Es war nur ein kurzer Post, aber er reichte, um die Emotionen hochkochen zu lassen. Thorsten Alsleben, Geschäftsführer der Arbeitgeberinitiative Neue Soziale Marktwirtschaft, schrieb kürzlich auf der Plattform X: „Heute hat uns das fünfte Paar aus dem engeren Freundeskreis erzählt, dass sie auswandern wollen: Alle fünf Familien haben kleine Kinder, alle sind unternehmerisch tätig, alle verdienen sehr viel Geld. Drei nach Mallorca, zwei nach Portugal. Es ist Wahnsinn.“Die Debatte im Netz wurde schnell hitzig und emotional. Die einen bestätigten, was Alsleben geschildert hatte, andere widersprachen. Und dann meldete sich Karl Lauterbach (SPD) zu Wort. Der frühere Gesundheitsminister kommentierte: „Es ist dieses permanente Schlechtreden, was uns am stärksten schadet. Diese ewigen Übertreibungen von jungen Talenten, die mit dem hohen Rentenbeitrag (,schnief‘) nicht klarkommen und deshalb angeblich auswandern. Auf diese Leute können wir verzichten, falls es sie überhaupt gibt.“Ein Spitzenpolitiker, dem es egal ist, wenn es Leistungsträger reihenweise ins Ausland zieht? Die Aufregung wurde noch größer. Lauterbach löschte den Post später und erklärte, er sei missverstanden worden.Knapp 290.000 Deutsche sagten zuletzt CiaoWas wirkt wie ein sommerliches Geplänkel, hat einen ernsten Hintergrund. Knapp 290.000 Menschen mit deutschem Pass haben im vergangenen Jahr das Land verlassen. Netto, also nach Abzug der Rückkehrer, gingen fast 97.000 deutsche Staatsangehörige – so viele wie noch nie, seitdem die Statistik erhoben wird. Hinzu kommt: In einer repräsentativen Umfrage „Jugend in Deutschland 2026“ gab zuletzt jeder fünfte junge Mensch an, konkrete Auswanderungspläne zu haben.Zugleich verliert Deutschland unter EU-Ausländern an Anziehungskraft. Nachdem jahrzehntelang mehr Menschen aus Osteuropa nach Deutschland kamen als umgekehrt, hat sich dieser Trend inzwischen gedreht. Beispiel Polen: Vor fünfzehn Jahren zogen netto noch 66.000 Polen nach Deutschland, darunter viele Fachkräfte. Im vergangenen Jahr verließen unter dem Strich 17.000 Polen das Land. Insgesamt kehrten Deutschland 54.000 EU-Bürger den Rücken. Nur durch den Zuzug aus dem Rest der Welt kamen im vergangenen Jahr in Summe 235.000 Menschen mehr ins Land, als auswanderten.Arbeitsmarktexperten halten diesen Zuzug für viel zu klein, um die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu füllen, den die in Rente gehenden Babyboomer hinterlassen. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung würde Deutschland eine jährliche Nettozuwanderung von rund 400.000 Personen brauchen, um das Arbeitskräfteangebot langfristig konstant zu halten.„Ein Fieberthermometer, auf das wir achten sollten“Stefan Kolev, Volkswirt und Leiter des Ludwig-Erhard-Forums in Berlin, bereiten die Zahlen Sorgen. „Der Trend, dass immer mehr Menschen gehen, ist wie ein Thermometer, welches ein Fieber anzeigt, auf das wir achten sollten, es aber noch nicht tun“, sagt er. Was das Problem aus volkswirtschaftlicher Sicht verschärft: Es sind nicht die Rentner oder Menschen ohne berufliche Perspektive, die gehen. Die deutschstämmigen Auswanderer sind im Schnitt 35 Jahre alt, berufstätig und haben überdurchschnittlich hohe Bildungsabschlüsse.Es sind Menschen wie Johanna Gollnhofer. Als sie vor der Wahl stand, wo sie nach ihrem Masterabschluss in Betriebswirtschaftslehre ihre Promotion machen wollte, hatte sie Angebote aus Deutschland, aber auch aus der Schweiz. Eine Stelle in München sei allerdings nur zur Hälfte finanziert gewesen, erzählt sie. Auf die Frage, wie sie von dem kleinen Gehalt leben solle, habe man ihr gesagt, als gebürtige Münchnerin könne sie doch wieder bei ihren Eltern einziehen.Heute ist Gollnhofer Marketingprofessorin an der Universität St. Gallen. Den Schritt in die Schweiz – Auswanderungsziel Nummer eins der Deutschen – hat sie nie bereut. Wenn man die Forscherin danach fragt, was der größte Standortvorteil der Schweiz sei, dann nennt sie nicht als Erstes das Geld, sondern die Mentalität. „Man hat einen gewissen Pragmatismus und weniger Ideologie“, sagt Gollnhofer. „Und was auch erwartet wird, ist ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Man kann viel bewegen, es wird aber nichts vorbewegt.