der akustischen Gitarre ein Riff in drei Akkorden schlagen und dazu einen Satz mit doppelter Verneinung singen: «I can’t get no satisfaction.» «Auf dem Rest des Bandes hörte man mich schnarchen», sagte er später, nie um eine selbstironische Pointe verlegen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Richards gab Akkorde und Titel an Mick Jagger weiter, seinen Sänger und Songwriting-Partner. Am Swimmingpool eines Hotels in Florida schrieb der darauf einen Songtext: die Verhöhnung der Werbung im Tonfall ihrer Verführung. Das war im Frühling 1965, die Rolling Stones absolvierten ihre zweite Amerika-Tournee. Weder Keith noch Mick fanden den Song besonders gut. Wie konnten sie wissen, dass er sie als Band definieren würde – so sehr, dass die Stones ihn fast sechzig Jahre später noch als Konzertzugabe spielen würden?Bob Spitz war in jener Nacht, als Keith Richards das legendäre Gitarrenriff einfiel, nicht zugegen. Trotzdem tut er so. Denn im Indikativ permanenter Zeugenschaft werden Biografien am besten erzählt. Und der Autor war scheinbar schon in vielen Leben dabei, hat er uns doch schon die Geschichte der Beatles erzählt, das Leben von Led Zeppelin und Bob Dylan, Ronald Reagan und der Fernsehköchin Julia Child.Unaufgeregte ProsaSpitz arbeitet sozusagen als professioneller Voyeur. Dagegen wäre nichts einzuwenden – ausser das: Wer die Geschichte einer Rockband erzählt, sollte auch ein gutes Gehör haben. Erstaunlicherweise scheint sich Bob Spitz zwar sehr für die Musiker zu interessieren, aber wenig für ihre Musik. Was er uns über die Songs, Konzerte und Platten der Stones zu sagen hat, haben andere Autoren wie Nick Kent, Stanley Booth oder Greil Marcus weit engagierter und kompetenter beschrieben.Dafür wirken seine Beobachtungen anschaulich. Etwa wenn er sich an sein letztes Stones-Konzert im Juli 2024 erinnert und die Musik mit dem Start einer Rakete vergleicht und die beiden Gitarristen mit Schwertkämpfern. Was Bob Spitz gut kann, ist das Vermitteln des Bekannten in unaufgeregten, kompetent recherchierten Texten: über Skandale, Exzesse und Abstürze, über die Geldstreitereien, die Frustration übergangener Musiker, den jahrelangen Zwist zwischen Jagger und Richards oder die kapitalistische Konsolidierung der Band in den achtziger Jahren.Anschaulich beschreibt Bob Spitz die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Bandmitglieder, die ausser ihrer Liebe zur Musik, ihrem Humor und ihrer durchgängigen Britishness nichts gemeinsam haben oder hatten. Da ist der ebenso intelligente wie konservative ehemalige Wirtschaftsstudent Mick Jagger, ein extravertierter Charismatiker, der nicht besonders gut singen kann, aber mit den Grenzen seiner Möglichkeiten spielt und Intensität durch laszives Andeuten erzeugt.An der Rhythmusgitarre arbeitet Keith Richards, ein verschlossener Choleriker mit einem Minimum an Akkorden und einem Maximum an Wirkung. Der Begabteste der Band war der Schwierigste: der Multiinstrumentalist Brian Jones, dem man heute eine schwere bipolare Störung attestieren würde und der an seinen Drogen zugrunde ging. Dazu gesellte sich als Rhythmusgruppe ein swingendes Duo von Begleitern mit ausdruckslosen Gesichtern: Bill Wyman am Bass und der coole Jazzmann Charlie Watts am Schlagzeug.«Let the old still believe that they’re young», singt Mick Jagger.Amy Harris / Invision/ APKritische DistanzObwohl der Biograf die Band mag, wahrt er die nötige kritische Distanz. Zu Recht weist er darauf hin, dass die Rolling Stones bis zu ihrem Album «Beggars Banquet» von 1969 weit weniger gute Songs schrieben als die Beatles. Ebenso berechtigt ist seine Kritik an Mick Jaggers sexistischen Lyrics mancher Songs, die man nur mit Anstrengung als ironisch verstehen kann. Dazu passt, dass die Stones einzig an ihrer eigenen Freiheit interessiert waren und sich unter Jaggers Führung zu einer Firma der kapitalistischen Gier entwickelten. Das kann man auch anderen Gruppen vorwerfen, aber die Briten waren in ihrer Schamlosigkeit die Ersten.Unverständlich für eine so aktuelle und dazu noch 700 Seiten lange Biografie: Bob Spitz verwendet über zwei Drittel seines Buches für die bekannteste Zeit der Band und fertigt ihre letzten dreissig Jahre auf knapp hundert Seiten ab. Immerhin bekommt er noch ihre vorletzte Platte «Hackney Diamonds» mit und zitiert daraus Jaggers treffende Zeile «Let the old still believe that they’re young», lass die Alten an ihre Jugend glauben.Die Rolling Stones als glaubwürdige Vertreter ihrer alternden Fans, das kann man nachvollziehen. Und es erklärt die nahezu hysterischen Reaktionen von Presse und Publikum auf «Foreign Tongues», ihr fünfundzwanzigstes, vor kurzem erschienenes Studioalbum. Je einfallsloser die Musik, so scheint es fast, desto grösser die Euphorie. Aber die über achtzigjährigen Rockstars wissen genau, dass sie keine Platte verkaufen, sondern sich als Marke präsentieren müssen.Die «Glimmer Twins» Mick Jagger und Keith Richards schreiben bis heute zusammen die Songs der Rolling Stones.Mike Stephens / Hulton / Getty«Reduce to the max»Um zu verstehen, warum diese Band ihrem Publikum über sechzig Jahre lang Satisfaction lieferte, wenn auch mit einigen Durchhängern, muss man sie auf ihrer letzten Europatournee gesehen haben. Zwar ist Charlie Watts 2021 an Kehlkopfkrebs gestorben, und der Gitarrist Ronnie Wood hatte lange mit Drogenproblemen zu kämpfen. Aber die Stones liessen sich von ihrer druckvollen afroamerikanischen Rhythmusgruppe Darryl Jones und Steve Jordan zu einer Reihe grossartiger Konzerte inspirieren.Die besten Lieder der Stones charakterisiert ironische Zurückhaltung – doch es ist gleichzeitig die Leidenschaft ihres Vortrags, die Millionen immer wieder in die Stadien gelockt hat. Diese Kombination lässt sich am besten mit einem Slogan von Mercedes für seinen Smart ausdrücken: «Reduce to the max». Knapp und klar wie ein Riff von Keith Richards, das er noch im Schlaf spielen könnte.Bob Spitz: The Rolling Stones. The Biography. Penguin Books 2026. 704 S., Fr. 49.90. – Eine vom deutschen Liedermacher Heinz-Rudolf Kunze übersetzte Version des Buches ist angekündigt.Passend zum Artikel