Von wegen eklig: Startups sehen im Menstruationsblut eine ungenutzte Chance der modernen MedizinEs enthält Proteine, Gewebe aus der Gebärmutter, Immunzellen, und es ist einmal im Monat unkompliziert verfügbar: Das Periodenblut verrät eine Menge über den Gesundheitszustand einer Frau. Doch seine Erforschung steht noch ganz am Anfang.02.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIllustration Ida Götz / NZZFür Blut, Speichel, Urin, Stuhl, sogar für Haare oder das Hirnwasser gibt es medizinische Tests. Klar, schliesslich enthält jede dieser Substanzen wertvolle Hinweise auf unsere Gesundheit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch da gibt es diese eine Körperflüssigkeit, die nie untersucht wird: Menstruationsblut.Dabei enthält es einen einzigartigen Mix an Informationen: über Krankheiten wie Krebs oder Endometriose, über die individuelle Fruchtbarkeit, sogar über die Belastung des Körpers mit Schadstoffen. Sein diagnostisches Potenzial rückt mehr und mehr ins Bewusstsein der Forschung und hat das Interesse einiger Startups geweckt. Firmen wie Qvin, Nextgen Jane oder das deutsche Theblood wollen jungen Frauen mithilfe ihres Menstruationsbluts ganz neue Einblicke in ihre Gesundheit ermöglichen.Ihre Vorhaben zeigen aber auch: Noch ist das Menstruationsblut eine weitgehend unbekannte Flüssigkeit.Menstruationsblut ist eine einzigartige GewebeprobeDie Unsicherheit beginnt schon bei den Grundlagen. Das Menstruationsblut besteht aus Blut, Gewebe der Gebärmutterschleimhaut, lebenden Zellen, Zervix- und Vaginalschleim. Aber die Verhältnisse dieser Bestandteile kann niemand so genau angeben. Sie unterscheiden sich von Person zu Person, von Zyklus zu Zyklus, sogar von einem Tag der Menstruation zum nächsten.In Anbetracht dieser Bestandteile ist die Bezeichnung «Menstruationsblut» beinahe irreführend. «Wir betrachten es als eine Art natürliche Biopsie der Gebärmutter», sagt Christine Metz. Sie erforscht am Feinstein-Institut für molekulare Medizin in New York das diagnostische Potenzial der Menstruationsflüssigkeit.Bei einer Menstruation löst sich die obere Schicht der Gebärmutterschleimhaut und wird abgestossen. Ohne einen invasiven Eingriff hat man im Menstruationsblut also Zugriff auf eine umfassende Gewebeprobe. Viele seiner Bestandteile kommen in arteriellem Blut gar nicht vor – laut einer Studie gibt es mindestens 350 Proteine, die sich nur im Menstruationsblut detektieren lassen.Für das deutsche Startup Theblood ist jedes dieser Proteine ein potenzieller Biomarker, ein Molekül, das Hinweise darauf geben könnte, was im Körper einer Frau vor sich geht. Auf der Website verspricht die Firma Frauen «Einblicke in Fruchtbarkeit, Hormone, PCOS und Perimenopause». Die Gründerin und CEO Isabelle Guenou drückt es so aus: «Wir haben es uns zum Ziel gemacht, Menstruationsblut komplett labordiagnostisch zu erschliessen.»Dafür hat die Firma ein Testkit entwickelt. Darin ist eine Menstruationstasse enthalten, ein Silikongefäss, das während der Periode in die Vagina eingeführt wird und das Menstruationsblut auffängt. Dieses Blut müssen Kundinnen dann lediglich in einen mitgeschickten Probencontainer füllen und mit der Post an das Labor der Firma senden.Noch steht das 2022 gegründete Unternehmen ganz am Anfang. Frauen können sich zwar bereits registrieren und ihr Blut einschicken, doch ein umfangreiches Testergebnis erhalten sie noch nicht. Stattdessen bekommen sie die Möglichkeit, an Forschungsstudien teilzunehmen. Denn die Grenzen zwischen Forschungslabor und Startup verschwimmen bei Theblood. «Menstruationsblut ist noch eine sehr unerschlossene Probe», sagt Guenou. Theblood ist gezwungen, selbst in Grundlagenforschung zu investieren.Zuerst soll das Menstruationsblut Nadeln ersetzenTatsächlich existiert bisher nur ein einziges Unternehmen, das bereits eine Zulassung für ein Produkt zur Analyse von Menstruationsblut