Wenn das Wasser kommt in Bad Bayersoien, dann staubt es erst einmal richtig. Der Tanklaster wendet auf dem buchstäblich staubtrockenen Schotterparkplatz am Soier See, dann rangiert er rückwärts an das Pumpenhäuschen heran. „Nur für Lebensmittel“ steht auf dem blanken Tank. Normalerweise holt der Lastwagen Milch ab von den Bauernhöfen im vermeintlich immergrünen Alpenvorland. Aber hier und jetzt liefert der Laster das Lebensmittel schlechthin – so ursprünglich, dass die Astronomen in den Atmosphären ferner Planeten danach Ausschau halten, weil es Voraussetzung für alles Leben auf der Erde ist.Thomas Schuster und Roland Kopp müssen danach nicht so lange suchen und auch nicht so weit entfernt. Sie zapfen das Wasser einfach aus Hydranten in den Nachbargemeinden Bad Kohlgrub und Rottenbuch. Hier in Bayersoien verbindet Kopp dann den blauen Schlauch mit einem Stutzen aus Edelstahl. Anschließend lässt er das Trinkwasser hinunterlaufen in die Station, die es wiederum hinauf in den Hochbehälter der Gemeinde pumpt.Die Fahrer haben mal mitgestoppt: 13 Minuten dauert es, bis auf diese Weise wieder eine Wagenladung von 15 Kubikmetern in das Trinkwassernetz von Bad Bayersoien eingespeist ist. Achtmal sind sie heute schon gefahren, seit 4 Uhr in der Frühe, und ein paarmal werden sie noch pendeln müssen. Denn Bad Bayersoien liegt zwar am Rand der Ammergauer Alpen, wo Wassermangel eigentlich nie ein Thema gewesen ist. Aber seit ein paar Wochen sitzt die Gemeinde auf dem Trockenen.15 Kubikmeter Wasser laufen innerhalb von 13 Minuten aus dem Tankwagen in das Pumpenhäuschen, von wo aus es in den örtlichen Hochbehälter befördert wird. Foto: Matthias KöpfDirekt oberhalb des Pumpenhäuschens liegt die Quellfassung von Bad Bayersoien, aber die liefert im Moment bestenfalls 190 Kubikmeter am Tag statt der gewohnten 220. Gebraucht würden im Jahresschnitt 360 Kubikmeter täglich und an heißen Sommertagen wie diesem eher 400. Doch auch der Tiefbrunnen im Ortsteil Gschwendt schwächelt. Die Pumpe dort hängt wegen des extrem niedrigen Grundwassers schon in 15 Metern Tiefe. Da hat sie beim bisher letzten Mal vor vielen Jahren viel Dreck mitgefördert statt reines Wasser. Deshalb lässt die Gemeinde dem Brunnenwasser gerade sicherheitshalber kleine Mengen Chlor zusetzen.Aber das bisschen Brunnenwasser mitsamt dem Chlor wird ja verdünnt durch die Lieferungen von Thomas Schuster und Roland Kopp im Reserve-Tankwagen der Hochland-Molkerei. Fünfmal die Woche sind sie derzeit unterwegs, und für die Milchfahrer ist das „eine ruhige Arbeit“, wie Schuster sagt.Bürgermeister Eberhard Steiner ist seit Beginn seiner aktuelle Amtszeit vor allem mit dem Trinkwasser-Problem beschäftigt. Foto: Matthias KöpfDavon kann bei Bürgermeister Eberhard Steiner gerade nicht die Rede sein. Er hat das Amt im Mai zum zweiten Mal übernommen, seine Vorgängerin Gisela Kieweg ist vor zwölf Jahren auch schon seine Nachfolgerin gewesen. Gleich ganz am Anfang der neuen Amtsperiode sei der Wasserwart zu ihm gekommen und habe erst ihm die Lage geschildert und dann dem ganzen Gemeinderat, sagt Steiner. „Seitdem wissen wir, was wir zu tun haben.“Die ziemlich genau 1300 Einwohner von Bad Bayersoien sollten es auch wissen. Spätestens seit einer Informationsveranstaltung neulich im Dorfstadl und eigentlich schon, seit die Gemeinde Ende Juni die öffentlichen Brunnen abgeschaltet hat, die sie in ihrem Tourismus-Prospekt als Sehenswürdigkeiten auflistet. Die Bürger sollten ihren Garten höchstens am frühen Morgen oder spätabends gießen, Regentonnen nutzen und ganz allgemein Wasser sparen. Um 30 Kubikmeter am Tag ist der Verbrauch daraufhin gesunken, heißt es von der Gemeinde.Das hätte immerhin zwei Fuhren mit dem Tanklaster entsprochen, aber mit der Disziplin war es bald wieder vorbei. Weiterhin „ist die Situation prekär“, wie es in einem zweiten Appell der Gemeinde heißt. Trotzdem ist Bürgermeister Steiner nach eigenen Angaben gefragt worden, ob man nicht wenigstens die Brunnen wieder einschalten könne. Und manche Feriengäste, nach Angaben des Tourismusverbands Ammergauer Alpen sind es im Ort derzeit 175, hätten ihn schon wissen lassen, dass sie schließlich Kurtaxe bezahlt hätten.Steiner hat auf