Festivalbesuche sind wie Entdeckungsreisen. Es gibt mit Gewissheit Neues zu erfahren. Das gilt nicht nur für das Publikum, sondern auch für die auftretenden Künstler, sogar wenn diese auf eine mittlerweile fast 24 Jahre währende Karriere zurückblicken können wie Jen Bender, Raphael Schalz und Chriz Falk, besser bekannt unter ihrem Bandnamen Großstadtgeflüster. Die waren aus der vergleichsweise jungen Metropole Berlin ins sehr alte Städtchen Eltville am Rhein gekommen, um dort am Freitagabend beim ausverkauften Heimspiel Knyphausen aufzutreten und gewohnheitsgemäß für eine sprungbereite Zuhörerschaft die Abrissbirne zu schwingen.Allerdings ist das Publikum gar nicht so sprungbereit. In der warmen Dämmerung lagern viele Zuschauer bis wenige Meter vor der Bühne auf Picknickdecken, genießen den Abend und den Wein, der seit jeher seinen Teil zu diesem so besonderen Festival beiträgt, das mit seiner entspannten Atmosphäre ganz eigene Maßstäbe setzt.Seit seiner ersten Auflage im Jahr 2009 hat sich das mittlerweile dreitägige Musikfestival auf dem Draiser Hof die Maxime gesetzt, an Alkoholika nur den gutseigenen Wein und Sekt zu offerieren, was anderswo mitunter zu beobachtenden Exzessen irgendwie vorbeugt und so auch zahlreiche junge Familien mit kleinen Kindern anlockt, deren Gewusel ebenfalls zum speziellen Charakter des Heimspiels beiträgt.Ganz entspannt: Das Publikum beim Heimspiel Knyphausen.Samira SchulzDiese Stimmung fällt auch den Künstlern auf der Bühne auf, die bei aller Picknick-Atmosphäre eben nicht nur Hintergrundmusik liefern, sondern sich über ein wohlwollendes Publikum freuen dürfen. Das vertraut auf den guten Geschmack der Kuratoren Gisbert zu Knyphausen und Benjamin Metz, die auch dieses Jahr ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt haben mit einigen etablierten Namen des Indie-Pop und -Rock sowie beachtenswerten jüngeren Acts wie der Wiener Formation Endless Wellness, die mit ihren ironischen Texten etwa zur Klimakrise aktueller denn je klingen.Was den Wienern der Schmäh, ist den Berlinern die Schnauze, und die kann durchaus treffliche Sprüche kloppen, zumal wenn diese von der wunderbaren Jen Bender zum Besten gegeben werden. Wenn diese Sprüche dann noch vom Party-Electro-Punk-Pop von Großstadtgeflüster untermalt werden, reißt es irgendwann selbst den gechilltesten Festivalbesucher von der Picknickdecke, auch wenn es dafür erst einmal eine Salve solcher witzigen Knaller wie „ICKE!“, „Hallus“, „Ich kündige“ oder „Ich muss gar nix“ braucht. Eine Entdeckung ist es für alle Seiten gleichwohl, hatten doch erstaunlich viele Zuschauer auf Benders Frage, wer die Band zum ersten Mal sehe, die Hand gehoben. Diese, vermutlich ohne besondere Party-Erwartung, schließlich zur kollektiven Hüpf-Party zu animieren, dürfte einer der herausragenden Momente des diesjährigen Festivals gewesen sein.Wie im Film: Die Band Cari Cari aus Österreich rockt die Festivalbühne in Eltville.Samira SchulzZu diesen Höhepunkten zählten am Samstag dann auch die Auftritte der österreichischen Formation Cari Cari und der Weilheimer Indietronic-Institution The Notwist, die zum zweiten Mal nach 2017 auf der Festivalbühne in Eltville stand. Beide Bands zeichnet ja eine cineastische Qualität aus, so, als sollten ihre Songs einen noch nicht gedrehten Film schon einmal imaginieren. Bei Cari Cari kämen einem dabei als mögliche Regisseure Robert Rodriguez oder Quentin Tarantino in den Sinn, erinnert doch der Mix aus Voodoo-Bluesrock und Surf, den Alexander Köck auf einer mit reichlich Hall versehenen halbakustischen Gitarre und Stephanie Widmer an Schlagzeug, Didgeridoo und Maultrommel bieten, an die Soundtracks der Filmemacher, die gewiss auch Spaß an der Coverversion des Black-Sabbath-Klassikers „War Pigs“ gehabt hätten, den Cari Cari neben eigenen tollen Songs wie „One More Trip Around The Sun“ spielten.Vielstimmiger dann der Auftritt von The Notwist, die neben Gitarren und Elektronik auch Vibraphon, Bassklarinette und sogar ein Sousaphon zum Einsatz brachten, um sowohl Stücke ihres jüngsten Albums „News From Planet Zombie“ als auch einige Klassiker wie „One With The Freaks“, „Pilot“ oder „Consequence“ von ihrem 2002 veröffentlichten Meisterwerk „Neon Golden“ zu präsentieren, dessen eigener Klangkosmos vielen Besuchern an diesem Abend eine willkommene Wiederentdeckungsreise gewesen sein dürfte. Auch dafür lohnt das Heimspiel Knyphausen jedes Jahr wieder den Besuch.Der Termin für das Heimspiel Knyphausen 2027 steht bereits fest. Es findet von 30. Juli bis 1. August 2027 auf dem Draiser Hof in Eltville-Erbach statt. Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen wird einer der Headliner sein. Der Vorverkauf startet laut Veranstalterangaben Mitte September.
Wieder ein Fest: Heimspiel Knyphausen 2026 in Eltville
Das dreitägige Musikfestival Heimspiel Knyphausen in Eltville präsentierte auch dieses Jahr wieder eine gelungene Mischung bewährter und entdeckungswürdiger Künstler aus Indie-Pop und -Rock.







