OpinionBarbara DietrichIn vielen Gesellschaften gilt die Menstruation als etwas, worüber nicht gesprochen wird. Die weibliche Monatsblutung und der Umgang damit können auch zum Bildungshindernis werden.03.08.2026, 05.20 Uhr3 LeseminutenVielerorts haben Mädchen keinen ausreichenden Zugang zu Menstruationsprodukten und geeigneten sanitären Einrichtungen.Godong / GettyWer über Armut spricht, denkt selten an die Menstruation. Dabei entscheidet die Periode für Millionen von Frauen und Mädchen weltweit darüber, ob sie zur Schule gehen, arbeiten und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Mit anderen Worten: Die Menstruation und der gesellschaftliche Umgang damit können ein Hindernis sein für Bildung und einen selbstbestimmten Lebensweg. Sie ist oft der blinde Fleck der Armutsbekämpfung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach Angaben von Unicef haben weltweit mehr als 500 Millionen Frauen und Mädchen keinen ausreichenden Zugang zu Menstruationsprodukten und den dafür geeigneten sanitären Einrichtungen. Das Problem ist jedoch grösser als fehlende Binden oder Toiletten: In vielen Gesellschaften galt und gilt die Menstruation als etwas, worüber nicht gesprochen wird. Befragungen zeigen, dass nur etwa die Hälfte der Frauen in Deutschland ihre Menstruation akzeptieren, während 50 Prozent damit hadern.Weitverbreitete SchamWeltweit lernen Mädchen früh, ihre Periode zu verstecken. In manchen Ländern bleiben sie aus Scham dem Unterricht fern oder ziehen sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Es greift zu kurz, Menstruationsgesundheit ausschliesslich als Problem der Frauen zu verstehen. Fehlende und unhygienische Sanitäranlagen – auch in der Schweiz – sind häufig Ausdruck davon, dass die Bedürfnisse von Mädchen und Frauen bei der Planung von öffentlichen Einrichtungen kaum berücksichtigt wurden.Wo Menstruation stark tabuisiert wird, fehlen zudem oft Wasser, Seife, Rückzugsorte zum diskreten Wechseln der Binden oder Tampons oder die Produkte selbst. Besonders sichtbar sind die Folgen in der Bildung: In Bangladesh verpasst mehr als ein Drittel der Mädchen während der Periode regelmässig den Unterricht.Über die Schulzeit summieren sich diese Fehltage erheblich. Die Betroffenen verpassen wichtigen Schulstoff, und viele brechen die Schule vorzeitig ab. Studien zeigen gleichzeitig, dass Frauen mit besserer Bildung ihre Familienplanung häufiger selbst bestimmen, später Kinder bekommen und bessere wirtschaftliche Perspektiven haben.Wer Mädchen den Schulbesuch erschwert, schwächt einen der wichtigsten Hebel nachhaltiger Entwicklung. So haben Aktivistinnen aus dem globalen Süden durch ihr beständiges Engagement erreicht, dass die Menstruationsgesundheit 2022 von der WHO als Gesundheits- und Menschenrechtsthema anerkannt wurde.Wie lässt sich die Situation für junge Frauen verbessern? In Ländern wie Benin, Niger, Burkina Faso und Bangladesh hat die Schweizer Organisation Helvetas – finanziert durch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) – gemeinsam mit Partnerorganisationen in Schulen bessere Toiletten, Wasseranschlüsse und Rückzugsräume für Mädchen eingerichtet.Privatsphäre respektierenEin markanter Fortschritt. Entscheidend ist aber, dass sich der gesellschaftliche Umgang mit der Menstruation verändert: Sozialarbeiterinnen besprechen das Thema mit Eltern, Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schülern. Jungs und Mädchen lernen einen neuen Umgang mit der Menstruationshygiene. Die Privatsphäre der Mädchen wird respektiert.Gerade der Einbezug der Jungs erweist sich als entscheidend. Wenn sie verstehen, dass Menstruation ein normaler biologischer Vorgang ist und wie wichtig es für Mädchen ist, sich in der Schule sicher zu fühlen, dann ist die Rücksichtnahme keine Frage mehr. Und es verändert sich noch mehr: Eine Schülerin aus Benin beispielsweise war so fasziniert von der radikalen Veränderung an ihrer Schule, dass sie beschloss, mit ihrer Schwester aus bunten Stoffresten wiederverwendbare Binden zu schneidern. Sie kann diese nun erfolgreich verkaufen und verdient damit ein Einkommen, das ihr neue Perspektiven eröffnet.Der Umgang mit Menstruation kann entscheidend sein im Leben einer jungen Frau – und für eine ganze Gemeinschaft betreffend die Frage, ob sich Armut über Generationen hinweg verringern lässt. Zentral ist es, Mädchen und jungen Frauen zuzuhören, ihre Bedürfnisse zu respektieren und entsprechend zu handeln: mit sicherer Infrastruktur sowie dem Abbau von Tabus und damit einer veränderten Einstellung der Gesellschaft.Barbara Dietrich ist Geschäftsleitungsmitglied von Helvetas.Passend zum Artikel