Die Klonarmee im Vorgarten: Blattläuse haben übernatürliche FähigkeitenBlattläuse sind als Schädlinge verpönt. Zu Unrecht: Sie können ihre Fortpflanzung nach Bedarf auf den Kopf stellen und kommunizieren mit geheimnisvollen Stoffen. Die Kolumne «Wild und wundersam».Atlant Bieri02.08.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenBlattlausweibchen schaffen das Kinderkriegen ganz allein.Geoff du Feu / ImagoBlattläuse gelten im Allgemeinen als Plage. Sie fallen über Obstbäume, Rosen und Feldfrüchte her und piesacken diese so lange, bis sie eingehen. In der Landwirtschaft zählen Blattläuse zu den grössten Schädlingen weltweit. Gleichzeitig sind sie äusserst faszinierende Lebewesen, die geradezu übernatürliche Fähigkeiten besitzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Hauptgrund für den Erfolg der Blattläuse ist schnell gefunden: Sie haben für die meiste Zeit des Jahres die Männer abgeschafft. Vom Frühjahr bis zum Herbst besteht ihre Gesellschaft nur aus Weibchen. Das bringt grosse Vorteile. Denn dadurch ist jedes Individuum in der Lage, Nachkommen zu produzieren – was die Vermehrungsrate in astronomische Höhen schnellen lässt.Wild und wundersamIn dieser Kolumne schreibt der Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern Atlant Bieri regelmässig über die Wunder der Natur.Und: Blattlausweibchen schaffen das Kinderkriegen ganz allein. Denn in ihren Eierstöcken befinden sich Eier, die bereits mit einem vollständigen Satz von Genen ausgestattet sind. Das heisst, sie bedürfen keiner Befruchtung. Die Eier sind genetisch vollkommen identisch mit ihrer Mutter. Ein Blattlaus-Baby wird darum auch «Klon» genannt. Die Klonarmee von Star Wars ist in unseren Vorgärten schon längst Realität.Einen Nachteil hat die Sache allerdings. Denn wer sich nur durch das Klonen vermehrt, bleibt in der Evolution stehen. Eine Anpassung an die Umwelt – etwa an die Klimaveränderung – ist in diesem Modus nicht möglich. Darum produzieren die Blattläuse im Herbst Männchen, mit denen sie sich wie andere Tiere auch sexuell fortpflanzen. Dadurch werden die Gene durchmischt, und die Evolution kann wieder einen kleinen Schritt vorwärts machen.Überhaupt lassen sich Blattläuse als Gebieterinnen über ihre Gene bezeichnen. Wenn sie merken, dass ihre Futterpflanze wegen der Invasion der Klonarmee zu darben beginnt, kommunizieren sie mit den Embryos in ihrem Leib. Über chemische Signale teilen sie ihnen mit, dass ihre Futterquelle versiegt ist und die Zukunft düster aussieht. Diese Botschaften gelangen bis zum Erbgut der Embryos. Dort schalten sie eine Reihe von bislang inaktiven Genen ein.Die neu eingeschalteten Gene führen dazu, dass den Embryos im Erwachsenenalter Flügel wachsen. Das heisst, sie kommen ganz normal zur Welt und sehen auch aus wie die anderen Blattläuse. Doch bei der zweitletzten Häutung erscheinen auf ihrem Rücken zwei Höcker. Aus diesen entfalten sich bei der letzten Häutung vier durchsichtige Flügel.Mit ihnen können die Blattläuse dem gesellschaftlichen Kollaps auf ihrer Futterpflanze entfliehen und irgendwo eine neue, noch unverbrauchte Pflanze finden. Wenn es eine üppige Futterquelle ist, besitzen die Nachkommen der geflügelten Läuse im Erwachsenenalter keine Flügel mehr. Drohender Nahrungsmangel ist nicht der einzige Reiz, der die Flügel spriessen lässt. Das Gleiche passiert auch, wenn sich ein Marienkäfer oder ein anderer Fressfeind in der Nähe aufhält.Atlant Bieri ist Naturforscher, Abenteurer sowie Autor von Sach- und Kinderbüchern. Die meiste Zeit lebt er in Pfäffikon (ZH).Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
Die Klon-Armee: Warum Blattläuse wahre Superkräfte besitzen
Blattläuse sind als Schädlinge verpönt. Zu Unrecht: Sie können ihre Fortpflanzung nach Bedarf auf den Kopf stellen und kommunizieren mit geheimnisvollen Stoffen. Die Kolumne «Wild und wundersam».







