News-Abstinenzler contra News-Junkies: wie Ohnmacht über das Weltgeschehen den Medienkonsum beeinflusstPolitische Influencer gewinnen an Einfluss, während immer weniger Leute traditionelle Medien konsumieren. Wer dem medialen Kontrollverlust entkommen will, muss den eigenen Wirkungskreis neu definieren.Simon M. Ingold01.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenPolitik-Podcaster erreichen ein Millionenpublikum und geniessen bei ihrer Hörerschaft grosses Vertrauen. Entsprechend wächst ihr politischer Einfluss.Carol Yepes / Moment RF / GettyGeopolitik ist von einem seriösen Expertenthema in den Printmedien und im Fernsehen zu einem Publikumsmagnet geworden, der Social Media dominiert. Ihre Anziehungskraft ist einem bunten Haufen von Ex-Beamten und -Funktionären, ausrangierten Medienpersönlichkeiten und Autodidakten zu verdanken, die sich synchron zum Takt des täglichen News-Flows publikumswirksam in Szene setzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese neue Klasse politischer Influencer bombardiert uns unablässig mit teilweise scharfsinnigen, oft widersprüchlichen, manchmal auch haarsträubenden Kommentaren und Sound-Bites. Selbstverständlich lässt sich damit sehr viel Aufmerksamkeit erzielen und Geld verdienen.Podcast-Hosts mit Star-CharakterDer britische Podcast «The Rest is Politics» (TRIP) wurde 2022 ins Leben gerufen und erreichte innerhalb von nur zwei Jahren die Marke von 9 Millionen Downloads pro Monat. Der Erfolg ist wesentlich den zwei eloquenten Hosts zu verdanken: Alistair Campbell, ehemaliger Kommunikationschef von Tony Blair, und Rory Stewart, Ex-Diplomat und Tory-Kabinetts-Minister. Sie profitieren von einem globalen Trend, der sich mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs verstärkt hat.Der amerikanische Ableger von TRIP ist dank seinem Zugpferd Anthony Scaramucci, der in Donald Trumps erster Amtszeit ganze elf Tage Kommunikationschef des Weissen Hauses war, nicht minder beliebt.Die «Lage der Nation», ein Podcast zum deutschen Politgeschehen, verzeichnet monatlich 1,5 Millionen Downloads. Der französische Influencer Hugo Travers erzielt mit seinen auf Gen-Z-Hörer ausgerichteten politischen Analysen unter dem Namen «Hugo Décrypte» 35 Millionen Youtube-Views monatlich. Allein sein Instagram-Account hat mehr Follower als jene der grossen französischen Medienhäuser Le Monde, BFMTV und France 24.Die Verlierer dieses Booms sind die traditionellen Tageszeitungen und Fernsehsender. Trotz dem offensichtlichen Interesse an einem ihrer wichtigsten Kernthemen büssen sie weiter an Auflage und Reichweite ein.Grosses Hörervertrauen für PodcasterWie stark die Diskursstruktur von einzelnen Köpfen statt von der Substanz der Argumente abhängt, zeigt sich an ihrer Präsenz und ihrem realen politischen Einfluss. Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2024 erwies sich eine kleine Handvoll von Podcastern als Königsmacher: Donald Trumps Auftritte bei Joe Rogan, Logan Paul und Theo Von erzielten im Vorfeld der Wahl insgesamt 69 Millionen Youtube-Views.Das ist eine enorme Quote zum Nulltarif, mit dem zusätzlichen Vorteil, dass Podcaster mit 75 Prozent ein sehr hohes Hörervertrauen bei Amerikanern geniessen. Ob das daran liegt, dass sie keine Politprofis sind?Auch im deutschsprachigen Raum mischen sich fachfremde Persönlichkeiten gerne in aussenpolitische Debatten ein. So sprachen sich 2022 Dutzende Intellektuelle, unter ihnen Richard David Precht, Harald Welzer und Jürgen Habermas, gegen deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine aus und forderten einen dürftig begründeten Waffenstillstand. Eine vergleichbare Rolle in der Schweiz kommt Lukas Bärfuss zu, der das Zeitgeschehen regelmässig mit alarmistischen Verlautbarungen kommentiert.Ein Highschool-Lehrer als «Chinas Nostradamus»Manche obskuren Gestalten bringt wiederum nur Social Media hervor. Sie tauchen scheinbar aus dem Nichts auf und sind plötzlich überall. Seit Beginn des Iran-Kriegs gehört Jiang Xueqin dazu, ein chinesisch-kanadischer Highschool-Lehrer, der sich selber «Professor Jiang» nennt und dank einigen kühnen, aber bislang zutreffenden Prognosen zur gegenwärtigen geopolitischen Lage von seinen Followern als «Chinas Nostradamus» bezeichnet wird.Kritiker werfen ihm wahlweise vor, er sei unqualifiziert, Propagandist der Kommunistischen Partei Chinas oder habe mit der von ihm erfundenen Disziplin der «Predictive History» einfach Glück gehabt.Es überrascht nicht, dass weitaus bekanntere politische Influencer wie Tucker Carlson und global erfolgreiche