Finma-Auflagen ignoriert, die Muttergesellschaft getäuscht: Die Zurich hat ein Problem in ihrem HeimmarktAngestellte der Versicherung Zurich Schweiz haben über Jahre hinweg fehlerhafte Tarife vor der Finanzmarktaufsicht und der internen Kontrollstelle versteckt. Der CEO Mario Greco hat den Fall zur Chefsache erklärt.01.08.2026, 21.45 Uhr6 LeseminutenDes personnes utilisent une installation du parcours vita de Laengholz, ce lundi, 14 mai 2018, a Bienne. 50 ans se sont ecoules depuis l'inauguration du premier Vitaparcours a Zurich. Aujourd'hui, il y a plus de 500 Vitaparcours qui vous invitent au sport et au plaisir dans les forets suisses. (KEYSTONE/Anthony Anex)Anthony Anex / KeystoneEin Mann baumelt mit dem Kopf nach unten an einer Reckstange. Dynamisch schwingt er sich hoch, springt vom Gerät und macht sich auf zum nächsten Posten auf dem Vita-Parcours. Mit einem fast zehnminütigen Video verabschiedete sich ein ranghoher Manager der Zurich Schweiz im Dezember von seinen Arbeitskollegen. Sein Fazit nach 38 Berufsjahren: «Ich würde wieder alles genau gleich machen», sagt er in dem Film auf Linkedin.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Aussage löst bei früheren Arbeitskollegen Kopfschütteln aus. Denn die Zurich Schweiz steckt in einer tiefen Krise. Sie hat ein Enforcement-Verfahren der Finanzmarktaufsicht (Finma) am Hals. Das ist eine der schärfsten Sanktionen der Aufsichtsbehörde. Gemäss Insidern gehört der sportliche Ex-Kadermann zu den Schlüsselfiguren des Skandals.Greco vertritt Nulltoleranzpolitik bei VerstössenDer «Sonntags-Blick» berichtete vor Wochenfrist erstmals über die Affäre. Inzwischen sorgt sie am Konzernsitz am Mythenquai für Nervosität bis ganz nach oben. Der CEO Mario Greco hat den Fall zur Chefsache erklärt. Beim Umgang mit dem Regulator herrsche Nulltoleranz, sagt er im Gespräch mit der «NZZ am Sonntag»: «Wir müssen sicherstellen, dass wir jederzeit sämtliche Gesetze einhalten.»Die Hintergründe für den Finma-Einmarsch blieben bislang unklar. Mit Blick auf das laufende Enforcement-Verfahren äussert sich auch Greco nicht zu den Einzelheiten.Recherchen zeigen aber: Angestellte der Zurich Schweiz haben über Jahre hinweg Regeln willentlich verletzt. Und sie haben auch dann noch gepfuscht, als ihnen die Finma auf die Schliche gekommen war und Massnahmen verfügte. Dies wirft ein schiefes Licht auf die Risikokultur bei der Schweizer Einheit.Nulltoleranz bei Verstössen gegen die Regulierung: Der Zurich-CEO Mario Greco hat drastische personelle Konsequenzen gezogen.Chris Ratcliffe / Bloomberg / GettySeinen Ursprung hat der Fall im Geschäft mit der beruflichen Vorsorge. Die Zurich erbringt dort Dienstleistungen für ihre Partnerfirma, die Vita-Sammelstiftung. Mit 22 000 Firmen und 150 000 Versicherten gehört diese zu den grösseren Playern unter den Sammelstiftungen.Das BVG-Geschäft ist hoch reguliert. Die Versicherer müssen sämtliche Tarife von der Finma genehmigen lassen. Doch die Zurich Lebensversicherungs-Gesellschaft AG hielt sich nicht daran: Ihre Tarife im Risikoteil der beruflichen Vorsorge waren zu tief.Die Motive sind unklar. Beobachter vermuten, dass die Verantwortlichen damit Volumen bolzen wollten. Mit gleichzeitig höheren Gebühren im Servicegeschäft sollen sie versucht haben, sich schadlos zu halten.Belegt ist dies allerdings nicht. Zurich-Kreise verweisen darauf, dass die Gewinne aus dem BVG-Geschäft weder an die Höhe der Boni noch die Leistungsbemessung