Die verheerenden Waldbrände erschüttern den Westen von Bordeaux. Zehntausende Hektar wurden von den Flammen verwüstet. Das ist doppelt tragisch – zum einen wegen der enormen Schäden, zum anderen, weil es dem Departement Gironde schon seit Jahren nicht an Dramen mangelt. Nördlich und östlich der Brandherde stehen Reben auf Böden aus Kies, Sand, Lehm und mitunter auch Kalk, die in der Winzerwelt vor Kurzem noch zur Crème de la Crème zählten. Inzwischen aber gelten Bordeaux-Appellationen wie Médoc, Saint-Émilion und Pomerol als Inbegriff der Krise, die die französische Weinwirtschaft erfasst hat. Für viele Winzer ist sie längst existenziell – auch wenn die Reben bislang von den Flammen verschont bleiben.Wie überall in der europäischen Landwirtschaft erschweren die zunehmenden Wetterextreme auch den Weinbau. Das gilt vor allem für den ohnehin heißen und trockenen Süden. In Frankreich jagt diesen Sommer eine Hitzewelle die nächste, auch in der zurückliegenden Woche wurden rund um Bordeaux wieder fast 40 Grad erreicht. Das Hauptproblem der Winzer aber ist wirtschaftlicher Natur: Der globale Weinkonsum sinkt, und zwar rapide. Vor zehn Jahren betrug er noch mehr als 240 Millionen Hektoliter, so die Fachorganisation OIV. Vergangenes Jahr schrumpfte die Menge auf weniger als 210 Millionen Hektoliter, Tendenz weiter fallend.Die obligatorische Flasche Rotwein auf dem Mittagstisch ist passéDie in vielen Ländern bröckelnde Kaufkraft dämpft die Nachfrage nach Konsumgütern, die nicht unbedingt lebensnotwendig sind. Bei Getränken gibt es aber auch Hinweise auf strukturelle Veränderungen. Mehr und mehr Verbraucher ziehen dem Wein Bier, Mixgetränke und Spirituosen vor oder wählen alkoholfreie Alternativen.Für Frankreich als wertmäßig führendes Wein-Exportland und nach Italien zweitgrößtes Wein-Produktionsland kommt der verschärfte Wettbewerb erschwerend hinzu. Dass Australier, Neuseeländer und Amerikaner oder auch Südafrikaner, Chilenen und Argentinier nur mäßig gute Qualität produzieren, lässt sich schon lange nicht mehr sagen, von der europäischen Konkurrenz ganz zu schweigen.Das Bordelais hat es unter den französischen Regionen besonders hart erwischt. Rund 85 Prozent der hier produzierten Weine sind rot, und vor allem sie verkaufen sich immer schlechter. Während der Absatz von Weiß-, Rosé- und Schaumweinen zumindest konstant bleibt oder gar leicht steigt, ist Rotwein aus der Mode – erst recht der klassisch trockene, kräftige und tanninreiche Bordeaux. Die obligatorische Flasche Rotwein auf dem Mittagstisch ist in Frankreich passé. Top-Adressen im Médoc wie Château Margaux oder Château Lafite-Rothschild bleiben gefragt. Für die Masse der Produzenten niedrig- und mittelpreisiger Rotweine ist die Lage dagegen kritisch.Schwerste Krise seit 1929Château Laujac in der kleinen Gemeinde Bégadan im Herzen des Médoc: René-Philippe Duboscq hat im Kuhstall gerade nach einem neugeborenen Kalb geschaut, ehe er den Feldweg entlangmarschiert. Beim Blick auf die Reben links und rechts ist seine Miene ernst. „Die Situation ist schwierig“, sagt Duboscq ohne Umschweifen. Über Jahre habe das Geschäft, angeheizt durch das billige Geld der Zentralbanken, geboomt. Jetzt stecke man in der schwersten Krise seit 1929.Vor 14 Jahren hat Duboscq zusammen mit seiner Frau Vanessa das Château ihrer Familie übernommen. Dem Weingut, bei dem die Flasche im Mittel 20 Euro kostet, geht es noch vergleichsweise gut. Schon seit Jahrhunderten werden im Château Laujac auch Rinder gezüchtet. Dieses zweite Standbein erweist sich nun einmal mehr als sehr wichtig. Zudem war Duboscq nie abhängig vom Boommarkt China, wo das Bordelais als Prestigeweinregion jahrelang heiß begehrt war.Die Geschichte ähnelt der deutscher Premiumautohersteller: Wurden auf dem Höhepunkt vor zehn Jahren noch rund 550.000 Hektoliter