PfadnavigationHomeGeschichteMelbourne 1986Das war der seltsamste Picasso-Diebstahl aller ZeitenVon Antonia KleikampStand: 07:16 UhrLesedauer: 5 MinutenPablo Picassos Werk „The Weeping Woman“ entstand im Oktober 1937 und war das bis dahin teuerste Gemälde der National Gallery of VictoriaQuelle: Wang Qian/HPIC/dpa/picture alliance; VG Bild Kunst, Bonn 2026In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1986 entwendeten selbst ernannte „Australian Cultural Terrorists“ das wertvollste Gemälde der National Gallery of Victoria. Nach gut zwei Wochen tauchte der Picasso wieder auf. Aufgeklärt wurde der rätselhafte Fall nie.Die Diebe hatten eine Art Visitenkarte hinterlassen. Neben dem leeren Platz des teuersten Ankaufs der National Gallery of Victoria in Australiens zweitgrößter Stadt klemmte am Montag, dem 4. August 1986, ein Pappetikett mit dem Kürzel „ACT“. Darauf stand, dass der 55 mal 46 Zentimeter große Picasso mit dem Titel „The Weeping Woman“ von 1937 zu „routinemäßigen Wartungsarbeiten entfernt worden“ sei.Doch davon wusste kein Angestellter etwas, weder der Sicherheitschef noch die Kuratoren und auch nicht Patrick McCaughey, der seit 1981 amtierende Direktor des Museums. Gegen Mittag traf der 44-jährige Kunsthistoriker an seinem Arbeitsplatz ein, um an einer Sitzung des Kuratoriums teilzunehmen – und wurde mit der Schreckensmeldung empfangen: „Der Picasso ist weg!“Das Bild „The Weeping Woman“, gemalt im Oktober 1937, war erst 1985 für 1,6 Millionen australische Dollar gekauft worden. Dann rief, am Montagvormittag, die Redaktion der Melbourner Tageszeitung „The Age“ an und informierte das Museumspersonal von einem seltsamen Brief, der eben geöffnet worden war. Eine Gruppe, die sich „Australian Cultural Terrorists“ nannte, teilte darin den Diebstahl des Picassos mit.McCaughey und der Sicherheitschef eilten zum Platz des Picassos, doch das Bild war verschwunden – nur die Karte fiel ihnen auf. Sie hatte den ganzen Sonntag dort den Wachleuten vorgespiegelt, das Werk sei von den eigenen Kollegen abgenommen worden. „Als ich die leere Wand und das gefälschte Etikett sah, war ich entsetzt“, erinnerte sich der Museumsdirektor. Er sagte die Sitzung ab und ließ die Galerie durchsuchen. Noch hoffte er, nur Opfer eines Streichs geworden zu sein und das verschwundene Kunstwerk wiederzufinden.Eine halbe Stunde später entdeckte er den leeren Rahmen, der auf einer Vitrine lag – rund 30 Meter von der Stelle entfernt, an der das Gemälde gehangen hatte. Offenbar hatten sich die Diebe am Samstag, dem 2. August 1986, einschließen lassen. In der folgenden Nacht schraubten sie dann das Gemälde von seiner Wandhalterung ab und entfernten die Leinwand aus dem Rahmen. Vermutlich während der offiziellen Öffnungszeit am Sonntag verließen sie das Museum unbemerkt. Lesen Sie auchIn dem Brief an „The Age“ forderten die „Australian Cultural Terrorists“ eine Erhöhung der öffentlichen Kunstförderung um zehn Prozent. Zudem solle ein jährlicher Malerei-Preis ausgelobt werden, der „Künstlern unter 30 Jahren“ offenstehen und mit fünfmal 5000 Dollar dotiert sein sollte. „Sollten unsere Forderungen nach Ablauf von sieben Tagen nicht erfüllt sein, wird das Gemälde zerstört.