Die EU-Länder liefern sich in der Ceuta-Krise einen heftigen Streit – am Dienstag haben sie eine zweite ChanceVor wenigen Wochen feierten die EU-Mitglieder den Migrations- und Asylpakt als grosse Errungenschaft. Nun sind 22 Staaten heftig auf Spanien losgegangen. Innen- und aussenpolitisch könnte sich dies als kurzsichtig erweisen.02.08.2026, 16.04 Uhr4 LeseminutenSpanische Soldaten überwachen, wie Migranten von Ceuta nach Marokko zurückkehren.Samuel Vega / ImagoÖffentlich haben die Regierungschefs der EU-Länder wohl schon lange nicht mehr einen so gehässigen Streit ausgetragen wie an diesem Wochenende. Es sei zumindest Spaniens Mitschuld, dass geschätzt rund 60 000 Migranten in die in Nordafrika gelegene spanische Exklave Ceuta hätten eindringen können: So lautete der Vorwurf, den 22 EU-Regierungschefs am Samstag gegenüber Spaniens Regierung in einem Brief erhoben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Erstens habe diese den Grenzschutz zu Marokko vernachlässigt. Zweitens sende das Land ein falsches Signal aus, indem es diesen Frühsommer ein Programm gestartet habe, das irregulär eingewanderten Ausländern ein Aufenthaltsrecht verleihe. Laut der Ansicht der 22 Regierungschefs weckt diese Aktion bei Auswanderungswilligen falsche Erwartungen: Sie könnten zu dem Schluss gelangen, dass man Chancen auf einen regulären Job in den EU-Ländern habe – selbst dann, wenn man auf irreguläre Weise in deren Hoheitsgebiet eingedrungen sei.Meloni knöpft sich Sánchez vorDen Takt der Spanien-Kritik hat Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni vorgegeben. Sie hat den Brief, in dem Spanien so heftig attackiert wird und der unter anderem an die EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen ging, initiiert. Angeblich war an der Aktion auch Dänemarks Regierung zuvorderst beteiligt.Grundsätzlich braucht es in der EU nicht viel, damit Italien und Spanien aneinandergeraten. Meloni steht der am weitesten rechts stehenden Koalition im Staatenbund vor, während Sánchez’ Regierung so links politisiert wie keine andere. Das erklärt möglicherweise auch, warum es Meloni nicht beim rhetorischen Protest beliess.Vielmehr hatte sie bereits am Freitag bekanntgegeben, dass ihr Land das Schengen-Abkommen gegenüber Spanien aussetzen werde. Konkret bedeutet dies, dass Reisende, die von Spanien per Flugzeug oder Schiff nach Italien kommen, wieder kontrolliert werden. Solche Überprüfungen untersagt das Schengen-Abkommen im Normalfall.Der Migrationsfriede hielt in der EU nur kurzMit all diesen Aktionen und Gehässigkeiten hat der Friede, der punkto Migrationspolitik in der EU jüngst zu herrschen schien, nicht lange gehalten. Erst Mitte Juni ist nämlich der Migrations- und Asylpakt in Kraft getreten. Die Mitgliedsländer und die EU-Kommission hatten diesen stets als eine grosse Errungenschaft Europas gefeiert.Unter anderem sieht der Pakt Schnellverfahren mit kurzen Rekursfristen bei jenen Asylbewerbern vor, die aus sogenannt sicheren Herkunftsländern stammen. Marokko zählt zu dieser Staatengruppe. Am Wochenende hat der Grossteil der Regierungschefs allerdings den Eindruck erweckt, als sei ihr Vertrauen in jenen Mechanismus, den man erst vor kurzem geschaffen und dann gefeiert hat, nicht sehr gross.In dieser Hinsicht erstaunt gerade Melonis konfrontative Haltung noch aus einem zweiten Grund: Der Migrationspakt sieht auch eine Entlastung vor für jene Mitgliedsländer, die in einem Krisenfall von der irregulären Migration besonders betroffen sind. Als Mittelmeerstaat kann Italien jederzeit wieder in eine solche Lage geraten. Tritt dieser Notfall ein, übernehmen die anderen Länder höhere Quoten an Migranten oder leisten Ausgleichszahlungen an einen Fonds.Von daher wäre es vorausblickend gewesen, wenn sich Meloni am Wochenende etwas gemässigt hätte. Streit und Schuldzuweisungen schwächen den Zusammenhalt in der EU und letztlich den «Solidaritätsmechanismus». Er funktioniert nur, wenn die Europäer die unkontrollierte Migration als ein gemeinsames Problem ansehen.Zumal Italien bei den anderen EU-Ländern in Migrationsfragen ohnehin einen schlechten Ruf hat. Dem Land wird vorgeworfen, Flüchtlinge nur sehr nachlässig zu registrieren und sie von anderen EU-Staaten auch dann nicht zurückzunehmen, wenn es das aufgrund der Dublin-Verordnung müsste. Deutschlands Innenminister Alexander Dobrindt etwa ärgert sich über dieses Verhalten Italiens, und es ist für ihn ein Grund, warum er weiterhin an den Binnenkontrollen im Schengen-Raum festhält.Das wiederum erzürnt Luxemburgs Regierung. Sie fordert seit einiger Zeit, dass die Binnenkontrollen wieder abgeschafft werden. Unter ihnen leiden besonders die vielen Pendler, die jeden Morgen ins Grossherzogtum reisen, um dort zu arbeiten. Bezeichnenderweise hat Luxemburgs Regierung den von Meloni initiierten Brandbrief an Spanien nicht unterschrieben – so wenig wie Portugal und Frankreich.Die EU-Länder haben eine zweite ChanceAm Dienstag werden die Justiz- und Innenminister (Justice and Home Affairs Council) der EU-Staaten eine Videokonferenz zu den Vorgängen von Ceuta abhalten. Politisch klug wäre es, wenn sich die Länder dann nicht erneut als ein so zerstrittener Haufen präsentierten wie am Wochenende. Sie haben in diesen Tagen nicht nur innenpolitisch ein schlechtes Bild abgegeben. Immerhin vermittelten sie den Eindruck, als liessen sie sich in Sachen Migration von den rechtspopulistischen Oppositionsparteien vor sich hertreiben.Aber auch aussenpolitisch war es ungeschickt, so gespalten aufzutreten: Wenn Marokkos Regime die Fluchtbewegung nach Ceuta teilweise wirklich orchestriert hat, wissen autoritäre Herrscher am Mittelmeer und im Osten Europas nun endgültig, wie man die Europäer spaltet: indem man Flüchtlinge losschickt.Passend zum Artikel