Podcaster wie Steven Bartlett («Diary of a CEO») unverzüglich ihre Plattformen mit Jiang Xueqin teilen und seinen Thesen damit Legitimation verleihen.Medialer «Detox» als SelbstschutzDie sich überschlagenden Ereignisse und die konstante Flut geopolitischer Berichterstattung wirken sich auch auf die Öffentlichkeit aus. Am einen Ende der Skala stehen News-Abstinenzler, die Nachrichten als unzumutbare Belastung empfinden und sie darum bewusst ignorieren. Mit 40 Prozent weltweit hat ihr Stand ein historisches Hoch erreicht.Die Gründe für ihre Ablehnung sind eindeutig: negativer Stimmungseffekt und Überforderung wegen zu viel Konfliktberichterstattung. Der mediale «Detox» der Abstinenzler dient somit dem Selbstschutz.Am anderen Ende der Skala stehen News-Junkies, deren Nachrichtenkonsum zwanghafte Züge aufweist. Sie beschäftigen sich obsessiv mit geopolitischen Statusmeldungen und empfinden Entzugserscheinungen, wenn sie nicht konstant auf dem neusten Stand sind, aus Angst, etwas zu verpassen. Gemäss Erhebungen gehören etwa 17 Prozent der Medienkonsumenten dieser Kategorie an.Sie sind der Schwamm, der gierig aufsaugt, was Polit-Influencer laufmeterweise an Content produzieren – und damit auch der Ausgangspunkt für die Verschärfung der Tonalität. Die Social-Media-Plattformen besorgen den Rest. Ihre Engagement-Algorithmen stellen sicher, dass das Kontroverse und Irritierende direkt an die Oberfläche gespült wird.Das Weltgeschehen als Reality-ShowObwohl sich News-Abstinenz und News-Sucht als Gegensätze ausschliessen, haben beide Verhaltensweisen ein und dieselbe Ursache: ein fundamentales Ohnmachtsgefühl grosser Teile der Öffentlichkeit gegenüber dem Weltgeschehen, das in seiner multimedialen Vervielfachung und Brechung den Charakter einer endlosen und nicht aufzuhaltenden Reality-Show bekommt, in der die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt.Während die einen davor kapitulieren und den Kopf in den Sand stecken, verfallen die anderen in voyeuristisches Doomscrolling und geben sich der Illusion hin, dem Kontrollverlust damit entgegenwirken zu können.Wie weit das Ohnmachtsgefühl tatsächlich verbreitet ist, belegt ein Bericht der Münchner Sicherheitskonferenz von 2022 mit dem vielsagenden Titel «Unlearning Helplessness». Der Befund: In zahlreichen Ländern – von Italien über Frankreich bis Indien – hat eine deutliche Bevölkerungsmehrheit das Vertrauen darauf verloren, dass die grossen globalen Herausforderungen politisch zu bewältigen sind. Kollektive Ohnmacht ist also keine Randerscheinung, sondern regionen- und kulturübergreifend verbreitet.Desinteresse am demokratischen DiskursDas hat für das politische Leben und die Gesellschaft Konsequenzen. So ist von News-Verweigerern kein basisdemokratisches Engagement zu erwarten. Im Gegenteil: Ihr Verhalten ist nicht weniger als die Resignation vor den Ansprüchen der eigenen Autonomie.Den gleichen Vorwurf müssen sich aber auch die News-Junkies gefallen lassen. Denn wer sich vom medialen Politzirkus dermassen vereinnahmen lässt, geht einer fundamental unproduktiven Tätigkeit nach. Das fieberhafte Kommentieren von Instagram-Reels und Onlineartikeln mag für einen kurzen Dopaminschub gut sein, für mehr aber auch nicht. Meinungsäusserung allein macht noch keine aktive Zivilgesellschaft.Einfluss nehmen, wo er etwas bewirktDie vielversprechendste Lösung für dieses Dilemma ist Selbstwirksamkeit – beginnend im privaten Bereich. Nur dank ihr kann echtes Engagement entstehen, das sich auch politisch äussert. Denn Selbstwirksamkeit ist und bleibt der wichtigste Faktor für tatsächliches Handeln.Zahlreiche Studien und Modelle belegen es: Wir müssen uns mit Dingen beschäftigen, die wir direkt beeinflussen können, sei es bei der Arbeit, im Alltag oder im sozialen Kontext. Wir müssen dort Leistungswillen und Engagement zeigen, wo wir einen Unterschied machen können. Und wir müssen dabei Ansprüche an uns selbst stellen, an denen wir uns messen lassen.Das Ausloten des eigenen Wirkungskreises ist kein Rückzug. Es ist der einzige realistische Weg, um dem eigenen Ohnmachtsgefühl zu entkommen und sich den Versuchungen ideologischer Einflussnahme durch politisches Influencing und autokratische Tendenzen wirksam zu entziehen.Passend zum Artikel
News-Abstinenzler contra News-Junkies: wie Ohnmachtsgefühle den Medienkonsum beeinflussen
Politische Influencer gewinnen an Einfluss, während immer weniger Leute traditionelle Medien konsumieren. Wer dem medialen Kontrollverlust entkommen will, muss den eigenen Wirkungskreis neu definieren.