Bordeaux-Wein im Jahr zu teils astronomischen Preisen nach China exportiert, waren es zuletzt nur noch 120.000 – ein Einbruch um fast 80 Prozent. Als Statussymbol und Geschäftsgeschenk hat Bordeaux in Fernost ausgedient. Der Weinkonsum chinesischer Verbraucher sinkt noch stärker als in Europa und Nordamerika, die allgemeine Konsumschwäche und Luxusflaute tun ihr Übriges.Lange hofften die Bordelais, die Nachfrage aus China würde nach der Corona-Pandemie zurückkehren. Doch sie tat es nicht. Auch als Käufer von Weingütern stehen chinesische Investoren nicht mehr Schlange.Im Château Branaire-Ducru einige Kilometer südlich von Bégadan erinnert man sich noch gut an diese wilden Jahre. Man habe den Winzern eingebläut, sie sollten Reben pflanzen, pflanzen und nochmals pflanzen. Branaire-Ducru, in der bis heute gültigen Bordeaux-Klassifikation von 1855 in der vierthöchsten Rangstufe geführt, investierte in einen neuen Gärkeller und verdoppelte die Zahl an Tanks. Nach dem Einbruch der China-Ausfuhr liegt der Fokus nun auf anderen Exportkunden, nicht zuletzt auf Amerikanern. Ihre Kaufkraft rettet vielen Bordeaux-Produzenten das Geschäft. „90 Euro je Flasche sind für Amerikaner nicht unbedingt viel, während ein Italiener zögert“, sagt ein Vertreter von Branaire-Ducru.Politisch profitiert davon vor allem eine ParteiDoch klar ist: Die Amerikaner können die weggebrochene Nachfrage aus China nicht ersetzen – erst recht nicht, wenn Donald Trump immer wieder an der Zollschraube dreht und die Ausfuhr in die USA verteuert. Und in neuen potentiellen Wachstumsmärkten wie Indien ist der Weinkonsum bislang sehr überschaubar.Für die Bordelais führt also wohl oder übel kein Weg daran vorbei, sich an die neuen Realitäten anzupassen: mehr Weiß-, Rosé- und Schaumweine produzieren, mehr leichte, sommerliche und auf jüngere Verbraucher zugeschnittene Rotweinalternativen wie den Claret anbieten, vielleicht auch verstärkt auf andere landwirtschaftliche Produkte setzen – und vor allem weniger Rot produzieren.„Wir hatten in den vergangenen Jahren eine massive Überproduktion und viel zu hohe Lagerbestände“, sagt Duboscq. Winzer müssten ihre Produktion oft für weniger als 900 Euro je Fass verkaufen, mahnte Stéphanie Sinoquet, die Leiterin des Branchenverbands der Bordeaux- und Bordeaux-Supérieur-Appellationen, im Frühjahr in der Zeitung „Les Echos“: „Das bedeutet, mit Verlust zu verkaufen, da man weit unter den Produktionskosten liegt.“ Die Folge: Die Preise für Weinbergsflächen sind in den Keller gerauscht. Waren für einen Hektar im Médoc vor wenigen Jahren noch um die 50.000 Euro üblich, sind es heute nur noch 10.000 Euro.Viele Winzer sind verzweifelt. Politisch profitiert davon vor allem eine Partei. Wie in den alten Industriegebieten in Nordfrankreich müssen die Rechtspopulisten um Marine Le Pen gar nicht viel tun, um immer mehr Zuspruch zu erhalten. Dass die EU in dieser Gemengelage dann auch noch den Markt für die lateinamerikanischen Mercosur-Staaten öffnet, macht die Verzweiflung für viele Bordelais perfekt. Das birgt für Winzer wie Viehzüchter Exportchancen, verschärft aber eben auch den Wettbewerb.Das Image hat zweifelsohne gelittenInzwischen hat sich herumgesprochen, wie schwierig die Lage in der einstigen Vorzeigeweinregion ist. Doch das Mitleid ist nicht grenzenlos. Vertreter aus anderen französischen Regionen wie dem stabiler dastehenden Burgund halten die Krise im Bordelais zum Teil für selbst verschuldet. Im Umgang mit den Chinesen habe die Gier überhandgenommen, lautet eine weitverbreitete Sichtweise. Dass die Bordelais neue Trends wie die Biodynamik mit ihrem Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide verschlafen hätten, habe zudem junge, umweltbewusste Kunden auf dem Heimatmarkt vergrault.Das Image hat zweifelsohne gelitten. In der Region