“Der Direktor ordnete an, dass die Wachleute während ihrer Schichten im Museum nicht mehr sitzen dürften. Das war keine gute Idee: „Die Aufseher, die eine streitlustige Truppe waren, lehnten sich auf“, erinnerte sich McCaughey. Sie begannen zu streiken, und das Museum musste für drei Tage komplett geschlossen werden. Der Direktor musste nachgeben, um wenigstens am folgenden Wochenende wieder öffnen zu können. Dann traf ein zweiter Brief der „Australian Cultural Terrorists“ ein, diesmal beim Konkurrenzblatt „Melbourne Herald“. Er wiederholte die Drohung und ergänzte: „Wir finden Ihre Conan-der-Barbar-Nummer äußerst amüsant.“ Der Umschlag enthielt ein abgebranntes Streichholz. Eine subtile Erinnerung an die Drohung, den Picasso zu zerstören.Lesen Sie auchDie Polizei hatte keinen Ansatzpunkt für Ermittlungen. Doch dann half der Zufall: Eine junge Kunsthändlerin aus Melbourne berichtete McCaughey, ein Nachwuchskünstler namens Mark Howson habe sich auf einer Party über den Diebstahl geäußert; möglicherweise wisse er mehr.Der Museumsdirektor suchte den 25-jährigen Howson in seinem heruntergekommenen Atelier auf und wurde freundlich empfangen. McCaughey behauptete, er gehe zurzeit in der Kunstszene herum und frage jeden, ob er etwas über den verschwundenen Picasso gehört habe. Mindestens zweimal erwähnte er, dass die Personen, die das Werk entwendet hatten, es in einem Gepäckschließfach am Bahnhof Spencer Street oder am Flughafen Tullamarine deponieren könnten.Lesen Sie auchHowson blieb während des gesamten Besuchs vollkommen gelassen. Als McCaughey ging, bat er ihn, Bescheid zu geben, falls er etwas hören sollte. Das Museum sei an dem Gemälde interessiert, nicht an einer Strafverfolgung der Diebe.Ein paar Tage später klingelte das private Telefon des Museumschefs; am Apparat war die Redaktion von „The Age“. Gerade hatte man einen Anruf im Namen der „Australian Cultural Terrorists“ entgegengenommen. „The Weeping Woman“ befinde sich am Bahnhof Spencer Street, in Schließfach 227.Lesen Sie auchDie Polizei öffnete das Schließfach und fand ein Paket in braunem Packpapier, das genau die Maße des verschwundenen Picassos hatte. Der Chefkonservator des Museums, den McCaughey alarmiert hatte, trug das Paket vorsichtig in einen Polizeiwagen. Erst im Labor des Präsidiums packten Spurensicherer das Gemälde aus. Es war unversehrt. Das Museum hatte sein wertvollstes Exponat zurück – und der Direktor sorgte dafür, dass jede weitere Ermittlung unterblieb. „Es handelte sich um ein Verbrechen ohne Opfer – es war kein Schaden entstanden, außer am Sicherheitssystem und am Stolz der National Gallery of Victoria.“ Aus Mark Howson wurde ein bekannter Maler; einige seiner Werke hängen in Museen, darunter auch in der National Gallery of Victoria. Deren Direktor Patrick McCaughey wechselte Anfang 1988 ans Wadsworth Atheneum Kunstmuseum in Hartford im US-Bundesstaat Connecticut; später übernahm er einen Lehrstuhl für Australien-Studien an der Harvard University und leitete anschließend in Yale das Center for British Art. Pablo Picassos Gemälde „The Weeping Woman“ hängt seit dem Spätsommer 1986 fast durchgängig in Melbourne; weitere Varianten des Bildes sind in London, Paris und Los Angeles zu sehen. Das dominant grüne Exemplar in Melbourne schätzte das New Yorker Auktionshaus Sotheby’s 2016 auf einen theoretischen Handelswert von 100 Millionen US-Dollar.
Melbourne 1986: Das war der seltsamste Picasso-Diebstahl aller Zeiten - WELT
In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1986 entwendeten selbst ernannte „Australian Cultural Terrorists“ das wertvollste Gemälde der National Gallery of Victoria. Nach gut zwei Wochen tauchte der Picasso wieder auf. Aufgeklärt wurde der rätselhafte Fall nie.