“ Das sei genau ihr Ding.Polen ist plötzlich SehnsuchtslandDie Motive für das Auswandern sind vielfältig, Ökonom Kolev spricht vom „Preis-Leistungs-Verhältnis des Staates“. Die Leistung, das seien die Gesundheitsversorgung, das Bildungssystem, die Infrastruktur, die Sicherheit und die Möglichkeiten zum beruflichen Aufstieg. Dem steht der Preis gegenüber, also Steuern und Abgaben, Bürokratie und die wachsenden Staatsschulden. „Steigt der Preis in Form von Steuern, Abgaben oder Schulden bei sinkender Leistung, kippt das Urteil in Richtung Auswandern“, sagt Kolev. Vor allem dann, wenn wie in Deutschland die wirtschaftliche Dynamik schwächer sei als jenseits der Grenzen.Kolev lehrt an der Hochschule Zwickau. Bei seinen Studenten hat er in den vergangenen Jahren eine Veränderung wahrgenommen. Vor der Pandemie seien die meisten regional sehr verwurzelt gewesen, schon ein Umzug nach Süddeutschland sei als große Hürde gesehen worden. „Heute diskutierten einige dieser Studenten, wie lange es dauert, Polnisch zu lernen – um womöglich nach Polen auszuwandern.“ Das Wohlstandsniveau dort sei zwar noch nicht so hoch wie hierzulande, werde aber durch andere Faktoren ausgeglichen: größere wirtschaftliche Dynamik, bessere Stimmung, pünktliche Bahnen, niedrigere Steuern.Das Thema Auswandern sei unter seinen Studenten omnipräsent, sagt Kolev. Das habe ihn motiviert, ein Buch darüber zu schreiben, das im Herbst erscheinen wird. Er hat es „Wohlstand für Junge“ getauft. Der Ökonom, der zum Beraterkreis von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gehört, fordert darin einen grundlegenden Politikwechsel: Weg vom Status-quo-Denken, hin zu einer stärkeren Fokussierung auf die Jüngeren. Das sei auch im Interesse der Älteren. „Wer heute 65 ist, will im statistischen Mittel noch 17 Jahre Rente beziehen“, sagt er. Das funktioniere aber nicht, wenn sich die Jüngeren reihenweise abwendeten.Vom Frust profitieren die politischen RänderKolev beobachtet zugleich eine „innere Emigration“ vieler Jüngerer. Sie hätten keine Lust mehr, sich ehrenamtlich in Vereinen oder Organisationen einzubringen. Im Beruf machten sie Dienst nach Vorschrift. Der verbreitete Frust zeigt sich auch im Wählerverhalten – die politischen Ränder bekommen mehr Zulauf. In der Bundestagswahl 2025 waren bei den Erstwählern Linke und AfD besonders stark.Junge Menschen im Land zu halten, ist ein Hebel, um die Lücken auf dem Arbeitsmarkt nicht zu groß werden zu lassen. Der andere ist es, mehr Fachkräfte aus dem Ausland anzulocken. Die Politik versucht das seit Jahren. Die Ampelregierung hat das Fachkräfteeinwanderungsgesetz 2023 so erweitert, dass Ausländer in bestimmten Fällen auch ohne formal anerkannten Abschluss hier arbeiten können, wenn der Arbeitgeber einverstanden ist. Außerdem gibt es eine „Chancenkarte“, mit der Interessierte auch ohne konkretes Jobangebot kommen können.Das alles wirkt – aber nicht im großen Stil. Laut dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ist die Fachkräfteeinwanderung aus dem außereuropäischen Ausland seit 2023 um rund 33.000 Köpfe gestiegen, ein Plus von knapp 14 Prozent.Union und SPD haben sich vorgenommen, mit einer „Work-and-Stay-Agentur“ eine – serviceorientierte – Anlaufstelle zu schaffen. Doch das Vorhaben, an dem drei Ministerien beteiligt sind, zieht sich hin. Die Idee, ausländischen Fachkräften zeitlich befristet einen Steuerrabatt zu gewähren, wurde indes wieder verworfen. Ein solcher hätte womöglich noch mehr Deutsche frustriert – und inspiriert, das Land zu verlassen.