all das an diesem Montag mit einer Allgemeinverfügung reagiert. Nach einigem Hin und Her mit dem Landratsamt in Garmisch-Partenkirchen ist in Bad Bayersoien nun zwischen 9 und 19 Uhr das Gartengießen verboten, private Rasenflächen dürfen überhaupt nicht gewässert, Autos nicht gewaschen sowie Pools und Planschbecken nicht frisch gefüllt werden. Für all das droht ein Bußgeld in Höhe von 2500 Euro. Die Verfügung gilt vorerst bis 1. September und soll zur Sicherheit auf Papier an alle 600 Haushalte verteilt werden.Das Kneipp-Becken am Seeufer bleibt aber schon länger leer, und auch aus der Dusche am Badestrand kommt kein Wasser. Das Urlauberpaar, das dort gern eine Schüssel für den Hund gefüllt hätte, muss auf die eigene Mineralwasserflasche zurückgreifen. Im See, dem Bayersoien den zweiten Teil seines Ortsnamens verdankt, fehlt vielleicht eine Handbreit Wasser. Doch viel dramatischer sieht es eben mit dem Grundwasser aus.Das Kneippbecken an See ist längst leer – zur Enttäuschung mancher Feriengäste. Foto: Matthias KöpfAuch aus der Dusche am Badestrand kommt schon lange kein Tropfen Wasser mehr. Foto: Matthias KöpfAn den Messstellen in der Umgebung verzeichnet das Landesamt für Umwelt (LfU) durchwegs „sehr niedrige“ Grundwasserstände, an zweien sogar die niedrigsten, die je gemessen wurden. In ganz Bayern sind die Stände laut LfU in der obersten Schicht, die meistens für die Wasserversorgung angezapft wird, an 84 Prozent aller Messstellen niedrig oder sehr niedrig, in den tieferen Schichten an 76 Prozent. Seit 2003 bildet sich demnach im Boden deutlich weniger Grundwasser, als abfließt oder entnommen wird – mit Ausnahme des Jahres 2024, was aber keine dauerhafte Entspannung brachte.Grund sind fehlende Niederschläge, und dass es im vergangenen Winter und Frühjahr besonders wenig geschneit und geregnet hat, das hätte auch in Bad Bayersoien wohl niemand so genau vorhersagen können. Die Tendenz sei aber lange bekannt, sagt Andreas Schechinger, der als Geologe im Wasserwirtschaftsamt Weilheim auch für Bad Bayersoien zuständig ist.Auch in den Gemeinden im vermeintlich so wasserreichen Ammertal werde man sich über das Thema Gedanken machen und Verbünde als zweites Standbein für die Wasserversorgung schaffen müssen – „spätestens seit heuer“. Staatliche Aufforderungen und Angebote gäbe es schon lang, sagt der Geologe. Aber welche Gemeinde gebe schon freiwillig Geld aus für Leitungen, die niemand sieht, weil sie im Boden vergraben sind?Derzeit lässt die Gemende in aller Eile eine Notleitung bis ins benachbarte Saulgrub verlegen. Foto: Matthias KöpfIn Bad Bayersoien schaut man derweil lieber nach vorn, wenn auch noch nicht sehr weit: Gerade wird eine solche Leitung vergraben, notfallmäßig und vom eigenen Bauhof. Ein blaues Kunststoffrohr soll gut zweieinhalb Kilometer bis Saulgrub führen und die Gemeinde so mit dem Trinkwassernetz von Bad Kohlgrub verbinden. In zwei Wochen könnte die Notleitung fertig sein, sagt Bürgermeister Steiner. Dann könnte sich die Gemeinde auch die rund 1000 Euro pro Tag für den Tanklaster sparen. Und laut Andreas Schechinger vom Wasserwirtschaftsamt könnte sie dann wohl das Risiko eingehen, ihren womöglich teilweise verstopften Tiefbrunnen zu spülen und so dessen Fördermenge wieder zu erhöhen, wie es vor ein paar Jahren schon einmal geklappt hat.Auf mittlere Sicht soll dann ein echter Verbund mit Bad Kohlgrub entstehen, aber dafür braucht es Pläne und Beschlüsse. Jetzt in der Not sei die Zusammenarbeit mit Bad Kohlgrub und Rottenbuch jedenfalls „sehr unbürokratisch“, sagt Steiner. „Das ist schon super, diese Nachbarschaftshilfe“. Hitze und Trockenheit könnten nach der Erwartung des Deutschen Wetterdiensts noch mindestens zwei Wochen anhalten. So lang wird Thomas Schuster wohl noch mit dem Wasser vorfahren: „Hilft ja nix, oder?“
Trockenheit: In Bad Bayersoien bringt der Tanklaster das Trinkwasser
Die Gemeinde Bad Bayersoien liegt mitten im sonst sattgrünen Alpenvorland im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Trotzdem ist ihr wegen des deutlich gesunkenen Grundwasserstands das Trinkwasser ausgegangen. Jetzt pendelt eine Lastwagen in die Nachbargemeinden, um es herbeizuschaffen.













