Verschmelzen nun die Kriege? Ein Angriff der Ukraine auf einen iranischen Frachter lässt aufhorchenChinas Kalkül, Russlands Wille zur Zerstörung, Amerikas Wankelmut: Die Kriegsschauplätze in der Ukraine und am Golf sind bereits miteinander verbunden. Wird nun daraus noch Verheerenderes?02.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenRoman Chop / GIU / GettyIzz Aldien Alqasem / Anadolu / GettyEine ballistische Rakete der Russen steckt im Asphalt der ukrainischen Stadt Kramatorsk (links), eine iranische Rakete in einem Feld ausserhalb von Damaskus in Syrien.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schlafwandeln wir gerade in den grossen Krieg, den Europa, Asien und den Golf umspannenden Weltkrieg, den niemand plante, noch weniger wollte? Zugegeben: Für einen Somnambulen ist der amerikanische Präsident Donald Trump recht lautstark und entschieden. «Wir werden Iran windelweich schlagen», schwor Trump – höflich übersetzt – diese Woche. Die Ansage folgte auf einen Raketenangriff Irans auf eine amerikanische Militärbasis in Jordanien. Etwas, was die US-Armee als «überraschend» bewertete, was sich aber sehr relativ ausnahm in diesem nun schon fünf Monate dauernden Krieg mit einem Auf und Ab an Bombardements, «ziemlich guten Gesprächen» mit Teheran und Vernichtungsrhetorik.Das Gespenst des grossen Krieges tauchte bei einem anderen, in der Tat unerwarteten Angriff auf: Das ukrainische Militär nahm am vergangenen Wochenende einen iranischen Frachter ins Visier, und dies im Kaspischen Meer, nahe dem russischen Hafen Astrachan. Das Schiff «Ana» soll Bauteile für Drohnen und Raketen für die russische Armee geladen haben und war auf dem Weg zurück zum iranischen Hafen Bandar Anzali. Mit einem Mal – so scheint es – verschmelzen zwei Kriege zu einem: der Ukraine-Krieg und der Iran-Krieg. Sie bringen die Weltmächte gegeneinander auf. Und ziehen weitere Staaten in diesen Mahlstrom. Ein kurzer Überblick:1. Ukraine gegen IranIran ist schon bald nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine Anfang 2022 zu einer indirekten Kriegspartei geworden, ähnlich wie Nordkorea, das Truppen und Munition für Moskau bereitstellt. Iran lieferte Russland im grossen Stil Drohnen, die russische Armee baute sie später nach. Die militärische Kooperation zwischen den beiden Ländern läuft weiter. Bisher hatte die Ukraine auf Gegenschläge verzichtet. Das hat sich nun geändert.Zwar haben sich der iranische und der ukrainische Aussenminister diese Woche darauf verständigt, den Vorfall ad acta zu legen, doch der Geist ist aus der Flasche. «Können wir die Ukraine unter Beschuss nehmen?», fragte im iranischen Abendfernsehen ein Militärexperte, der den Revolutionswächtern nahesteht. Er gab auch gleich die Antwort: «Ja, Iran kann heute Nacht dreissig bis vierzig Raketen auf Kiew feuern, und sehr wahrscheinlich treffen alle ihre Ziele, weil die Ukraine Probleme bei der Flugabwehr hat.» Dabei helfen die Ukrainer längst schon an anderer Stelle, in den Golfstaaten, mit Drohnen und Ausbildern bei der Flugabwehr gegen Iran.2. Krieg auf den MeerenDas Kaspische Meer ist Kriegsgebiet geworden. Die USA und Israel haben dort bereits die iranische Marine und Militäranlagen angegriffen, die Ukraine russische Kriegsschiffe und Bohrinseln. Nun ist die verdeckt laufende russisch-iranische Lieferroute über das Binnenmeer in das Visier der Amerikaner und der Ukrainer geraten: Moskau soll Iran mit Kampfdrohnen und Raketen versorgt haben.Iranische und aserbaidschanische Kriegsschiffe nehmen an einer Übung im Kaspischen Meer teil.Iranian Army / WANA via ReutersAuch im Schwarzen Meer hat sich der Krieg im Juli ausgeweitet – die Russen greifen nun vermehrt Frachtschiffe in ukrainischen Häfen an, die Ukrainer russische Öltanker. Der Persische Golf