Wo sonst Touristen thüringische Rostbratwürste essen und das tägliche Markttreiben das Bild bestimmt, zieht im August das Theater ein. Der historische Marktplatz in Weimar, direkt vor der Kulisse des Rathauses, verwandelt sich in diesem Sommer in eine Open-Air-Bühne für das unerbittlichste Gericht der Theatergeschichte. Wenn der Gong ertönt und der Ruf nach „Jedermann“ über das Kopfsteinpflaster hallt, geht es um alles: Geld, Gier und die nackte Existenz im Angesicht des Todes.

Hugo von Hofmannsthals Klassiker braucht keine Akte, keine Pausen, kein langes Vorspiel – das Stück zieht seine Zuschauer in gut 90 Minuten gnadenlos mit in den Abgrund des reichen Mannes. Doch in diesem Jahr ist es nicht nur die neue, urbane Kulisse mitten in der Stadt, die fasziniert. Auch das Ensemble unter der Regie von Nicolai Tegeler bringt das Publikum mit seinen unerwarteten und sich ständig verändernden Inszenierungen zum Staunen.

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Open-Air-Theater in Weimar: Hofmannsthals „Jedermann" feiert vor historischer Kulisse Premiere

Mittendrin steht Tine Wittler. Millionen Deutsche kennen sie noch als die Frau, die im Fernsehen für das perfekte, harmonische Zuhause sorgte. Doch in Weimar saniert sie keine Räume, sondern lässt menschliche Fassaden einstürzen. Als gierige, eiskalte Base verkörpert sie genau jene falsche Verwandtschaft, die den sterbenden Jedermann in seiner dunkelsten Stunde im Stich lässt. Im Gespräch mit Tine Wittler wird jedoch schnell klar, dass man die Rolle nicht so einseitig sehen darf, wie sie auf den ersten Blick wirken mag.