Wenn am kommenden Dienstag die Freiwasser-Wettbewerbe der Schwimm-Europameisterschaften in Paris beginnen, steht ein weltberühmter Wasserlauf wieder im Zentrum: die Seine. Zwischen Bras de Grenelle und Port Debilly nahe dem Eiffelturm schwimmen die Profis dann hin und her, außerdem springen die High-Diving-Athleten dort von einem Gerüst aus bis zu 27 Metern Höhe in den Fluss.Es ist die etwas kleinere Neuauflage der Wettkämpfe der Olympischen Sommerspiele 2024 in Paris. Damals schwammen nicht nur Florian Wellbrock und andere Freiwasserschwimmer, sondern auch die Triathleten etwas weiter östlich an der Pont Alexandre III. mit der Strömung und kämpften auf dem Rückweg gegen sie an. Und auch gegen manch unsichtbaren Begleiter. Denn einigen Schwimmern ging es nach den Rennen so schlecht, dass sie sich – wie Leonie Beck – nächtelang übergeben mussten.Der Grund: E. coli-Bakterien und andere Krankheitserreger.Die Wasserqualität der Seine war damals ein großes Thema. Vor den Wettkämpfen hatte es geregnet, die Klärbecken liefen teilweise über und spülten Abwasser in den Fluss. Ständig wurden Wasserproben entnommen, die Werte bewegten sich an oder über der Grenze des Erlaubten, Trainings wurden verschoben, aber die Rennen fanden dann doch statt. Auch, um die strahlenden Bilder von der Seine, in der pünktlich zu Olympia das 101 Jahre andauernde Badeverbot aufgehoben wurde, in die Welt zu transportieren.Florian Wellbrock beim Training während der Olympischen Spiele in Paris. Er nahm lieber einen Schluck Wasser aus der Flasche. Marijan Murat/dpaDie Kritik kam von überall, von Trainern, Athleten, Medizinern – und sie verhallte. Ein Jahr später wurde die Seine generell für das Baden freigegeben. Doch nun, kurz vor dem Beginn der Freiwasser-EM, die mit dem Zehn-Kilometer-Rennen der Männer beginnt, regt sich Widerstand. Jedenfalls haben Athleten und Trainer beim europäischen Schwimmverband European Aquatics (EA) erneut ihre Bedenken in Bezug auf die Wasserqualität in der Seine hinterlegt.Im Rahmen der Junioren-EM im ungarischen Sukoro trafen sich vergangene Woche EA-Präsident António Silva und Sportdirektor Apostolos Tsagkarakis mit dem Athletenkomitee-Mitglied und Olympiasieger Kristof Rasovszky. Das Treffen schloss sich an andere Gespräche zwischen Athleten, Trainern, dem lokalen Organisationskomitee und medizinischen Ausschüssen von European Aquatics an.Die daraus entstandene Übereinkunft, die EA vor wenigen Tagen veröffentlichte, lautet: strikte Einhaltung des Gesundheits- und Sicherheitsprotokolls sowie der vom lokalen Organisationskomitee entwickelten Notfallpläne; den Athleten wird darüber hinaus die Möglichkeit zugestanden, die Wasserqualität auf Kosten von EA unabhängig prüfen zu lassen; eine Arbeitsgruppe soll außerdem die Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften für die Athleten überprüfen. Und, falls jemand tatsächlich krank wird nach dem Training oder Wettkampf, „erstattet European Aquatics die als direkte Folge davon entstandenen angemessenen medizinischen Kosten“.„Wir wurden noch mal geimpft gegen sämtliche Krankheiten, die man sich dort einfangen könnte“, sagt Freiwasser-Schwimmerin Isabel GoseAm Ende betonte der Verband: „Die Gesundheit, Sicherheit und das Wohlergehen der Athleten haben für European Aquatics weiterhin höchste Priorität.