Manchmal, wenn Alexander Zverev bei Pressekonferenzen spricht, neigt er dazu, seine Gedanken etwas großzügiger auszudrücken. Im vergangenen Januar bei den Australian Open verriet er, er habe sich bei Sportarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfart behandeln lassen, und der habe ihm „77 Spritzen irgendwo reingesteckt“. Zu Beginn der French Open im Mai, die der deutsche Tennisprofi dann gewann, überraschte er mit der Schilderung, dass sich im April sein Dackel Mishka bei einem Sprung aus einem Golfkart „vier Knochen und beide Hüften“ gebrochen habe. In Paris immerhin sprang der kleine tapfere Hund fidel umher. An diesem Sonntag saß Zverev erneut vor den Medien, beim Turnier in Montreal, und sprach deutliche Worte. Aber diesmal schien er die Dinge kein bisschen auszuschmücken. Zverev traf vielmehr präzise den Kern eines Themas, das seit 2023 ein Ärgernis für viele Topspieler ist: Er kritisierte die Ausdehnung der Masters-Turniere von einwöchigen zu fast zweiwöchigen Veranstaltungen.Tennis-Strategieanalyst O’Shannessy:„Zverev musste lernen, das Schwert zu benutzen“Ewig rannte Alexander Zverev einem Grand-Slam-Sieg hinterher, plötzlich gewinnt er die French Open und überzeugt auch in Wimbledon. Experte Craig O’Shannessy erklärt, wie der Deutsche mit 29 ein völlig neuer Spieler wurde.Diese Änderung hatte sich die ATP Tour der Männer mit ihrem Chef Andrea Gaudenzi vor vier Jahren ausgedacht. Weil heutzutage ohne Vision nichts geht, präsentierte die Führungsetage „OneVision“, einen Strategieplan. Ein Teil davon: Fans sollen noch mehr Tennis sehen, Profis sollen noch mehr verdienen, daher sollen die meisten Masters-Turniere – von der Wertigkeit her direkt hinter den vier Grand-Slam-Turnieren – statt sieben oder acht Tagen zwölf Tage dauern. Da springe für alle mehr heraus. Diese Rechnung ging so nicht auf.Auch wenn das Spielerfeld auf 96 Starter erweitert wurde, muten sieben der neun Masters-Turniere (Monte-Carlo und Paris-Bercy sind noch Einwochenevents), die über den langen Zeitraum gehen, wie Kaugummi-Veranstaltungen an; zumal nicht bei allen parallel ein Frauenwettbewerb stattfindet, es also weniger Tennis gibt. Und für die Spieler, vornehmlich die Besten, hat die Belastung, auch ein Dauerthema, erneut zugenommen. „Wenn man uns zwingt, während der Grand-Slam-Turniere zweieinhalb bis drei Wochen unterwegs zu sein, und dasselbe gilt dann auch für die Masters-Turniere, kann man uns nicht zwingen, zu spielen“, sagte Zverev in Montreal und kam zum Schluss: „Tut mir leid, das ist Unsinn.“ Mag sein, aber Wahrheit bleibt auch: Die ATP zwingt tatsächlich mehr oder weniger alle, zu partizipieren. Nur einmal können Profis bei Masters-Turnieren grundlos fehlen, sonst drohen Sanktionen.„Glaubst du, Novak interessiert es, ob er einen größeren Bonus bekommt?“, sagt ZverevUmso bemerkenswerter, dass in Montreal gleich drei Größen der Branche fehlen. Der Spanier Carlos Alcaraz, der seit April wegen einer Handgelenksverletzung pausierte, wollte sich bei seiner Rückkehr vor den US Open nicht gleich zwei Masters-Turniere antun und steigt erst in Cincinnati ein. Der Serbe Novak Djokovic äußerte sich wie Alcaraz noch nie als Freund des neuen Formats, er fehlt in Kanada wie der Weltranglistenerste Jannik Sinner. Dabei hätte der Italiener die Chance gehabt, seinen sechsten Masters-Titel in Serie zu erringen, was noch keiner geschafft hat.Und selbst die Aussicht auf Extralohn konnte Sinner nicht umstimmen. Die ATP schüttet am Ende der Saison einen Bonus-Pool aus, die Besten verdienen schön dazu. Für Zverev ist es „keine Raketenwissenschaft“, dass selbst dieses Lockmittel nicht bei jedem greift: „Glaubst du, Novak interessiert es, ob er einen größeren Bonus bekommt? Ich schätze, der Typ hat – wenn ich raten müsste – weit über 400 Millionen auf seinem Bankkonto.“ Abgesehen davon, dass Zverev, selbst Multimillionär, wieder leicht übertrieb und Djokovics Vermögen auf 250 Millionen Dollar taxiert wird, hat er wieder einen Punkt. Neu ist die ganze Kritik allerdings nicht, Zverevs früherer Trainer Sergi Bruguera hatte schon mal betont: „Die ATP hat einen Fehler mit den zweiwöchigen Masters-Turnieren gemacht.“Es ist nur zu bezweifeln, dass der Italiener und Ex-Profi Gaudenzi, ein Mann der Zahlen, die Entscheidung zurückdreht. Der Trend ist vielmehr, dass kleinere Turniere weichen müssen. Ab 2028 soll es gar ein zehntes Masters-Turnier geben, in Saudi-Arabien. Von allein wird kein Ausrichter auf Kuchenstücke verzichten. Somit wird Zverevs Unmutsbekundung schnell verhallen, und es bestätigt sich erneut das Bild, das Djokovic zeichnete: Die Spieler haben – siehe den Kampf der Profis um höhere Umsatzbeteiligung bei Grand-Slam-Turnieren – zu wenig Mitspracherechte. Wenn sie etwas ändern wollen, muss eben mehr passieren als Kritik alle paar Monate.