Der andere BlickTschüss, Deutschland: Über den Rekord bei Auswanderungen braucht sich niemand zu wundernIm vergangenen Jahr haben mehr als 280 000 Deutsche ihr Land verlassen. Ein neuer Höchststand. Die Bundesrepublik vergrault ihre Leistungsträger.02.06.2026, 04.30 Uhr3 LeseminutenAuf und davon: Immer mehr Deutsche verlassen ihr Heimatland.Sotiris Dimitropoulos / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Anna Schiller, Redaktorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Immer mehr Deutsche kehren ihrem Land den Rücken. 288 579 Bundesbürger zogen laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr ins Ausland. So viele wie noch nie.Die Zahl an sich ist schon erschreckend. Besonders schwer wiegt allerdings, wer Deutschland verlässt: Es sind vor allem junge und gut ausgebildete Menschen. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung und der Universität Duisburg-Essen sind zwei Drittel der Auswanderer jünger als vierzig. Drei Viertel haben einen Hochschulabschluss.Um es drastisch zu sagen: Deutschland verliert seine Leistungsträger.Die Tatsache, dass ausgerechnet diese Gruppe geht, darf jedoch niemanden wundern. Denn die Gründe liegen auf der Hand.Hohe Abgaben, dysfunktionaler StaatDie Deutschen erleben ein Land im schleichenden Niedergang. In der Bundesrepublik galt über Jahrzehnte eine Gewissheit: Wenn man sich anstrengt, wird es einem einmal besser gehen als den Eltern und Grosseltern. Wer heute in seinen Dreissigern ist, ist noch mit diesem Optimismus aufgewachsen. Heute muss er jedoch feststellen: Das Versprechen vom Aufstieg durch Leistung gilt nicht mehr.Die Deutschen müssen immer höhere Abgaben leisten. Im Gegenzug bekommen sie einen verantwortungslos hohen Schuldenberg, sozialpolitische Exzesse und einen Staat, der im Alltag – ob bei Behörden, im Gesundheitssystem, im öffentlichen Nahverkehr oder bei der Bildung – zunehmend dysfunktional ist.Junge, gut ausgebildete Menschen sind davon besonders betroffen. Mit ihren durchschnittlich höheren Einkommen werden sie den Schuldenberg einmal massgeblich abbauen und dabei noch das marode Rentensystem finanzieren müssen. Obendrein macht ihnen der Staat den Aufbau privaten Vermögens auch noch möglichst schwer.Der Staat signalisiert: Leistung lohnt sich nicht mehrAnstatt ernsthaft darüber nachzudenken, wie sich die Ausgabenseite sinnvoll kürzen liesse, überbieten sich besonders linke Parteien lieber mit Vorschlägen, wie man diese Gruppe noch weiter schröpfen kann. Die SPD schlug etwa kürzlich vor, die Krankenkassenbeiträge auch auf Kapitalerträge auszuweiten – also auf eine der letzten Möglichkeiten, wie junge Menschen privat noch gewinnbringend fürs Alter vorsorgen können. Die wiederkehrende Forderung nach einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes tut ihr Übriges.Insbesondere jenen, die am Anfang ihres Berufslebens stehen und sich aus eigener Kraft etwas aufbauen wollen, signalisiert der deutsche Staat damit: Leistung lohnt sich nicht mehr. Und nicht nur das: Es herrscht eine Atmosphäre, die Leistung und jeden, der sie erbringen will, unter Generalverdacht stellt.Kein Wunder, dass dann viele Deutsche bessere Chancen für sich im Ausland sehen. Die meisten von ihnen in der Schweiz.Sicher, nicht jeder geht aus purer Frustration. Eine Zeit im Ausland ist bereichernd, und einige Auswanderer kehren später mit wertvollen Erfahrungen zurück. Doch der historische Höchststand der Abwanderung ist eine unmissverständliche Abstimmung mit den Füssen.Die Regierung sollte diese Zahl ernst nehmen. Deutschland kann es sich angesichts seiner Lage nicht leisten, seine Leistungsträger zu vergraulen. Der Staat muss gerade jungen Menschen wieder eine Perspektive bieten – und dafür den Mut zu echten Strukturreformen aufbringen. Sonst wandert mit ihnen auch gleich Deutschlands Zukunft aus.Passend zum Artikel