Nach den jüngsten russischen Raketenangriffen auf Kiew hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nun erneut um die Lieferung von Patriot-Flugabwehrraketen gebeten. „Wir brauchen Antworten auf diesen russischen Terror, echte Antworten von der Welt“, sagte Selenskyj am Samstag in seiner abendlichen Videoansprache. Einige Tage zuvor schon stellte er in Aussicht, die Ukraine könne Patriot-Raketen künftig selbst in Lizenz fertigen. Die Hintergründe erläutert Verteidigungsexperte Gustav Gressel im WirtschaftsWoche-Interview.WirtschaftsWoche: Herr Gressel, laut Wolodymyr Selenskyj hat Donald Trump den Ukrainern nun Lizenzen zum Bau von Patriot-Raketen erteilt. Erst einmal zur genauen Einordnung: Sprechen wir hier von den Systemen selbst oder den dazugehörigen Flugkörpern – oder beidem? Gustav Gressel: Das ist noch nicht ganz klar, ich gehe aber davon aus, dass es um die Flugkörper und nicht um Radar oder andere Geräte geht. Allerdings ist selbst der Ausgang bei den Flugkörpern noch nicht klar – es gibt ja verschiedene Arten von Patriot-Flugkörpern. Zum einen den PAC-2 vom US-Hersteller Raytheon beziehungsweise RTX und dann noch den PAC-3 von Lockheed Martin.Und um welchen Typen geht es den Ukrainern? Der PAC-3 ist das, was alle haben wollen. Auch die Ukrainer. Die Flugkörper sind optimiert für die Abwehr von ballistischen Raketen, die können in großen Höhen noch besser manövrieren. Die PAC-2 hingegen sind optimiert für den Kampf gegen Flugzeuge und Marschflugkörper und werden auch in Deutschland unter Lizenz produziert. Die sind gegen ballistische Raketen aber nur bedingt einsatzfähig.Das Problem ist: Lockheed Martin hat bisher niemandem eine echte Lizenz für den Bau von PAC-3 gegeben. In Japan werden zwar etwa 30 pro Jahr produziert, aber auch die dürfen nur die Komponenten aus amerikanischer Produktion zusammensetzen und den Motor selbst produzieren. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Firma im Falle der Ukraine eine Ausnahme machen wird, auch wenn Selenskyj bereits versucht, deren Vertreter weichzuklopfen. Auch Deutschland und Polen haben die Lizenz nicht bekommen, nur Wartungsarbeiten und Inspektionen werden in Europa gemacht. Zur Person Gustav Gressel ist Associate Senior Fellow des European Council on Foreign Relations (ECFR). Er beschäftigt sich vor allem mit Verteidigungspolitik, Russland und Osteuropa. Zuvor arbeitete er im österreichischen Verteidigungsministerium. Gressel promovierte in Strategic Studies an der National University of Public Service in Budapest und hat einen Master in Politikwissenschaft von der Universität Salzburg. Vor seiner akademischen Laufbahn diente er fünf Jahre in den österreichischen Streitkräften.Unabhängig vom Typ der Raketen: Was würde „Lizenz“ für die Ukraine in der Praxis bedeuten: komplette Produktion, Teilfertigung, Endmontage oder nur Wartung? Gute Frage, die wohl Teil der Verhandlungen zwischen der Ukraine und RTX wird. Endmontage und Wartung werden wohl weniger ein Problem, aber die gesamte Eigenproduktion zahlt sich erst aus, wenn auch eine gute Mindestanzahl an Flugkörpern in der Produktion rauskommt. Das müssen auch andere Staaten mit Aufträgen mittragen – aber die Interessenten haben mit der Fertigung in Deutschland ja schon einen Produzenten in Europa.Wie lange würde es mit so einer Lizenz dauern, bis die Ukraine solche Flugkörper im Kampf einsetzen kann? Das ist von vielen Faktoren abhängig, aber ich gehe davon aus, dass das mindestens ein bis zwei Jahre dauern würde. Es braucht erst einmal einen passenden Standort in der Ukraine, dann müssen Technologie und Maschinen in beträchtlichem Ausmaß dorthin transportiert werden. Und dann vergeht noch weitere Zeit, bis so ein Standort produktionsbereit ist. Die Ukraine kann und wird da zwar drängen, das wird die US-Verwaltung aber wohl nicht beeindrucken. Die Mühlen der Bürokratie können auch dort sehr langsam mahlen, nicht nur in Deutschland.
Ukraine-Krieg: Wo ein Militärexperte die Hürden für Selenskyjs Patriot-Pläne sieht
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj benötigt dringend Patriot-Raketen, will sie künftig sogar selbst bauen lassen. Doch bis zum ersten Einsatz werden Jahre vergehen, warnt Gustav Gressel.










