Bundesbank-Berechnungen zeigen: So stark hemmt die Bürokratie das Wachstum in Deutschland wirklichDie Belastung der Unternehmen durch staatliche Regulierungen wächst seit Jahren ungebremst. Jetzt hat die Bundesbank ausgerechnet, wie sehr die Produktivität darunter leidet.31.07.2026, 17.32 Uhr4 LeseminutenDie staatlichen Berichtspflichten halten die Mitarbeiter in den Unternehmen von ihren eigentlichen Aufgaben ab.Udo Herrmann / ImagoFragt man Unternehmer in Deutschland nach den grössten Nachteilen des Standorts, steht die Bürokratie meist weit oben auf der Liste. Das dichte Geflecht aus staatlichen Vorgaben, Verboten und Berichtspflichten hat sich wie Mehltau auf die Wirtschaft gelegt. Ob bei Liefer-, Arbeits- oder Kundenbeziehungen – überall macht der Staat den Unternehmen Vorschriften.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass die Bürokratie wuchert, ist nicht zuletzt eine Folge der Anreizstrukturen in Ämtern und Behörden. Je mehr diese das Wirtschaftsgeschehen regulieren, desto einflussreicher und desto mächtiger werden sie. Die Führungskräfte der Behörden haben daher einen Anreiz, sich durch geschicktes Agieren im politischen Raum immer neue Aufgabenfelder zu erschliessen.Zwar hat die Bürokratie auch Vorteile. Sie stellt das Handeln des Staates auf eine objektive, regelgebundene Grundlage und macht es dadurch vorhersehbar. Der Soziologe Max Weber betrachtete eine von Technokraten geführte Bürokratie daher als «rationalste Form der Herrschaftsausübung».Doch die Gefahr ist gross, dass der immanente Expansionsdrang der Bürokratie der Wirtschaft die Dynamik raubt. Statt zu wachsen, stagniert die Wirtschaftsleistung dann. Oder schrumpft sogar.Die Bürokratie wächst ungebremstWie sehr die Bürokratie die Wirtschaft in Deutschland belastet, zeigt eine neue Studie der Deutschen Bundesbank. Die Volkswirte der Notenbank haben 7000 Unternehmen nach ihren Erfahrungen mit staatlichen Regulierungen gefragt.Dabei zeigte sich, dass die Belastung der Unternehmen in den vergangenen vier Jahren deutlich zugenommen hat. Betrachteten im Jahr 2022 erst 45 Prozent der Befragten die Bürokratie als Problem, sind es mittlerweile knapp 70 Prozent. Die Bürokratie rangiert damit als Standortnachteil noch vor den hohen Produktions- und Arbeitskosten, dem Mangel an Arbeitskräften und den hohen Energiekosten.In den Jahren der Ampelregierung von 2022 bis 2024 nahmen die Belastungen besonders stark zu. In dieser Zeit trat das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz in Kraft. Es verpflichtet die Unternehmen, sicherzustellen, dass in ihrer Wertschöpfungskette menschen-, umwelt- und arbeitsrechtliche Standards eingehalten werden. Zudem verpflichtete die EU die Unternehmen in den Mitgliedsländern, über die Nachhaltigkeit ihrer Geschäfte zu berichten. Dazu kam eine verschärfte IT-Regulierung für den Finanzsektor. Die staatlichen Vorgaben griffen «recht tief in grundsätzliche betriebliche Abläufe ein», urteilen die Volkswirte der Bundesbank.Gemessen am Jahresumsatz erhöhten sich die Bürokratiekosten der Unternehmen von 5 Prozent im Jahr 2022 auf 7 Prozent im Jahr 2024. Das ist ein Plus von fast 50 Prozent. Die Bürokratiekosten-Quote ist damit ebenso hoch wie die durchschnittliche Umsatzrendite im deutschen Mittelstand.Die Kleinen leiden besondersVor allem die kleinen Unternehmen leiden unter der wachsenden Bürokratie. Differenziert man nach Branchen, sind die Bürokratiekosten im Finanzsektor überdurchschnittlich hoch. Sie liegen bei 9,6 Prozent des Jahresumsatzes. Die hohe Regulierung des Sektors ist nicht zuletzt eine Folge der Finanz- und Euro-Krise, die viele Banken ins Wanken gebracht hatte.Die staatlichen Aufsichtsbehörden verstärkten damals die Regulierung der Finanzinstitute. Banken und Versicherungen müssen seither umfangreiche Berichtspflichten erfüllen und Stresstests absolvieren. Dazu kommen wachsende behördliche Anforderungen an Sicherheitsmassnahmen gegen Cyberattacken.Auch das Gastgewerbe, die Landwirtschaft und das Baugewerbe weisen eine überdurchschnittliche Bürokratiebelastung auf. Etwas geringer fällt sie in der Industrie sowie im Gross- und im Einzelhandel aus.Behörden in Deutschland besonders bürokratischDie Felder der Regulierung unterscheiden sich zwischen den Branchen. Banken und Versicherungen berichten über umfangreiche Bürokratie besonders im Bereich der Steuer- und Finanzberichterstattung sowie beim Datenschutz. Das Gastgewerbe klagt vor allem über zunehmende Vorschriften beim Arbeitsrecht. Die Landwirtschaft und das Baugewerbe sehen sich steigenden Belastungen durch die Umweltbürokratie ausgesetzt.Behörden in Deutschland legen EU-Regulierungen häufig strenger aus als andere Länder und als es nach den Vorgaben aus Brüssel nötig wäre. Daher kann es nicht verwundern, dass deutsche Unternehmen die staatliche Bürokratie häufiger als Investitionshemmnis einstufen als viele ihrer europäischen Konkurrenten.Überdurchschnittlich hoch ist die Belastung durch Bürokratie bei Unternehmen, die ohnehin unter Druck stehen. So berichten Betriebe, die über hohe Produktions- und Arbeitskosten klagen, zugleich über ein um 1,6 Prozentpunkte höheres Verhältnis von Bürokratiekosten zum Jahresumsatz als ihre Konkurrenten, die nicht unter Druck stehen. Die Bundesbank-Ökonomen erklären dies damit, dass es Unternehmen in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld kaum gelingt, die Regulierungskosten an ihre Kunden weiterzureichen.Druck auf die ProduktivitätDie wuchernde Bürokratie ist nicht nur ein Ärgernis für die Unternehmen. Sie ist auch eine volkswirtschaftliche Wachstumsbremse. Der Anstieg der Bürokratiekosten in der Zeit von 2022 bis 2024 hat das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum in Deutschland laut Berechnungen der Bundesbank um insgesamt einen halben Prozentpunkt nach unten gedrückt.Als Mass für die Produktivität verwenden die Bundesbank-Ökonomen den Umsatz je Beschäftigten. Weil die Erfüllung der staatlichen Berichtspflichten die Mitarbeiter der Unternehmen zeitlich bindet, können sie sich weniger um die betrieblichen Belange und die Wünsche der Kunden kümmern. Die Folge: Der Umsatz und die Produktivität schrumpfen.Das Ausmass der Bremswirkung der Bürokratie auf die Produktivität sei «nennenswert», schreiben die Bundesbank-Ökonomen. Ohnehin leidet die deutsche Wirtschaft seit Jahren unter einer ausgeprägten Produktivitätsschwäche. Zwischen 2020 und 2025 legte die Produktivität in der Gesamtwirtschaft nach Berechnungen der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute im Schnitt nur um magere 0,2 Prozent zu.Um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, hat die Bundesregierung der Bürokratie daher den Kampf angesagt. Sie will unter anderem die gesetzlichen Berichtspflichten der Unternehmen pauschal aufheben – vorausgesetzt, die zuständigen Ministerien erheben keine Einwände dagegen. Ob es der Regierung gelingt, die Bürokratie einzuhegen, bleibt abzuwarten. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre lassen keine allzu grossen Hoffnungen aufkommen.Passend zum Artikel