Wahlkampf in Ostdeutschland: Wieso der Kabarettist Dieter Hallervorden für die CDU zum Problem wirdDer CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt agiert im Grenzbereich: Um die AfD zu verhindern, legt sich Sven Schulze mit der Parteizentrale an und tourt mit Hallervorden, der Kanzler Merz diffamiert.03.08.2026, 12.01 Uhr4 LeseminutenDieter Hallervorden stand Ende Juli in Magdeburg auf der Bühne mit Sven Schulze.Marvin Möbius / ImagoSven Schulze hat es nicht leicht: Als CDU-Ministerpräsident im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt soll er bei der Wahl im September eine absolute Mehrheit der AfD verhindern. Die hat dort mit dem 35-jährigen Ulrich Siegmund einen charmanten Spitzenkandidaten. Schulze ist elf Jahre älter und hat eher das Naturell eines Verwaltungsbeamten. Seine CDU liegt in den Umfragen bei 24 Prozent, die AfD kommt auf 41 Prozent. Je nachdem wie die übrigen Parteien abschneiden, könnte der AfD nach der Wahl die absolute Mehrheit der Sitze im Landesparlament zustehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um die Wahl noch zu drehen, geht Schulze ungewöhnliche Wege. Er tritt zusammen mit dem bekannten Kabarettisten Dieter Hallervorden auf. Der ist 90 Jahre alt und steht seit mehr als sechs Jahrzehnten auf der Bühne. Generationen haben über seine Witze gelacht und für einen Hochbetagten scheint Hallervorden gut in Form zu sein.Das Problem ist nur: Hallervorden greift auf den CDU-Wahlkampfveranstaltungen den CDU-Kanzler Friedrich Merz an. Er singt dort das Lied «Die Waffen müssen ruhen!» Darin wirft er Merz und dessen Verteidigungsminister Boris Pistorius Kriegstreiberei vor. «Kriegstüchtig soll’n wir sein, so wie vor 90 Jahren, zur Hölle soll’n die fahren, die das von uns verlang’n», singt Hallervorden. Kurz darauf heisst es: «Verehrter Bundeskanzler, mein Sohn wird niemals schiessen.»Deutlicher Widerspruch aus BerlinBemerkenswert ist nicht nur der Text, sondern auch ein Video dazu, das es auf YouTube zu sehen gibt und auch im Hintergrund von Hallervordens Auftritten bei Schulze . Darin wird zum Beispiel ein Flugabwehrpanzer von Rheinmetall gezeigt, der die Ukraine vor russischen Drohnenangriffen schützen soll. Parallel singt Hallervorden, Krieg nütze nur den Rüstungskonzernen. An einer anderen Stelle des Videos ist ein Foto einer Demonstration gegen Israel zu sehen. Es zeigt ein grosses Banner mit der Aufschrift: «Stoppt den Völkermord in Gaza!»Am Samstag sah sich die CDU zu einer Reaktion gezwungen: Die neue Generalsekretärin Franziska Hoppermann sagte, für ihre Partei sei es völlig klar, dass es keinen Völkermord in Gaza gebe. Die CDU stehe «an der Seite Israels und der Ukraine im Kampf gegen den Terror und Aggression». Den Vorwurf der Kriegstreiberei wies sie zurück: «Wir stehen für Freiheit und wollen uns verteidigen können, damit wir es nicht müssen.» Selbstverständlich gelte für Hallervorden die Meinungs- und Kunstfreiheit, er müsse aber mit Widerspruch rechnen.Kritik kam auch von Linda Teuteberg, Vize-Chefin der FDP: Sie thematisierte Hallvervordens Flucht aus der DDR. Als junger Mann verliess er den sozialistischen Staat und studierte an der Freien Universität Berlin. Ein freies Westdeutschland wäre aber nicht möglich gewesen, wenn die damalige deutsche Regierung und die Westmächte dem «Pazifismus gefrönt» hätten, schrieb Teuteberg auf der Plattform X.Den wahlkämpfenden Ministerpräsidenten Sven Schulze scheint diese Kritik nicht zu erreichen. In der Nacht auf Montag veröffentlichte er einen Beitrag auf Instagram, der ihn gemeinsam mit Hallervorden auf der Bühne zeigt. Darunter schrieb Schulze ein kurzes Plädoyer für die Redefreiheit. Meinungsverschiedenheiten müsse man aushalten, ohne die anderen auszugrenzen.Schulze geht allerdings nicht nur aussenpolitisch auf Kollisionskurs mit der Parteizentrale in Berlin. Gemeinsam mit weiteren ostdeutschen Ministerpräsidenten forderte er vor wenigen Tagen, an der Rente mit 63 festzuhalten. Sie ermöglicht den Deutschen unter bestimmten Voraussetzungen schon mit 63 Jahren ohne Abzüge in den Ruhestand zu gehen. In der Parteizentrale der CDU herrscht die gegenteilige Meinung – sie will die Rente mit 63 abschaffen, weil sie für den Staat teuer ist und dem Arbeitsmarkt qualifiziertes und erfahrenes Personal entzieht.Riskante StrategieSich im Wahlkampf von der eigenen Partei abzugrenzen, ist heikel. Die heutige Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat das im Jahr 2016 in Rheinland-Pfalz versucht. Damals war sie Spitzenkandidatin für die CDU und unzufrieden mit deren Migrationspolitik. Klöckner grenzte sich von der damaligen Kanzlern Angela Merkel ab und verlor die Wahl deutlich.Anders lief es für den Grünen Cem Özdemir, der im März zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählt wurde. Er liess im Wahlkampf immer wieder durchblicken, dass er die Welt anders sieht als die meisten Grünen. Vieles spricht dafür, dass er die Wahl auch wegen dieser Strategie hauchdünn für sich entscheiden konnte.Sven Schulze ist in einer schwierigeren Position. Er muss die Distanz zur AfD wahren, weil die CDU daran per Parteitagsbeschluss gebunden ist. Gleichzeitig kann er kaum ignorieren, mit welchen Themen die AfD punktet. Gerade im Osten Deutschland steht sie für einen starken Sozialstaat, Kapitalismuskritik und einen Pazifismus, der die russische Aggression ausblendet. Dieses Weltbild ist dort nicht nur bei Wählern der AfD populär.So verwundert es kaum, dass Hallervorden bei den Veranstaltungen von Schulze Beifall erhält. Ob es so gelingt, die AfD aufzuhalten? Hallervorden hofft es jedenfalls und engagiert sich dafür mit weiteren Prominenten wie dem Schauspieler Axel Prahl und dem Komiker Oliver Kalkofe. An diesem Montag wird er in seiner Geburtsstadt Dessau auftreten. Laut der CDU gibt es 600 Anmeldungen.Passend zum Artikel
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