hat: das amerikanische Startup Qvin. Mit einem Teststreifen in einer speziellen Binde messen sie den HbA1c-Wert, den sogenannten Langzeitblutzucker. Der Blutwert ist für Diabetiker relevant und kann gut in einer gewöhnlichen Blutprobe nachgewiesen werden. Frauen ersparen sich mit dem Test im Menstruationsblut aber den Gang zum Arzt und den Stich mit einer Nadel – sicher ein Vorteil bei einem Blutwert, der mehrmals im Jahr überwacht werden sollte.Der Anwendungsfall verdeutlicht, dass Menstruationsblut auch bereits etablierte Tests ersetzen kann. Qvin möchte sein Angebot als Nächstes um die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs und die Diagnose von sexuell übertragbaren Krankheiten erweitern. Für beides gibt es Tests auf der Basis von Abstrichen. Doch diese empfinden viele Frauen als unangenehm.Die New Yorker Forscherin Christine Metz sieht vor allem dort Anwendungen der Menstruationsdiagnostik, wo es wenig etablierte Tests gibt – zum Beispiel bei der Fruchtbarkeit. «Ich bin fest überzeugt, dass wir eine Analyse des während der Menstruation abgestossenen Gewebes nutzen können, um Fruchtbarkeit und vor allem Unfruchtbarkeit besser zu verstehen», sagt sie. Erste Forschungsergebnisse geben ihr recht. Forscher aus Irland konnten beispielsweise im Menstruationsblut von Frauen, die mehrfach Fehlgeburten erlitten hatten, erhöhte Mengen bestimmter Zellen des Immunsystems nachweisen.Ähnlich sieht es bei einer verbreiteten Erkrankung aus, die Unfruchtbarkeit hervorrufen kann: der Endometriose.Im Menstruationsblut könnte man Endometriose früh erkennenBei einer Endometriose siedeln sich Zellen der Gebärmutterschleimhaut ausserhalb der Gebärmutter an. Rund jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter leidet daran, zu den Symptomen gehören extreme Schmerzen während der Periode. Oft beginnen die Probleme mit der ersten Menstruation im Teenageralter, bis zu einer Diagnose vergehen manchmal aber viele Jahre.Metz leitet gemeinsam mit einem Forschungskollegen seit dreizehn Jahren die Rose-Studie in den USA. Ihr Ziel: einen einfachen und zuverlässigen Test für Endometriose zu entwickeln, um die Zeit bis zur Diagnose drastisch zu verringern.Im Rahmen der Studie haben sie das Menstruationsblut von 3700 Frauen untersucht, manche mit Endometriose, andere ohne. In der Genaktivität von Zellen in der Gebärmutterschleimhaut und in den Immunzellen fanden sie deutliche Unterschiede zwischen erkrankten und gesunden Probandinnen. Basierend auf diesen Ergebnissen haben sie einen Test entwickelt, der momentan in einer klinischen Studie geprüft wird. Auch Theblood arbeitet an einem solchen Test.Und über noch etwas kann Menstruationsblut Aufschluss geben: die Umwelteinflüsse, denen wir alle ausgesetzt sind. Zusammen mit Forschern der Fakultät für öffentliche Gesundheit der Universität Harvard hat Metz das Menstruationsblut von vier Frauen auf Schadstoffe hin untersucht. «Wir haben unglaublich viele potenzielle Umweltgifte gefunden – von Luftschadstoffen über PFAS bis hin zu Pestiziden», sagt Metz. In Zukunft könnten solche Untersuchungen helfen, die Schadstoffbelastung der Bevölkerung zu überwachen. Schliesslich gibt das Menstruationsblut jeden Monat neu Auskunft darüber, was im Körper gelandet ist.Auch wenn das Interesse an Menstruationsblut steigt: Zu seinem diagnostischen Potenzial gibt es bisher nur wenige Studien, häufig mit wenigen Probandinnen. Der Ekelfaktor habe Forscher lange davon abgehalten, Menstruationsblut ernsthaft zu untersuchen, sagt Metz. «Wir wissen mehr über das Gehirn als über die Gebärmutter.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Es enthält Proteine, Gewebe aus der Gebärmutter, Immunzellen, und es ist einmal im Monat unkompliziert verfügbar: Das Periodenblut verrät eine Menge über den Gesundheitszustand einer Frau. Doch seine Erforschung steht noch ganz am Anfang.







