Im Flur steht seit Ostern eine Kiste, deren Inhalt niemand mehr kennt. Auf dem Küchentisch stapelt sich die Post von drei Wochen. Auf dem Sofa liegt Wäsche, die den Sprung in den Schrank nie geschafft hat.Und dazu gibt es jetzt eine Ferndiagnose gratis: Wer so wohnt, habe keine Routine, keine Disziplin und drücke sich vor Verantwortung. Der Vorwurf ist alt und beliebt. Die Forschung, auf die er sich beruft, gibt ihn nicht her.

Studie mit 1111 Teilnehmern: Worauf es ankommt

Die meistzitierte Arbeit zum Thema stammt von der University of East London. Caroline J. Rogers und Rona Hart befragten online 1111 Erwachsene und glichen deren Wohnsituation mit einem etablierten Fragebogen zum Wohlbefinden ab.Der wichtigste Befund verschwindet in fast jeder Zusammenfassung. Für das Wohlbefinden war nicht entscheidend, wie viel herumlag, sondern wie die Befragten sich damit fühlten.Zwei Menschen mit gleich vollen Regalen können also völlig unterschiedlich dastehen. Die Kiste im Flur bleibt harmlos, solange sie niemanden stört.Dazu kommt eine Zahl, die den Alarm dämpft. Fast 97 Prozent der Teilnehmer lagen unter der Schwelle, ab der Fachleute von behandlungsbedürftiger Vermüllung sprechen.Ein paar Einschränkungen gehören dazu. Die Teilnehmer waren überwiegend Frauen, angeworben über die Netzwerke der Forscherinnen. Und die Studie ist eine Momentaufnahme, sie beweist keine Ursache. Genauso plausibel ist die andere Richtung: Wer in einer schlechten Phase steckt, räumt seltener auf.