PfadnavigationHomeWissenschaftDrohende GefahrDiese Mini-Raupe durchschaut ihre FeindeStand: 11:28 UhrLesedauer: 3 MinutenSchon kurz nach dem Schlüpfen verteidigen die Raupen ihr RevierQuelle: Emilie MauduitMal gehen die winzigen Raupen lautstark gegen Eindringlinge vor, mal ergreifen sie die Flucht. Forscher haben nun entdeckt, dass sie Bedrohungen erstaunlich treffsicher erkennen können. Ein Detail entscheidet dabei über Leben und Tod.Falcaria-Raupen sind winzig und zart, aber keineswegs zimperlich. Um Konkurrenz zu vertreiben, veranstalten sie unglaublichen Radau. Trampelt hingegen ein Marienkäfer heran, erstarren sie regelrecht – oder stürzen sich gleich ganz vom Blatt, wie ein Forschungsteam berichtet. Der Gefahrenlage so zu begegnen, sei auch ganz vernünftig: Fast die Hälfte der Direktkontakte von Käfer und Raupe überlebe der winzige Schmetterlingsnachwuchs nicht.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenDer nordamerikanische Nachtfalter Falcaria bilineata legt seine Eier auf Zweigen und Blättern von Birken ab. Schlüpfen die nur ein bis zwei Millimeter langen Raupen, die nur etwa das Zwanzigstel eines Reiskorns wiegen, verteidigen sie ihren Platz schon kurz darauf mit der Inbrunst von Raubtieren. Nähern sich Artgenossen, schlagen sie gegen das Blatt, kratzen und vibrieren entrüstet. Das große Engagement gilt einem winzigen Revier: Es umfasst nur die Spitze des jeweiligen Birkenblattes.Lesen Sie auchSehen können die Minis nicht sonderlich gut, sie nehmen vor allem das Getrappel wahr – und das offenbar höchst sensibel, wie das Team um Jayne Yack von der Carleton University in Kanada im „Journal of Experimental Biology“ berichtet. Die Forscher filmten frisch geschlüpfte Raupen auf ihrer Blattspitze und zeichneten die von ihnen erzeugten Schwingungen auf, wenn einer von drei hinzugesetzten „Besuchern“ sich näherte: ein Artgenosse, ein Marienkäfer oder eine Larve des Käfers.Lesen Sie auchTrappelte ein rund 20 Milligramm schwerer Marienkäfer heran, erstarrten die Raupen, wie die Forscher berichten. Sie hätten gar nicht erst versucht, den Käfer abzuschrecken. Einige Raupen hätten sich binnen fünf Sekunden vom Blatt gestürzt – an einem beim Fallen gesponnenen Faden hängend. Flog der Käfer weg oder bewegte sich nicht mehr, krabbelten sie wieder hoch in ihr Mini-Revier.Lesen Sie auchMit einer rund drei Milligramm schweren – für sie weniger gefährlichen – Larve des Käfers konfrontiert, schlugen und kratzten die Falterraupen hingegen mal ihr Blatt, bevor sie doch lieber verstummten. Außerdem brauchten sie bis zu 40 Sekunden, bevor sie sich zur Flucht entschlossen. Schlurfte ein etwa 0,8 Milligramm leichter Artgenosse heran, trommelten, zappelten und scharrten die Revierinhaber intensiv und vibrierten mit einer Frequenz von 25 Bewegungen pro Minute. Meist macht das Getöse ausreichend Eindruck und der Neuankömmling verzieht sich wieder.Die winzigen Raupen seien in der Lage, anhand der Schrittschwingungen – ihrer Intensität, Tonhöhe und Bandbreite – den Grad der Bedrohung zu erkennen und entsprechend zu reagieren, schließen die Forscher. „Dass Raupen, die nur einem Zwanzigstel eines Reiskorns entsprechen, über solch ausgefeilte sensorische Fähigkeiten verfügen, ist erstaunlich“, sagte Yack.Wenig überraschend erzeugten die gewichtigen erwachsenen Käfer die lautesten Schwingungen. Die von den Käferlarven erzeugten Schwingungen hätten denen der Falterraupen geähnelt – was möglicherweise erkläre, warum die ansässigen Raupen zunächst versuchten, den Eindringling zu vertreiben, bevor sie doch lieber verstummten.Die winzige Nachtfalter-Raupe gehört den Forschenden zufolge zu den kleinsten Tieren, bei denen jemals Revierverteidigung beobachtet wurde. Große Tiere können Reviere von hunderten Quadratkilometern Größe haben – die mit allerlei Markierungen oder Gebrüll, aber auch ausufernder körperlicher Gewalt gegen Rivalen verteidigt werden.Annett Stein, dpa/lkl