“ Weitere Details, beispielsweise zu den aktuellen Werten oder Notfallplänen, wollte EA auf SZ-Anfrage nicht nennen – und verwies auf die erwähnte Pressemitteilung.Die deutsche Freiwasser-Weltmeisterin von 2025, Isabel Gose, startet ebenfalls in der Seine, beim neuen Knock-out-Sprint. Die 24-Jährige teilt die Bedenken: „Es ist auf jeden Fall ein Thema, gerade für die, die nach den Spielen erkrankt sind, da jetzt noch mal mit einer Überwindung in die Seine zu springen“, sagte Gose der SZ vor der EM: „Wir wurden noch mal geimpft gegen sämtliche Krankheiten, die man sich dort einfangen könnte, und nehmen Magen-Darm-stärkende Sachen vorher, auch Homöopathisch-Pflanzliches.“Und wenn Plan A nicht klappt? „Ich weiß, dass die Organisatoren auch einen Plan B haben, das wird mit Sicherheit wieder so ein kurzfristiges Ding“, sagte Gose.Die Seine ist von jeher Schicksals- und Sehnsuchtsort vieler Pariser, Claude Monet nutzte sie als Inspiration, Jeanne d’Arcs Asche wurde nach ihrer Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen im Fluss verstreut. In jüngster Zeit wurde sie wieder zum Planschbecken, mit drei Badestellen mitten in Paris, die gesperrt werden, wenn die Wasserqualität nicht mehr gut genug ist. Mehr als eine Milliarde Euro investierte die Stadt dafür, den Fluss zu reinigen, die letzten Haushalte an die Kanalisation anzuschließen und das Abwassersystem zu modernisieren.Schon 1900 wurden bei den Olympischen Spielen in Paris Schwimmwettbewerbe im Fluss bei Asnières-sur-Seine ausgetragen, etwa über 4000 Meter Freistil, im Hindernisschwimmen und im, Achtung, Unterwasserschwimmen. Dabei galt die Seine damals noch mehr als heute als ungenießbar, jedenfalls für Badende. Ein Plan B griff aber weder damals noch bei den Olympischen Spielen 2024.Auch nach dem olympischen Triathlon klagten in Paris einige Athleten über Unwohlsein. Vadim Ghirda/dpaBei der nun beginnenden EM dürfte es wieder so sein. Und so springen auch die Deutschen erneut mit Bauchgrummeln in den Fluss – und mit eher vagen Chancen. Oliver Klemet, der bei den Sommerspielen vor zwei Jahren Silber über zehn Kilometer gewann, ist die größte Hoffnung und ein Goldkandidat. Florian Wellbrock hat ein eher schwieriges Frühjahr hinter sich, er war öfter krank. Leonie Beck, die nach ihrem Wettkampf vor zwei Jahren so leiden musste, befindet sich seither in einer Wettkampfpause. Lea Boy und Leonie Märtens, nach Beck die besten deutschen Freiwasserschwimmerinnen, mussten kurzfristig absagen. Beim Weltcup vor fünf Wochen in Setúbal, Portugal, hatte Boy wie fast alle anderen Athleten (manche von ihnen mussten gar in die Notaufnahme) Magen-Darm-Probleme. Die Folge: Ein langer Trainingsausfall, nach dem die EM keinen Sinn mehr ergibt.Nach dem ersten Training in Paris gab Bundestrainer Bernd Berkhahn am Sonntag immerhin ein wenig Entwarnung, was das Drumherum angeht: „Die Bedingungen hier an dieser Stelle in der Seine sind komplett andere als die, die wir 2024 vorgefunden haben. Wir haben fast gar keine Strömung, eine bessere Wasserqualität, kein Schiffsverkehr, und das Wasser ist auch wärmer.“ Aber die Bakterien, die mitschwimmen, sind und bleiben für das menschliche Auge unsichtbar.Das Thema begleitet die Freiwasserschwimmer also weiter, auch in der Seine. Immerhin: Die Meteorologen prognostizieren anders als 2024 keine Regenfälle für die Wettkampfwoche, es soll heiß werden. Perfektes Wetter für einen Sprung in den Fluss.