„Sie werden heute festgenommen“, sagt die Staatsanwältin, und der angeklagte Samuel W. (Name geändert) blickt erschrocken auf. Vor gut eineinhalb Jahren soll der heute 28-Jährige auf der Leopoldstraße einen Taxifahrer gebissen, geschlagen und mit seinem Sicherheitsgurt stranguliert haben. „Aber ich habe einen Filmriss, ich kann mich an nichts erinnern“, versichert W. vor dem Landgericht München I. Dafür hat der Taxifahrer die Ereignisse jener Nacht noch lebhaft im Kopf: „Er hat mich fast erwürgt“, sagt der 50-Jährige.Basierend auf den Aussagen des Fahrers hat die Staatsanwaltschaft die Nacht auf den 17. November 2024 rekonstruiert: Kurz vor 3 Uhr früh stieg Samuel W. am Maximiliansplatz in das Taxi, nahm direkt hinter dem Fahrer Platz und gab als Fahrziel „Leopoldstraße stadtauswärts“ an. An der Kreuzung zum Petuelring hielt der Taxler an einer roten Ampel. Laut Anklage soll Samuel W. erklärt haben, das sei die falsche Richtung, der Taxler solle umdrehen, um dann zu befinden, dass er nun aussteigen wolle.Der Taxifahrer stoppte das Taxameter, hatte noch das Automatikgetriebe auf Fahrbetrieb eingestellt und hielt den Wagen mit dem Fuß auf der Bremse im Stehen. 21 Euro sollte Samuel W. für die Fahrt entrichten, doch darüber entspann sich ein Streit. Als W. die Schiebetüre des Wagens öffnen wollte, griff der Taxler nach hinten, um ihn am Verlassen des Fahrzeugs zu hindern.Was dann folgte, sei „schrecklich“, sagt der Angeklagte, „nicht in Worte zu fassen“. Es tue ihm unendlich leid, und dieser Kontrollverlust mache ihm Angst. Denn W. soll den Taxler in den Unterarm gebissen und seinen Kopf vor allem im Augenbereich mit Fäusten traktiert haben. Dann soll der 28-Jährige von hinten den Sicherheitsgurt fest angezogen und den Taxifahrer stranguliert haben. Die Füße hatte W. gegen den Fahrersitz gestemmt, so steht es in der Anklage, und gleichzeitig zog er noch mehrfach ruckartig am Gurt mit den Worten: „Ich brech’ Dir Dein Genick.“Aufgrund der Attacke, so erzählt es der Taxifahrer vor Gericht, habe er keine Luft mehr bekommen, sein Fuß sei vom Bremspedal gerutscht, das Taxi rollte gegen einen Betonblock. „Durch den Ruck beim Aufprall konnte ich mich befreien und den Gurt über meinen Kopf ziehen.“ Draußen kam es noch zu einer Rangelei zwischen den beiden Männern und die inzwischen von einem anderen Taxifahrer informierte Polizei hatte alle Mühe, Samuel W. zu fesseln und auf die Wache zu bringen. Dort schlug er so heftig gegen die Zellentür, dass das Schloss beschädigt wurde und von der Feuerwehr aufgebohrt werden musste.Der Taxifahrer erlitt unter anderem eine offene Bisswunde am Unterarm, ein Würgetrauma, Prellungen, Strangulationsmarken sowie einen Bruch an einem Schildknorpel des Kehlkopfs. Nach dem Vorfall hatte der 50-Jährige massive Kopfschmerzen, Sehstörungen sowie Schlaf- und Angststörungen. Bis heute leide er unter Angstzuständen, wenn er nachts arbeite, sagt er.Samuel W. erzählt, dass er sich an jenem Tag nach zweijähriger Beziehung von seiner Freundin getrennt habe. Schon am frühen Abend habe er mit Alkohol und Kokain begonnen in der Bar Lenbachs, „wo ich danach war, weiß ich nicht mehr“. Er habe einen exzessiven „Ausreißer“ gehabt. „Solche Ausreißer hatten sie früher auch schon“, hält ihm Richterin Elke Schulz vor. „Ja“, antwortet W., „ich hatte keine leichte Jugend.“ Er sei bei seiner Mutter aufgewachsen; als sein Vater ins Gefängnis kam, habe er mit ihm gebrochen. Er habe früher schon als Auflage des Gerichts Therapiestunden wegen seiner Alkohol- und Kokainprobleme absolvieren müssen. „Hatte das irgendeinen Effekt?“, fragt die Richterin. „Nicht wirklich“, sagt er.Heute organisiert W. Veranstaltungen, etwa bei einem Sommerfestival in München, gleichzeitig habe er eine App auf den Markt gebracht, quasi einen „Nightlife-Guide“ mit exklusiven Events für Mitglieder. Deshalb halte er sich derzeit oft in Madrid auf. Vermutlich hat die Staatsanwaltschaft W. wegen Fluchtgefahr die Festnahme erklärt.Heute könne er „kontrollierter trinken“ als früher, behauptet W., aber ganz ohne Kokain und Alkohol gehe es nicht, „die Versuchung ist zu groß“. Das Gericht wird am 21. August ein Urteil sprechen.
Prozess in München: Fahrgast stranguliert Taxifahrer
Ein 28-Jähriger soll einen Taxler im Alkohol- und Drogenrausch angegriffen haben. Vor Gericht sagt er, er könne sich an nichts erinnern.







