«Ich rede mit meinen Steinen wie andere mit ihren Zimmerpflanzen», sagt Bulgaris oberste Edelstein-EinkäuferinLucia Silvestri verantwortet den Einkauf der kostbarsten Steine und entwirft daraus Schmuckstücke, die Millionen kosten. Im Interview spricht sie über harte Verhandlungen, künstliche Diamanten und ihren Aufstieg in einer Männerwelt.31.07.2026, 14.51 Uhr5 LeseminutenEin Auge für seltene Steine: Lucia Silvestri inmitten ihrer Entwürfe und Edelsteine.Erica FavaAls junge Biologiestudentin sprang Lucia Silvestri während eines Mutterschaftsurlaubs als Sekretärin bei den Bulgari-Brüdern ein, die das Römer Schmuckhaus damals in dritter Generation führten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was als dreimonatiger Aushilfsjob begann, führte sie Schritt für Schritt an die Spitze: Heute gilt Silvestri als eine der einflussreichsten Einkäuferinnen farbiger Edelsteine der Luxusbranche und designt zugleich die Haute Joaillerie des Hauses, das inzwischen zum französischen Konzern LVMH gehört.Frau Silvestri, wie finden Sie die aussergewöhnlichen Steine, die Sie für Ihre Arbeit brauchen?Ich reise viel – nach Indien oder Sri Lanka oder an Messen in New York oder Genf. Gleichzeitig habe ich enge Beziehungen zu grossen Händlern und Sammlern. Oft rufen sie mich direkt an. Sie wissen, welche Qualität ich suche.Mit wem konkurrieren Sie, wenn es ernst wird?Händler sprechen nicht offen darüber. Aber natürlich gibt es andere Häuser und private Sammler. Ich erwarte, dass ich aussergewöhnliche Steine als Erste sehe. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich nur als Druckmittel benutzt werde, arbeite ich mit diesem Händler nicht mehr.Wie entscheidet sich der Preis?Das ist immer Verhandlungssache. Manchmal dauern die Verhandlungen zwei Stunden, manchmal ein Jahr. Ich kenne den Wert der Steine sehr genau – das ist entscheidend. Und ich weiss, dass die Händler es gerne haben, wenn Bulgari ihre Steine kauft.Weshalb?Weil sie wissen, dass wir damit Schmuckstücke kreieren, die für Aufmerksamkeit sorgen.Haben Sie schon einmal einen spektakulären Stein nicht gekauft, weil er zu teuer war?Ja. Ich kaufe nicht um jeden Preis. Und meine Verhandlungen beginnen fast immer damit, dass ich sage: Der Preis ist zu hoch.Sind Spitzen-Farbsteine heute teurer als zu Beginn Ihrer Karriere?Auf jeden Fall. Ein gutes Beispiel ist der Mandarin-Granat. Vor zwanzig Jahren wollte ihn niemand für Haute Joaillerie. Wir bei Bulgari gehörten zu den Ersten, die ihn einsetzten. Damals kostete er 50 Dollar pro Karat. Heute kostet die Topqualität 3000 Dollar pro Karat. Spitzenqualität ist sehr rar geworden, weil die Nachfrage so hoch ist.Welche Steine sind derzeit besonders gefragt?Rubine, Saphire, Smaragde und Diamanten in Topqualität. Aber auch Mandarin-Granat, Paraíba-Turmaline oder Spinell. Spinell ist faszinierend, weil der Stein ganz verschiedene Farben haben kann. Mittelmässige Qualität gibt es genug, aber echte Spitzenqualität ist selten.Sehen Sie Anzeichen für Spekulation?Die Nachfrage ist hoch, deshalb versuchen Händler, die Preise zu erhöhen. Aber wenn man den Wert kennt, kann man dagegenhalten.Die Haute Joaillerie – also meist einzigartige Stücke mit aussergewöhnlichen Edelsteinen – wächst stärker als der restliche Schmuckmarkt. Warum?Die Menschen wollen schöne Dinge, die bleiben. Unser Schmuck ist nicht für eine Saison gedacht, sondern für Generationen.Wird heute anders gekauft als früher?Unsere Kundschaft ist internationaler und jünger geworden.Wird Haute Joaillerie zunehmend auch als Investition angesehen?Ja, es ist sicher auch eine Form von Investment, gerade auch mit den stark gestiegenen Preisen von Gold oder von gewissen Steinen. Sie brauchen qualitativ hochstehende Steine, gutes Design und eine vertrauenswürdige Marke.Bulgari ist weltweit präsent – hier mit einer Boutique am Flughafen Heathrow.ReutersIst es ein gutes Investment?Durchaus, aus den erwähnten Gründen. Aber es ist ein langfristiges Investment. Sie können den Schmuck nicht am nächsten Tag wieder verkaufen und damit Geld machen.Wie