55 Jahre nach ihrer Gründung kehrt die Jazzrock-Kultband Kraan wieder ins Finkenbachtal zum „Woodstock des Odenwalds“ zurück. Eine Geschichte über Freundschaft, Hippie-Utopien und ein neues Album, das niemand erwartet hätte.Es hat geregnet, der Boden vor der Bühne im Finkenbachtal ist zu Matsch geworden. Einer geht barfuß hindurch, die Schuhe in der Hand, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Ein paar Meter weiter schiebt sich eine neongelbe, zottelige Gestalt durchs Publikum, halb Kostüm, halb Fabelwesen, niemand sieht sich danach um. Über dem Tal liegt ein Dunst aus Nebel, Marihuana-Rauch und Feuchtigkeit, den man in dieser Konsistenz wohl von keinem anderen deutschen Festivalgelände kennt. Eindrücke aus dem Sommer 2023, als am Abend ein englischer Ansager ans Mikrofon tritt und den mehr als 2000 überwiegend deutschen Zuschauern etwas erklärt, das viele hier selbst nie so formulieren würden: „We have the Beatles and the Stones.“ Für Deutschland aber, sagt er, seien Kraan das Äquivalent. Der Vergleich hinkt ein wenig – und trifft doch etwas. Die Menge jubelt, als die Jazzrock-Band um den Bassisten Hellmut Hattler zu später Stunde auf die Bühne kommt.Das Finkenbach-Festival gilt als „Woodstock des Odenwalds“ – ein Krautrock-Mekka, zu dem sich Fans und Bands der Szene alljährlich einfinden. Seinen Ursprung nahm es 1976, als Mani Neumeier mit seiner Band Guru Guru spontan beim Feuerwehrfest im 500-Seelen-Dorf einsprang; ein Jahr später folgte das erste offizielle Festival. Später kamen teils mehr als 10.000 Zuschauer in das Tal, das Örtchen drohte zu kollabieren. Deshalb wurde das Festival 1984 eingestellt, um 1988 in kleinerer Form neu aufzuleben. Bis heute wirkt das Tal wie eine verlorene Welt: ein Refugium, in dem sich Alt-Hippies, ihre Kinder und inzwischen auch ihre Enkel versammeln. Mehr als zehnmal sind Kraan hier aufgetreten. Ihr Sound ist eine ganz eigene Klangwelt: „Vollgas Ahoi“ und „Let It Out“ – Jazzrock und Fusion, angereichert mit orientalischen Skalen und Läufen, meist instrumental, nur gelegentlich mit englischen Texten.Am 8. August wird die Gruppe wieder im tiefen Odenwald auftreten, dort, wo einst sogar ein Konzertmitschnitt entstand – „Live At Finkenbach Festival“. Vor ein paar Jahren, nachdem Kraan viermal hintereinander im Finkenbachtal gespielt hatten, sagte Hattler dem Veranstalter, das sei sicher ihr letztes Konzert hier gewesen. Die Antwort kam prompt: „Geht nicht. Ihr habt ein Abo, hier aufzutreten – und nur ihr könnt es kündigen“, erzählt Hattler in seinem breiten, mittelschwäbischen Singsang und lacht.Diese Beständigkeit ist das eigentliche Wunder an Kraan. 1971 gründeten Hattler, der Gitarrist Peter Wolbrandt und der Schlagzeuger Jan Fride die Band in Ulm – drei Schulfreunde, die sich, wie Hattler erzählt, schon mit neun Jahren kannten. Aus der Freundschaft wurde zunächst ein Leben auf dem Landgut Wintrup bei Detmold, das ihnen Graf Wolff Metternich mietfrei überließ. Lesen Sie auchDort, in einer Kommune mit Musikern, Roadies, Kindern, Katzen und Hunden, entstand jene „freundliche Anarchie“, von der Hattler bis heute spricht: keine Gagen fürs Ego, sondern eine gemeinsame Kasse, Songs, die auf die ganze Band angemeldet wurden, egal, wer sie komponiert hatte. „Das war einfach eine vertrauensbildende Maßnahme“, sagt Hattler, der wegen seines unverwechselbaren, perkussiven Basssounds bis heute in einem Atemzug mit Jazzrock-Größen wie Jaco Pastorius oder Stanley Clarke genannt wird. Lesen Sie auchWintrup gibt es als Kraan-Ort längst nicht mehr, der spätere Ökohof und Kulturtreff auf dem Gehöft hat inzwischen wieder dichtgemacht. Es bleibt ein Ort mit besonderer Strahlkraft, an dem die Hippie-Utopie eine Zeit lang konkret war: Hier komponierten Kraan ihre Songs, und die Dorfjugend kam mal zum Kiffen vorbei. Und der Mythos wuchert weiter: Wer im Netz das Wort „Wintrup“ erwähnt, löst bei Fans sofort Erinnerungswellen aus – an Konzerte, an eine Zeit, die inzwischen mehr Legende als konkrete Erinnerung ist. Diesen Mythos hält bis heute auch ein Instrumentalstück lebendig: „Wintruper Echo“ lässt, ganz ohne Worte, die Atmosphäre jener Jahre bis in alle Ewigkeit nachhallen.International wurde diese Musik oft ernster genommen als daheim. In England, wo man Kraan wie Can oder Kraftwerk unter „Krautrock“ einsortierte, waren die Kritiken fast immer positiv. In den USA, erzählt Hattler, seien Fans „fast auf die Knie gegangen“. Eine Tournee unter dem damaligen Präsidenten Nixon lehnte die Band dennoch ab – schlechtes politisches Karma, zu viel Rummel, zu wenig Kraan. Ruhm war ohnehin nie das Ziel. „Wir haben einfach nur Lust gehabt, miteinander Musik zu machen.