Nach meinem Abitur habe ich Zivildienst geleistet. Ich arbeitete als Klassenhelfer in einer Waldorfschule für Behinderte. Einmal machten wir einen Klassenausflug mit dem Lebenshilfe-Bus. Wir hielten vor einem Zebrastreifen und sahen einen gebrechlichen, alten Mann mit Hütchen, wie er sich mühselig über die Straße zitterte. Ein Windstoß kam auf und das Hütchen flog ihm vom Kopf. Alle im Bus lachten. Tobias, ein geistig behinderter Spastiker, der seltenst spontan lachte, lachte am lautesten. Sogar lauter als ich. Frau Birchel, die Sonderpädagogin, lachte nicht. „Der arme Mann!“, betonte sie, traurig über unsere verdorbenen Charakter.

Nach dem Ausflug zitierte sie mich zum Gespräch. Warum ich gelacht hätte? „Wegen der Situationskomik“, antwortete ich, „der Hut flog weg.“ Darüber hätte ich nicht lachen dürfen, erklärte sie mir. „Warum?“ – „Du bist Vorbild!“ Ich solle mich nun vielmehr fragen, ob eine Schule für Behinderte wirklich der richtige Arbeitsplatz für mich sei, wo ich doch so gern über die Gebrechen anderer Menschen lache. Ich verteidigte mich: „Ich habe doch nicht über die Gebrechen des alten Mannes gelacht, sondern darüber, dass ihm sein Hut vom Kopf flog!“ – „Aber dieser Hut saß vorher auf dem Kopf eines alten, gebrechlichen Mannes!“