Am Nachmittag des 3. Juni regnete es in kalten Schauern auf Giesing hinab, als die Vereinsführung aus den Büroräumen trat und verkündete, dass der TSV 1860 München nach neun Jahren wieder einmal zwangsabsteigen muss, hinunter in den Amateurfußball. Einige Fans zerdepperten in ihrem Frust ihr Bierglas auf dem Asphalt, auf dem Weg zur Tram sagten einige: Diesmal ist es schlimmer, ich weiß nicht, ob das noch einmal gut wird.Welch ein Kontrast, 55 Tage später: 30 Grad, Gluthitze, trotzdem treffen sich rund 600 Fans am Wettersteinplatz neben dem Grünwalder Stadion – um 15 Uhr an einem Wochentag. Sie ziehen über eine zwangsläufig gesperrte Grünwalder Straße Richtung Vereinsgelände, um die Mannschaft beim letzten öffentlichen Training anzufeuern, um die eigene Aufbruchstimmung pünktlich zum Saisonstart weiterzugeben. Für Sechzig beginnt die Saison am Samstag mit einem Auswärtsspiel beim FC Schweinfurt (14 Uhr), einem rein sportlichen Absteiger aus der dritten Liga. Es ist bereits der zweite Spieltag einer Liga mit 19 Mannschaften, weil 1860 München so kurzfristig dazu kam. Sie beantragten, aufgrund der vielen ungeklärten organisatorischen Fragen, den ersten Spieltag erst mal freihalten zu dürfen. Im ersten Heimspiel in einer Woche empfängt der TSV 1860 die zweite Mannschaft des FC Augsburg.ExklusivTSV 1860 München:Was in den irren Monaten vor dem Lizenzentzug passierteWie ein Vertreter von Investor Ismaik bei den Löwen die Macht an sich reißen wollte – und sogar die Abschaffung von Stehplätzen erwog. Neue Einblicke in das Chaos, das zum Zwangsabstieg des TSV 1860 führte.Eigentlich herrscht immer noch Chaos, vieles läuft immer noch nicht in gewohnten Bahnen. So gehörten zum Beispiel erste und zweite Mannschaft bis zuletzt demselben Spielerpool an. Der jüngste Gegner der U21 in der Bayernliga, der TSV Schwabmünchen, nahm es stoisch hin, dass man mit 1:5 gegen eine Elf verlor, die so nie wieder in der Bayernliga auflaufen wird.Die Zukunft ist in weiten Teilen immer noch ungewiss, aber die Euphorie ist plötzlich wieder da, vielleicht sogar mehr denn je: Der Verein gab einen neuen Mitgliederrekord bekannt (29 000), Tausende Fans, die das Geld für ihre zu früh gekaufte Saisonkarte vielleicht nie erstattet bekommen, kauften sich wie selbstverständlich eine neue. Außerdem tranken sie Bier für den Verein. Ja, wirklich: Unter dem Motto „Giesing hält zam“ schlossen sich diverse Lokalitäten des Stadtteils zusammen und gaben den Großteil der Einnahmen eines Tages an den TSV 1860 weiter. 41 000 Euro kamen so zusammen, als Bewirtungsbeleg wurde ein überdimensionaler Scheck vor dem Stadion übergeben.Lange schien ungewiss zu sein, ob sich überhaupt Spieler finden würden, die sich unter diesen einmaligen Umständen Sechzig anschließen möchten. Dort hat man nun eine neue Spielbetriebs-GmbH gegründet, die sich von der alten Gesellschaft, die sich in Vorinsolvenz befindet, Spieler und Mitarbeiter quasi mietet. Ein Teil der Euphorie rührt jetzt auch daher, dass mehrere ehemalige Spieler zum Verein zurückkehrten, obwohl manche von ihnen sicherlich eine Anstellung im Profifußball gefunden hätten.Jüngster Rückkehrer-Coup ist die Verpflichtung von Mittelfeldspieler Dennis Dressel, der vom Mitabsteiger SSV Ulm kommt. Vitus Eichers bislang letztes Pflichtspiel liegt fast drei Jahre zurück, dafür stand der Torwart damals für den 1. FC Heidenheim im DFB-Pokal gegen Mönchengladbach zwischen den Pfosten. Michael Eberwein war zwar nie ein Sechziger, stammt aber immerhin aus der Hallertau und könnte zusammen mit dem nur kurz untergetauchten Florian Niederlechner die gefährlichste Offensive der Regionalliga formen.30 Grad, 15 Uhr an einem Wochentag - und 600 Fans feuern die Mannschaft beim Abschlusstraining an. Ulrich Wagner/ImagoAber auch das ist typisch Sechzig: Mündet die bis vor Kurzem für unmöglich gehaltene Euphorie nicht gleich wieder in eine Erwartungshaltung, die zum Ballast wird? „Ich glaube, das gibt einfach der Verein her“, sagt Alper Kayabunar, der in all den Unklarheiten in Bezug auf den Kader vom Trainer der zweiten Mannschaft zum Trainer der ersten Mannschaft mutierte. Über den Aufstieg habe man bisher nicht gesprochen, betont der 40-Jährige. Und die aktive Fanszene will auch hierbei solidarisch sein. Am Rande des Abschlusstrainings wurden sämtliche Anhänger für die Saison eingeschworen: „Keine Pfiffe“, heißt es, die zusammengewürfelte Mannschaft benötigt Geduld, es werde sicher auch mal schlechte Spiele geben.Allerdings sticht erst einmal kein Mitfavorit ins Auge auf dem Weg zu den Aufstiegsspielen am Ende der Spielzeit gegen den Meister der Nordstaffel. 15 der 19 Viertliga-Trainer sehen den TSV 1860 als Meisterschaftsanwärter, ohne dass die Münchner eine vernünftige Saisonvorbereitung gehabt hätten. „Wir müssen uns erst mal finden“, sagt auch Niederlechner. Zumal ja immer noch Spieler hinzustoßen, am Mittwoch etwa Mark Gevorgyan von Hannover 96 II. Am Donnerstag gelang dem Verein eine Punktlandung mit Blick auf eine etwas gewissere Zukunft: Ein neuer Haupt- und Trikotsponsor wurde vorgestellt, eine Versicherung namens Dialog, die mit Initiativen unter dem Motto „Freiheit für Sechzig“ eine „Partnerschaft auf Augenhöhe“ schaffen will. Die Presseerklärung gemeinsam mit dem Maklerversicherer der Generali in Deutschland (800 Mitarbeiter, rund 19 000 Vertriebspartner) liest sich dank solcher Formulierungen ein wenig wie ein Abgesang auf den Investor Hasan Ismaik.Als am Mittwoch die Fans zur Trainingsanlage pilgerten, hatten sie dort schon das Banner des Vorgänger-Sponsors „Die Bayerische“ abgehängt. Jetzt müssen sich alle an ein komplett neues Trikot-Layout gewöhnen. Die Ereignisse überschlagen sich bei Sechzig. Und jetzt wird auch wieder Fußball gespielt.