“Dass diese Haltung bis heute trägt, zeigt das neue Album „All In“, das im April erschien. Verstärkt wird das Kern-Trio seit 2016 von Keyboarder Martin Kasper, der inzwischen als fester Gastmusiker zum Klangbild der Gruppe gehört. Seit der Pandemie arbeiten Kraan digital: Jeder schickt seine Tonspuren herum, komponiert zu Hause, ohne Druck. Für „All In“ fuhr Hattler dann aber doch wieder zu Peter Wolbrandt in den hessischen Luftkurort Braunfels, wo dieser heute lebt. Und als der Gitarrist ihm dort plötzlich erzählte, er habe noch sechs Stücke in der Schublade liegen, „bin ich fast rückwärts umgefallen“, sagt Hattler. Ähnlich wie Wintrup oder Finkenbach ist deshalb nun auch „Braunfels“ auf dem neuen Album konsequent namentlich in einem Song verewigt worden. Ohne nennenswerte Promotion kletterte das Album überraschend in die Charts, was Hattler selbst kaum glauben mag. Ein Rezensent bei Amazon habe dennoch geklagt, das Album „knalle“ nicht genug, erzählt Hattler und schüttelt dabei den Kopf: Man müsse eben mehrmals hinhören, dann stelle sich schon der Knalleffekt ein.Lesen Sie auchLive waren die neuen Songs schon im April zu erleben, als Kraan in der Detmolder Stadthalle spielten, keine zwanzig Kilometer von Wintrup entfernt – für die Band eine ebenso entscheidende Wegmarke wie das Finkenbachtal. Nach dem Konzert steht Hattler lange am Bühnenrand, signiert CDs, Schallplatten, manchmal auch nur Erinnerungen. Manche Fans nennen ihm bloß eine Jahreszahl – „1979“ – und meinen ein Konzert von vor Jahrzehnten. Man merkt: Zeit verschiebt sich, wenn man jemanden 50 Jahre begleitet.Diese Musik, sagt Hattler, sei heute Balsam für Ohren und Seele, die von Dauer-Empörung und Polykrisen erschöpft sind. Wenn er selbst im Netz „versackt“, jeden Tag aufs Neue merkt, wie ihn ein „weiterer pathologischer Weltenlenker“ wütend macht, greift er zum Instrument. „Dann bin ich wieder ich selbst.“ Auf der Bühne versucht er, dasselbe seinem Publikum zu geben: Songs wie Powerbanks, die den Zuschauern helfen, die leeren Akkus wieder aufzuladen, um dem Wahnsinn unserer Zeit ein Stück weit standzuhalten.Hattler ist 74, von dieser Fragilität weiß er selbst mehr als genug. 2017 überstand er zwei gleichzeitig auftretende Leukämien, drei Chemotherapien, eine Stammzelltransplantation. Bis heute trägt er bei Interviews und auf der Bühne eine gegerbte Basecap – die „Lucky Cap“ aus jener Zeit, damals mitgebracht von seiner Lebensgefährtin, als ihm während der Therapie zeitweise die Haare ausfielen. „Das ist im Grunde keine richtige Basecap, eher eine Art Arbeitermütze, für mich war es meine Krankenhausmütze. Ich mag die gern, sie hat eine tiefere Bedeutung.“ Auch das gehört zu Kraan: dass ihr Bassist seine verletzlichste Geschichte so beiläufig erzählt.So wie er auch die Bildsprache der Band in Zeiten von Streaming-Plattformen eher beiläufig zusammenstellt. Für die Spotify-Cover ihrer Songs kuratiert Hattler Fotos aus seiner eigenen Mediathek, zum neuen Song „Sonderfahrt“ beispielsweise zeigt er ein Bild von sich in jungen Jahren bei einer Rikscha-Fahrt in Südostasien, dann wieder ein KI-generiertes Comic-Porträt, das seine Partnerin aus einem Interviewfoto von ihm bastelte. Alles Marke Eigenbau, ähnlich wie sie damals ihr Leben mit ihrer Musik kombinierten, als sie alle in einer Kommune auf einem Landgut lebten. „Ein größerer Plan steckt nie dahinter“, sagt er und lacht. Und das ist wohl die Pointe: Bei Kraan war nie ein großer Plan im Spiel, nur Freundschaft, Experimentierlust, Neugier und die Weigerung, sich selbst zu wiederholen.Wie lange das noch weitergeht? „Es kann noch ewig gehen – oder auch nicht“, sagt Hattler, „bei Kraan ist immer alles drin. Wir waren und sind immer mal wieder kurz vorm Zusammenbruch, Ausstieg, Auflösung, aber auch Himmelfahrt und Weihnachten und Christi Geburt, das gibt es bei uns alles gleichzeitig. Wir sind eine schräge Band, aber genau deshalb hält es eben auch schon so lange.“Das 42. Finkenbach-Festival findet am 7. und 8. August 2026 statt (Tickets unter finkenbachfestival.de). Neben Kraan stehen unter anderem Guru Guru, Epitaph, Pristine, Mars Mushrooms und die Miller Anderson Band auf der Bühne. Vom 21. August bis 6. November geht der Bassist mit seiner Soloband „Hattler“ auf Tournee (Info: hellmuthattler.de).
Kraan wird 55: Freundschaft, Fusion, Finkenbach – das Geheimnis der Jazzrock-Kultband - WELT
55 Jahre nach ihrer Gründung kehrt die Jazzrock-Kultband Kraan wieder ins Finkenbachtal zum „Woodstock des Odenwalds“ zurück. Eine Geschichte über Freundschaft, Hippie-Utopien und ein neues Album, das niemand erwartet hätte.