haben die Nachhaltigkeitsanforderungen Ihre Arbeit verändert?Wir können die Lieferkette heute sehr gut nachvollziehen. Dafür arbeiten wir mit Prüflaboren zusammen wie jenem der Schweizerischen Stiftung für Edelstein-Forschung (SSEF) oder Gübelin.Labordiamanten haben den Markt verändert. Spüren Sie das?Ich kann mit Labordiamanten nichts anfangen. Meine Arbeit betreffen sie allerdings nicht. Unsere Kunden kaufen künstliche Diamanten höchstens mal zum Spass für sich selbst. Aber Labordiamanten verschenken? Das ist schrecklich.Haben die Kunststeine die Preise von natürlichen Diamanten beeinflusst?Viele Käufer warten ab. Die Preise natürlicher Diamanten steigen deshalb nicht mehr so stark wie früher. Das ist aus meiner Sicht allerdings auch gesünder, denn vorher waren die Preissteigerungen teilweise extrem. Aber gute Qualität bleibt teuer.Wenn ein Labordiamant kaum zu unterscheiden ist – wofür zahlt der Kunde beim Naturstein?Für Geschichte. Für Herkunft. Für das, was ich die Seele eines Steins nenne.Entstehen zwei Märkte?Ja. Einer für Naturdiamanten. Er ist für Kunden, die an die Tradition glauben. Und einer für Labordiamanten.Diamanten sind allerdings generell weniger selten als Farbedelsteine.Das stimmt. Mittlere und tiefe Qualität gibt es haufenweise, aber Topqualität ist selten.Sie sind nicht nur Steine-Einkäuferin, sondern auch die Chef-Designerin für Schmuck. Was kommt bei Ihnen zuerst – der Stein oder die Idee?Der Stein. Ich schaue ihn an, spiele mit ihm, stelle mir vor, was er werden könnte. Ich rede auch mit meinen Steinen – so wie andere mit ihren Zimmerpflanzen reden.Haben Sie bei Ihren Kreationen die völlige Freiheit?Ich kenne die Preise genau, weil ich die Steine selbst auswähle und einkaufe. Das gibt mir grosse kreative Freiheit – allerdings innerhalb klar definierter Rahmenbedingungen. Es gibt stets ein Budget, selbst in der Haute Joaillerie.Eines von Silvestris persönlichen Lieblingsstücken.PDWie stellen Sie sicher, dass ein Stück unverkennbar Bulgari ist?Ich habe mein Handwerk bei der Familie Bulgari gelernt. Entscheidend ist, die DNA der Marke weiterzuführen, ohne sie zu kopieren. Man darf sich von den Archiven inspirieren lassen, aber man darf weder die Vergangenheit noch sich selbst wiederholen. Ein Auge muss in die Vergangenheit schauen, eines in die Zukunft.Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?Durch Zufall. Ursprünglich habe ich Biologie studiert, weil ich Ernährungsberaterin werden wollte. Dann habe ich für drei Monate die Sekretärin von Herrn Bulgari vertreten, während sie im Mutterschaftsurlaub war. Auf seinem Schreibtisch lagen Edelsteine. Es war Liebe auf den ersten Blick.Und dann?Ich konnte nicht aufhören, die Steine anzuschauen und zu berühren. Die Familie hat das bemerkt und mich ermutigt, mit Farben zu arbeiten. So habe ich angefangen – noch als Sekretärin. Schritt für Schritt wurde ich dann in den kreativen Prozess eingebunden, habe Steine ausgewählt und schliesslich den Einkauf übernommen.Sie arbeiteten in einer männerdominierten Branche.Es war schwierig. Händler wollten nicht mit mir reden und fragten: «Wo ist Mr. Bulgari?» Ich ging manchmal auf die Toilette und weinte. Aber die Familie stand hinter mir, und ich habe gekämpft. Heute kann ich auswählen, mit wem ich arbeite.Die Frau hinter Bulgaris Haute JoaillerieLucia Silvestri ist Kreativdirektorin für Schmuck und Chef-Einkäuferin für Edelsteine von Bulgari. Sie kam eher zufällig zum Unternehmen: Die Biologin, die eigentlich Ernährungsberaterin werden wollte, vertrat als junge Frau Anfang der 1980er Jahre die Sekretärin der Bulgari-Brüder während eines Mutterschaftsurlaubs. Dabei entdeckte sie ihre Faszination für Edelsteine – und die Bulgaris ihr Talent. Später wurde sie zur Einkäuferin aussergewöhnlicher Farbsteine und 2013 zur prägenden Kreativinstanz der Haute Joaillerie der Marke. Bulgari wurde 1884 in Rom gegründet, gehört seit 2011 zu LVMH und ist besonders für Schmuck mit farbigen Edelsteinen bekannt.Passend zum Artikel
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