der Manager gekoppelt seien.Umso erstaunlicher ist, dass die Verantwortlichen die fehlerhaften Tarife nicht einfach korrigierten, sondern sie mit immensem Aufwand unter dem Deckel zu halten versuchten. Laut Insidern haben sie auch die internen Kontrollstellen über Jahre hinweg getäuscht.Fehler bei der Aufarbeitung kosten dem Schweiz-Chef den JobVor einem Jahr flog das Versteckspiel auf: Die Finma kam den Verantwortlichen auf die Schliche und verfügte einen Massnahmenkatalog. Damit begann der zweite Akt des Dramas.Bei der Umsetzung der Finma-Massnahmen verpasste die Zurich Schweiz verschiedentlich Fristen. Die Finma zog die Schraube an und leitete das Enforcement-Verfahren ein. Dieses umfasst auch ein Verbot, neue Kunden aufzunehmen.Damit erreichte die Affäre die Konzernspitze. Der CEO Mario Greco geniesst Starstatus in der Versicherungswelt. Er hat bei der Zurich erreicht, woran seine Vorgänger reihenweise gescheitert waren: Der Versicherer wurde zur Geldmaschine. Seit seinem Antritt vor zehn Jahren hat sich der Aktienkurs beinahe verdreifacht.Greco hat den Ruf eines knallharten Optimierers, der Rendite über alles stellt. Dank guten Zahlen war die Zurich Schweiz lange eine Vorzeigeeinheit im Konzern, der Schweiz-Chef Juan Beer wurde gar als möglicher Nachfolger Grecos gehandelt.Doch Greco legt auch Wert auf einen tadellosen Ruf. Ein Enforcement-Verfahren der Finma befleckt sein Erbe bei der Zurich. Deshalb griff er knallhart durch, als die Finma einmarschierte: Beer musste im Februar Knall auf Fall gehen. Bereits zuvor verloren elf weitere Manager der Zurich Schweiz ihren Job, unter ihnen der Risiko- und der Compliance-Chef der Schweizer Einheit. Beer reagierte nicht auf Fragen zu seiner Rolle. Der genannte Manager wollte keine Stellung nehmen.Greco weist Vorwürfe gegen den Konzern zurückIm Gespräch begründet Greco die drastischen Massnahmen: «Die Zurich Schweiz hatte sämtliche Ressourcen, um die Probleme zu beheben. Leider wurden entsprechende Massnahmen nicht konsequent und schnell genug umgesetzt.»Der Regelverstoss wirft aber auch die Frage auf, warum das Interne Kontrollsystem (IKS) auf Gruppenebene ihn nicht erkannt hat. Pikant dabei: Der Risikochef des Zurich-Konzerns leitete zuvor den Versicherungsteil bei der Finma.Greco weist den Vorwurf zurück, dass die Probleme auch beim Konzern lägen: «Die Gruppe muss die Ländergesellschaften kontrollieren und überwachen, sie führt aber nicht das Geschäft.» Zudem sei es sehr schwierig, Missstände zu entdecken, die gewisse Mitarbeiter aktiv zu verbergen versuchten.Die Vita zieht die KonsequenzenDas Finma-Verfahren hat nicht nur bei der Zurich ein Beben ausgelöst. Es beschleunigt ebenso den Wandel in der gesamten beruflichen Vorsorge. Die absehbare Folge ist nämlich, dass sich die Vorsorgeanbieter noch stärker von den Versicherungen abkoppeln. So hat die Sammelstiftung Vita bereits angekündigt, dass sie die Risiken Tod und Invalidität künftig nicht mehr an die Zurich auslagern, sondern selbst tragen wolle. Der Schritt soll bis 2028 vollzogen sein.Diese Entkopplung war ursprünglich durch die sogenannte «Rentenklau»-Debatte ausgelöst worden. Die Versicherungsbranche sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sie verrechne in der Vorsorge zu hohe Tarife. Um solche Interessenkonflikte zu vermeiden, hatte die Zurich frühzeitig reagiert. Bereits im Jahr 2003 lagerte sie ihr Vorsorgegeschäft in eine teilautonome Sammelstiftung aus und reaktivierte dafür den Markennamen der früheren Lebensversicherung Vita. Anstelle des bisher üblichen Modells der Vollversicherung investierte die Vita das Alterskapital an der Börse, analog den Pensionskassen, was zu höheren Renditen führte. Andere Versicherer sind dem Modell später gefolgt.Die Sammelstiftungen haben seither einen starken Aufschwung erlebt. Denn viele Unternehmen haben ihre eigenen Pensionskassen aus Effizienzgründen aufgegeben und an einen der grossen Anbieter ausgelagert. Dazu zählen neben der Vita auch die Versicherer Axa, Swiss Life und Helvetia sowie unabhängige Sammelstiftungen wie Asga oder Profond. Der Anteil der Sammelstiftungen am gesamten Vorsorgekuchen hat sich von einem Viertel auf die Hälfte verdoppelt. Damit verwalten sie derzeit Gelder von über 600 Milliarden Franken.Die Vita will Kosten senken – nun ganz legalNun also wird die Vita gar zu einer autonomen Sammelstiftung, indem sie die Risiken Tod und Invalidität nicht mehr der Zurich übergibt, sondern selbst trägt – dem Vernehmen nach hat das Enforcement-Verfahren diesen Prozess beschleunigt. Pikant sind die erwarteten Folgen für die Versicherten: Denn die Vita hat gegenüber ihren Kunden angekündigt, dass die Kosten für die Erwerbstätigen dank diesem Schritt sinken werden. Man könne die Risikobeiträge über den gesamten Bestand um voraussichtlich 10 bis 20 Prozent reduzieren, verspricht der Vita-Geschäftsführer Rolf Wehrli auf der Website des Unternehmens.Wie aber passt diese Aussage zur Rüge der Finma, wonach die Zurich ihre Risikoleistungen zu billig offeriert hatte? Der Vorgang wirkt paradox: Der Regulator nimmt den Versicherer Zurich wegen zu tiefer Preise an die Kandare. Worauf die Sammelstiftung Vita das Geschäft selbst übernimmt – und dadurch sogar noch günstigere Tarife anbieten will.Versicherer werden härter reguliertEine mögliche Erklärung liegt in der Regulierung durch die Behörden: Solange die Versicherung Zurich die Risikoleistungen anbietet, unterstehen diese der Kontrolle durch die Finma. Bleibt das Geschäft dagegen in der Sammelstiftung, so ist dafür nicht mehr die Finanzmarktaufsicht, sondern die kantonale BVG- und Stiftungsaufsicht zuständig. Bei der Vita ist es die Atioz, die das Tessin, die Ostschweiz und Zürich abdeckt. Die beiden Behörden arbeiten mit unterschiedlichen Risikomodellen.Kenner der Materie betonen, dass eine Sammelstiftung diese Risiken nur dann selbst tragen könne, wenn sie über die nötige Grösse verfüge. Dies sei bei der Vita der Fall. Zudem habe die Sammelstiftung ausreichend hohe Reserven, die als Sicherheit dienen könnten. Dass die Vita nun den Schritt in die vollständige Autonomie wählt, dürfte allerdings auch andere Versicherer wie Axa oder Helvetia unter Druck setzen. Denn im Kampf um die Kunden sind günstigere Konditionen ein wichtiges Argument.Das Enforcement-Verfahren der Finma könnte somit dazu beitragen, die Ablösung der Vorsorgeinstitute von der Versicherungsbranche zu beschleunigen. Auch der Name Vita dürfte laut Insidern bis im Jahr 2028 verschwinden. Einzig die Verwaltung und der Vertrieb sollen noch bei der Zurich verbleiben.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Zurich Schweiz: Finma-Auflagen missachtet – Skandal erschüttert Versicherung
Angestellte der Versicherung Zurich Schweiz haben über Jahre hinweg fehlerhafte Tarife vor der Finanzmarktaufsicht und der internen Kontrollstelle versteckt. Der CEO Mario Greco hat den Fall zur Chefsache erklärt.