beklagt man schon seit Jahren ein plumpes „Bordeaux-Bashing“, doch den Zeitgeist haben die Bordelais schlichtweg nicht mehr auf ihrer Seite. Aus der im zentralistischen Frankreich so wichtigen Pariser Gastronomie verschwinden ihre Weine zunehmend.500 Kilometer Luftlinie nordöstlich ist die Stimmung eine andere. Frédéric Duponchel steht auf dem Hügel vor den Toren der Kleinstadt Sens und blickt mit einigem Stolz auf die 20 Hektar Reben, die er hier auf die grüne Wiese gepflanzt hat. 2017 hat der Mitgründer eines mittelständischen Beratungsunternehmens entschieden, gemeinsam mit seiner Tochter und deren Partner unter die Winzer zu gehen. Seither pendelt er zwischen Paris, wo er als Chairman weiter im Beratungsgeschäft bleibt, und seiner zwischen Paris und Burgund gelegenen Heimat. Die Familie bewirtschaftet die Domaine des Sénons biodynamisch und baut auch die Rotweinsorte Spätburgunder an, vor allem aber die beliebte Weißweinsorte Chardonnay.2,4 Millionen Euro hat Duponchel nach eigenen Angaben auf Kredit in Gebäude und Maschinen investiert, hinzu kommen etwa 30.000 bis 40.000 Euro je Hektar Rebfläche. Es sei ein „idealistisches Projekt“, stellt er klar. Die Flasche liegt im gehobeneren Preissegment von 20 bis 35 Euro. Doch es soll weit mehr sein als ein Hobbyprojekt ohne Renditeabsicht. „Ich glaube an den Wein“, sagt Duponchel.Überkapazitäten: Weingüter wie das Château Branaire haben noch vor Kurzem kräftig in in die Rotweinproduktion investiert.Niklas ZabojiDie Schrumpfkur ist beachtlichAls junges, biodynamisch arbeitendes Weingut, dessen Flaschen unter der weithin unbekannten geschützten geographischen Angabe IGP Yonne vermarktet werden, hat das Projekt selbst Pariser Sterneküchen überzeugt. Dazu gehören mit „Le Taillevent“ und „Marsan by Hélène Darroze“ sogar mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnete Lokale. Dabei half die Unterstützung des bekannten französischen Önologen Thomas Duclos. Das Geschäft läuft. Auch der deutsche Importeur N+M Weine hat die Domaine des Sénons in seinen Katalog aufgenommen und beliefert unter anderem Lokale auf Sylt. Dass bei den Kollegen im Bordelais eine Hiobsbotschaft auf die nächste folgt, tut Duponchel leid.Rückschläge muss man gleichwohl auch in Sens verkraften. Der Weinbau bleibt ein anspruchsvolles und risikoreiches Metier. Er habe Freude an der Arbeit, sagt Duponchels Schwiegersohn, der einunddreißigjährige Agraringenieur Florian Ruscon. Doch zwei Dingen sei man ausgeliefert: den Konsumwünschen, die sich schnell und tiefgreifend ändern können, und dem Wetter. Der Ertrag bleibt schwer kalkulierbar: 2022 habe man 20.000 Flaschen erzeugen können, 2023 dann erfreuliche 45.000, 2024 aber wieder nur 20.000 und vergangenes Jahr 40.000. Dieses Jahr ist vor allem die Trockenheit ein großes Thema. Die Hitze wiederum lässt die Trauben besonders schnell ausreifen, schon Mitte August soll dieses Jahr die Ernte beginnen.Auch im Bordelais geht es hitzebedingt immer früher los – mit immer geringeren Erntemengen. Die Reduktion der Anbauflächen ist eine Antwort auf die Krise, auf die sich Winzer und Politik gemeinsam verständigt haben. Dabei winken Subventionen von 4000 Euro je gerodeten Hektar. Die Schrumpfkur ist beachtlich: Binnen drei Jahren wurde die Anbaufläche um 30.000 Hektar reduziert, Ende dieses Jahres könnten es weniger als 80.000 sein. Überschüssiger Bordeaux ist mit EU-Hilfen auch schon destilliert und zu Desinfektionsmitteln oder in Kosmetik und Parfüm verarbeitet worden.Im Château Laujac will man die Hoffnung nicht begraben, dass sich die Mode auch wieder zu ihren Gunsten ändert. Man habe auch frühere Krisen überlebt, sagt Duboscq. Es sei doch schon paradox: Qualitativ produziere man dank moderner Technik so guten Wein wie nie – doch immer weniger Menschen hätten die Mittel, ihn zu kaufen.