Wenn man sich wie ich wiederholt mit dem befasst, was an der deutschen Einheit vor 36 Jahren falschgelaufen ist, dann holt einen von Zeit zu Zeit die Frage ein: Wäre es nicht besser, das Thema zu beerdigen? Viele haben die Fehler ausgesprochen und beschrieben. Von Dirk Oschmann in seinem 2023 erschienenen Buch „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ bis Jana Hensel, die bereits 2002 in „Zonenkinder“ und in diesem Jahr in „Es war einmal ein Land“ die schiefe Vereinigung, ihre Ursachen und Folgen beschrieben hat. Zu ändern ist ohnehin nichts.
Die Messen scheinen gesungen, nicht zuletzt von der AfD. Aber plötzlich ist es doch wieder anders: Nichts ist erledigt. Diesen alte Debatten wieder aufrührenden Gedanken verdanke ich einem neuen Buch. Kersten Sven Roth, Professor für Germanistische Linguistik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, hat es verfasst und ihm den Titel gegeben „Ostdeutsch? Westdeutsch? Missverständnis!“ Seit über 20 Jahren forscht und publiziert er zum Diskurs über Ost- und Westdeutschland. Sein neuestes Buch ist für alle, die des Themas deutsche Einheit überdrüssig sind, eine Empfehlung.
Roth macht die Linguistik zur Untersuchungsmethode. Was für den Leser ohne sehr spezielle Kenntnisse der diskurslinguistischen Methode zunächst wenig zielführend erscheint, ist es dann auf überzeugende Weise doch. Roth nimmt als Grundthese für die Untersuchung des Themas eine Binsenweisheit seiner Wissenschaft: Die innere Spaltung des seit dem 3. Oktober 1990 vereinten Deutschlands basiere weniger auf dem, worüber wir sprechen, sondern auf der Art, wie wir das tun.












