Abmagern für den Sieg – wenn im Radsport der Frauen alte Muster zurück sind, was ist mit den Männern?Pauline Ferrand-Prévot hat mit dem Gewichtsverlust vor ihrem Sieg an der Tour de France 2025 eine Debatte ausgelöst. Die Prozedur hat sie dieses Jahr wiederholt. Davor schien das Abmagern dank dem neusten Wissen zur Sporternährung in den Hintergrund gerückt zu sein.02.08.2026, 05.30 Uhr5 Leseminuten2025 flog sie die Berge hinauf wie keine Zweite: Pauline Ferrand-Prévot machte die französischen Fans glücklich – und die Konkurrenz skeptisch.Jean-Christophe Bott / KeystoneRutger Tijssen liess den Satz fast beiläufig fallen, kurz vor dem Start der Tour de France am Samstag in Lausanne: «Pauline ist wohl noch stärker als letztes Jahr.» Natürlich preist ein Teammanager seine eigene Athletin an. Doch für die Konkurrenz klang es wie eine Kampfansage. Denn Pauline, das ist die Französin Pauline Ferrand-Prévot, die bei ihrem Tour-Debüt 2025 die Berge hinauf- und den restlichen Spitzenfahrerinnen davonflog, als wäre es das Leichteste auf der Welt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nicht nur die französischen Radsportfans gerieten wegen dieser Leistung aus dem Häuschen. Auch bei Ferrand-Prévots Konkurrentinnen herrschte Aufregung. Denn im Vergleich zu den Frühjahrsclassiques war die 34-Jährige deutlich abgemagert; vier Kilogramm hatte sie, abgeschottet im Höhentrainingslager, verloren, wie sie erzählte und auf Social Media dokumentierte. Hatte man gerade einen Rückfall in jene Zeiten erlebt, als dünner gleich besser galt? Als die Radprofis hungerten, weil das Gewicht direkten Einfluss auf die Leistung bergauf hat?Ob Ferrand-Prévot den Tour-Sieg tatsächlich ihrem geringeren Gewicht zu verdanken hatte, lässt sich nicht sagen. «PFP» hat im Radsport Grosses geleistet: 2014/15 war sie der erste Radprofi, Mann oder Frau, der gleichzeitig die drei WM-Titel auf der Strasse, im Radquer und im Mountainbike innehatte. 2024 holte sie Olympiagold im Mountainbike.Doch Ferrand-Prévots Dominanz und ihr Aussehen liessen bei den anderen Fahrerinnen die Alarmglocken schrillen. Demi Vollering appellierte an junge Fahrerinnen, wie wichtig es sei, bei allem Ehrgeiz gesund zu bleiben und auf den eigenen Körper zu hören. Denn eine Mangelernährung kann diesem ernsthaft schaden. Marlen Reusser sagte, Ferrand-Prévot werfe Fragen auf, denen sie sich stellen müssten. Das Gewicht beschäftige alle Radprofis, «da muss niemand lügen», bekräftigte sie vor dieser Tour wieder. «Ich frage mich natürlich: Müsste ich mein Gewicht mehr pushen? Richtig extrem? Ich gehe jetzt dieses Jahr so in die Tour. Wir sehen, wo das hinreicht.»Keine einfache Antwort, aber ErklärungsansätzeDie Tour de France 2025 kam zu einem Zeitpunkt, als dieses unschöne Kapitel aus dem Radsport weitgehend verschwunden schien. Das Gegenteil von Hungern ist heute Trumpf, nämlich stets genügend Energie zuzuführen. Sogar viel mehr Kohlenhydrate aufzunehmen, als noch bis vor kurzem möglich schien. Für jeden Fahrer wird genaustens errechnet, was er zu sich nehmen muss. Wie also ist es möglich, dass magere Siegerinnen bei den Frauen wieder ein Thema sind, bei den Männern aber nicht?Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Aber es gibt Erklärungsansätze. Einer davon ist die Dauer der Rennen. Die Tour de France umfasst bei den Frauen 9 Etappen, bei den Männern 21. Dass ein Sondereffort an weniger Tagen eher machbar ist als an einer dreiwöchigen Tour, scheint möglich. «Beweise dafür gibt es aber keine», sagt Joëlle Flück, Sport- und Ernährungswissenschafterin mit einem Mandat für Swiss Cycling. Und der Ernährungswissenschafter Martijn Redegeld sagt: «Wer mit dem Gewicht übers Limit hinausgeschossen ist, riskiert auch bei einem neuntägigen Rennen einen negativen Effekt auf Leistung, Erholung und Gesundheit.»Flück vermutet, dass die Sichtbarkeit eine Rolle spiele, in mehrfacher Hinsicht: Als Tour-Siegerin steht Ferrand-Prévot auf der grösstmöglichen Bühne. Hätte sie nicht gewonnen, wäre ihr Gewicht kaum ein Thema geworden. Bei den Männern hingegen dominieren zurzeit keine ausgemergelten Fahrer. Das heisst aber nicht, dass es sie nicht gibt. Marion Rousse, die Direktorin der Tour de France Femmes, betonte auf das Thema angesprochen, es mangle auch bei den Männern nicht an mageren