ist ebenfalls Kriegsgebiet, die Strasse von Hormuz blockiert. Der Iran-Krieg droht sich nun auf das Rote Meer auszuweiten: Denn die mit Iran verbündete Huthi-Miliz in Jemen versucht ihrerseits, Schutzgeld für die Passage durch die Meerenge von Bab al-Mandab zu erpressen und saudische Tanker zu blockieren. Ein Drohnenangriff auf Tankschiffe im ägyptischen Mittelmeerhafen Damiette diese Woche könnte ebenfalls von den Huthi verübt worden sein.3. Die Hand der ChinesenEtwa 400 schultergestützte Flugabwehrwaffen aus chinesischer Produktion sollen in den nächsten Wochen in Iran eintreffen und die Lücken im Arsenal der iranischen Armee auffüllen helfen, die das Bombardement durch die USA und Israel gerissen haben. Der Kaufvertrag wurde über eine Firma in Hongkong abgewickelt, meldete die Nachrichtenagentur Reuters diese Woche. Die Lieferung soll auf dem Landweg über Pakistan geschickt werden, was die Verfolgung durch die USA erschweren würde. Die Regierung in Peking stritt ab, dass es einen solchen Kaufvertrag gebe. Doch dass China – ähnlich wie Russland – im Iran-Krieg seine Hand im Spiel hat und das Regime in Teheran allen gegenteiligen Versicherungen zum Trotz militärisch unterstützt, ist für die Amerikaner offensichtlich.Die Präzision, mit der iranische Raketen und Kampfdrohnen amerikanische Basen in Nahost und am Golf treffen, legt den Schluss nahe, dass die iranische Armee Zugang zum Satellitennavigationssystem Beidou-3 der Chinesen hat. Teheran bemühte sich bereits nach dem ersten Krieg mit Israel im Sommer 2025 in Verhandlungen mit der chinesischen Regierung um die Nutzung von Beidou. Peking wird zudem verdächtigt, Dual-Use-Güter an Iran zu liefern, insbesondere Chips zur Steuerung von Drohnen und Raketen. Denn China wie Russland haben ein Interesse an einer Niederlage der USA am Golf und an der Erschöpfung und Bindung der US-Armee an den Kriegsschauplatz am Golf. Für all diese Gegner haben amerikanische Sicherheitsexperten schon vor längerem eine Abkürzung gefunden: Crink – die Achse der autoritären Staaten China, Russland, Iran und Nordkorea. Jetzt ist sie am Wirken.4. Die saudische KarteEine potenzielle Ausweitung des Krieges am Golf betreiben allerdings auch die USA. Das angekündigte Atomabkommen mit Saudiarabien ändert noch einmal die Lage für die Kriegsparteien. Washington bietet dem saudischen Herrscher Mohammed bin Salman den – sehr lukrativen – Aufbau einer zivilen Atomenergiewirtschaft an. Doch signalisieren will die Trump-Regierung die Möglichkeit einer saudischen Atommacht, eines neuen Hegemonen in einer Schlüsselregion der Welt, der Iran in Schach halten wird, und dessen Unterstützer.US-Präsident Donald Trump und der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman haben den Aufbau eines Atomprogramms in Saudiarabien vereinbart.Nathan Howard / ImagoBisher hatte MBS versucht, sein Land nicht in den Iran-Krieg zu ziehen. Das wird nun schwieriger. Saudiarabien beteiligte sich dieser Tage an einem Angriff der Amerikaner auf proiranische Milizen im Irak. Es bereitet offenbar eine Militäroffensive auf Jemen vor, wo die Huthi herrschen, flankiert von Seestreitkräften der anderen Golfstaaten, der Türkei und der Europäer, im Roten Meer.Die Umrisse eines eurasischen Krieges tauchen somit auf, von Moskau, das nahezu täglich von der Ukraine aus Vergeltung angegriffen wird, bis Sanaa in Jemen. Noch sehen die USA, die sich im Iran-Krieg festgefahren haben, keinen Anlass, ihre Militärhilfe für die Ukraine wieder hochzufahren und die beiden Kriegsschauplätze damit zu verbinden. Vielleicht lässt sich ja auch ein wenig Frieden stiften, anderswo in Nahost. Trump hat schliesslich ein Übereinkommen über die Entwaffnung der Hamas im Gazastreifen verkündet.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel