Es war eine kurze, chaotische Blüte. Am 25. Juli vor fünf Jahren endete die tunesische Ausnahme. Ein Jahrzehnt lang hatte das kleine nordafrikanische Land nach der friedlichen Revolution große Hoffnungen geweckt, einige Protagonisten erhielten sogar den Friedensnobelpreis. Dann riss Präsident Kaïs Saïed die Macht an sich und begann seine Gegenrevolution. Für Sihem Bensedrine war der 25. Juli 2021 ein Staatsstreich. Mit dieser Meinung ist sie in Tunesien nicht allein.„Dieses Regime stellt in noch schlimmerer Form die diktatorischen Systeme wieder her, die vor der Revolution von 2011 aufeinanderfolgten“, sagt die Journalistin der F.A.S. In ihrer Wohnung in Tunis wartet die 75 Jahre alte Menschenrechtsaktivistin darauf, ob sie wieder ins Gefängnis muss, und beantwortet dabei Fragen schriftlich und am Telefon. Sie wirkt ruhig, obwohl sie im Juni ein Gericht zu einer Freiheitsstrafe von 25 Jahren verurteilt hat. „In meinem Alter kommt das einer lebenslangen Haftstrafe gleich“, sagt Bensedrine. Sie soll für ihre Arbeit als Vorsitzende der tunesischen Wahrheitskommission büßen, die versucht hatte, die dunklen Jahrzehnte der Diktatur aufzuarbeiten.Bensedrines Anwälte haben Berufung eingelegt. Aber sie ist nicht optimistisch – weder für sich selbst noch für ihr Land. Auf mehrere Hundert Jahre belaufen sich inzwischen die Freiheitsstrafen, die die Justiz seit dem 25. Juli 2021 verhängt hat. Tunesien, mit dem die EU eng zusammenarbeitet, ist dabei, sich in ein großes Gefängnis zu verwandeln. „Das Regime versucht auszurotten, was Tunesien an Intelligenz und Kreativität auf allen Ebenen besitzt“, sagt Bensedrine, nicht verbittert, aber traurig. „Die Gefängnisse quellen über von Intellektuellen, Künstlern, Dissidenten, Akteuren der Zivilgesellschaft und Oppositionellen. Es ist ein regelrechter Krieg, der der Gesellschaft erklärt wurde.“Sie kehrte aus dem Exil zurück, um beim Aufbau zu helfenIm Februar 2025 war Bensedrine vorläufig aus der Untersuchungshaft nach Hause entlassen worden. Im Frauengefängnis in Manouba hatte sie am 14. Januar einen Hungerstreik begonnen. An dem Tag jährte sich zum 14. Mal die Flucht des Langzeitdiktators Zine el-Abidine Ben Ali aus Tunesien. Von den sieben Monaten im Gefängnis habe sie noch ein „paar kleinere gesundheitliche Probleme“ mitgebracht, erzählt Bensedrine, die wie wenige die Geschichte ihres Landes verkörpert.Jahrzehntelang ließ Ben Ali sie und ihren Ehemann, den Journalisten Omar Mestiri, verfolgen. Schließlich gingen sie ins Exil nach Deutschland. Mit der Hilfe der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte und der Schriftstellervereinigung PEN fanden sie Schutz. Später lebten sie in Graz und Barcelona, bis sie nach Hause zurückkehrten, um beim Aufbau der neuen Demokratie zu helfen.Schon unter Ben Alis Vorgänger Habib Bourguiba hatte Bensedrine gegen die Unterdrückung gekämpft. 1985 wurde sie zum ersten Mal festgenommen, danach immer wieder; dabei wurde sie auch schwer verletzt. Auch als Kaïs Saïed 2024 mit mehr als 90 Prozent der Stimmen als Staatschef wiedergewählt wurde, saß sie in Untersuchungshaft. Nur zwei chancenlose Gegenkandidaten waren damals zugelassen. Einer von ihnen wurde noch vor der Wahl zu mehr als 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Hunderte Jahre Haft für Regimekritiker in Tunesien
Tunesien war ein demokratisches Hoffnungsland. Jetzt schlägt das Regime zurück. Die frühere Vorsitzende der Wahrheitskommission soll als „Fälscherin“ bis zu ihrem Lebensende in Haft.