Fahrern.Das Thema fällt bei Frauen auch stärker ins Auge, weil in den vergangenen Jahren ein Tabu gefallen ist, der Zyklus und die weibliche Gesundheit sehr präsent wurden. Flück sagt: «Die Frauen sprechen viel offener über die Auswirkungen von tiefer Energieverfügbarkeit und negative Folgen wie hormonelle Veränderungen oder den Ausfall der Menstruation.» Auch männliche Radprofis sprechen über Essstörungen – oft aber erst nach ihrer Karriere. Weiter ortet Flück auch einen Unterschied darin, wie über die Problematik berichtet wird, von einem «Fitwerden» bei den Männern gegenüber dem «Runterhungern» bei den Frauen.Beim idealen Gewicht spielen viele Faktoren eine RolleDas permanente Messen, die ständige Sichtbarkeit und Überwachung aller körperlichen Werte im heutigen Radsport nehmen trotz der neuen Ernährungsstrategie kaum Druck von den Fahrern. Da das Verhältnis von Gewicht und Leistung am Berg ein Faktor bleibt, ist die Versuchung gross, dort die Grenzen auszuloten. Dabei ist es höchst individuell, welches Gewicht bei einem Fahrer, einer Fahrerin ideal ist. Viele Faktoren spielen eine Rolle: Genetik, Hormonhaushalt, wie viel des Gewichts Muskelmasse oder Fettmasse ist. Eine Reduzierung des Gewichts bringt längst nicht in allen Fällen eine bessere Leistung.Reduziert ein Sportler das Gewicht, bewegt er sich auf einem schmalen Grat, ob der Verlust gesund geschieht oder nicht. Diese Balance habe sie für sich selbst perfektioniert, sagt Ferrand-Prévot. Sie lässt sich in ihrer Tour-Vorbereitung eng betreuen, medizinisch und von mehreren Ernährungswissenschaftern ihres Teams Visma – Lease a Bike.Der Teammanager Rutger Tijssen sagte, sie werde seit dem Ende der Vuelta Anfang Mai überwacht. Man versuche, bei Gewicht und Leistung die Balance zu finden. «Sie hat garantiert nicht an Leistung eingebüsst seither», sagt er. Und Ferrand-Prévot sagte: «Ich weiss, was ich mache. Und ich weiss, wie weit ich gehen kann.» Sie beschönigt nicht, wie extrem ihr Weg ist. Eltern, die mit ihren Kindern ihre Siege verfolgten, müssten ihnen eben erklären, wie diese zustande kämen, sagte sie letztes Jahr bei der Tour. Und von ihrer Entschlossenheit, wie sie ein Ziel angehe, könne man sich ja auch etwas Positives abschauen.Ferrand-Prévot hat den Luxus, die Rennen auswählen zu könnenFerrand-Prévot betont gerne, wie hart sie zu sich selbst sei, wie sie sich monatelang im Höhentrainingslager isoliere und leide. Als Star der Equipe kann sie es sich jedoch erlauben, nur wenige ausgewählte Rennen zu fahren. Andere Profis haben diese Wahl nicht. Oder würden eine so extreme Vorbereitung weder wollen noch durchhalten – Tadej Pogacar etwa fährt gerne viele Rennen.Ein so niedriges Gewicht lässt sich nicht länger als für wenige Wochen halten, ohne an Leistung einzubüssen. Das weiss auch Ferrand-Prévot. Sie hatte sich dieses Jahr auch die Ardennen-Klassiker vorgenommen und fuhr sie auch. Aber nicht wie geplant, um zu gewinnen. Sie und ihr Team mussten einsehen: Eine Vorbereitung, wie sie sie für die Tour de France braucht, kann der Körper nicht zweimal im Jahr bewältigen.Dass eine derart enge Betreuung trotz allem Wissen heute nicht für alle Profis selbstverständlich ist, zeigt das Beispiel von Clara Koppenburg. Die Deutsche galt vor ein paar Jahren als grosses Klettertalent, sie flog die Berge hoch, bis sie so abgemagert war, dass sie nachts vor Hunger nicht mehr schlafen konnte. Heute hat sie die Essstörung überwunden und spricht offen darüber. In einer Doku der ARD sagt sie aber, dass der Weg zurück auch deshalb mühsam und schwierig gewesen sei, weil viele Teams mit dem Thema nichts zu tun haben wollten.Heute fährt sie für das Gravel-Team von Tudor. Der Teamchef Fabian Cancellara lobt sie in der Doku für ihre Offenheit: «Jetzt ist sie frei.» Auch wenn sie damit eine kleine Büchse der Pandora geöffnet habe. Das klingt nicht so, als wäre das Thema im Radsport vom Tisch.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Abmagern für den Sieg: Alte Muster im Frauenradsport kehren zurück
Pauline Ferrand-Prévot hat mit dem Gewichtsverlust vor ihrem Sieg an der Tour de France 2025 eine Debatte ausgelöst. Die Prozedur hat sie dieses Jahr wiederholt. Davor schien das Abmagern dank dem neusten Wissen zur Sporternährung in den Hintergrund gerückt zu sein.















