Allein auf seiner Weltkugel: Kanye Wests Auftritt in Madrid zeigt, dass sein Werk die Selbstzerstörung und die politischen Entgleisungen überdauertKanye West wurde in England, Frankreich und Tschechien ausgeladen. Bei seinem Konzert in Spanien verzichtet er auf alles, was ein Stadion sonst belebt – und gerade dadurch wirkt es.Adrian Schräder, Madrid31.07.2026, 14.30 Uhr4 LeseminutenIn Madrid bleibt die riesige Fläche des Stadions leer. Der Innenraum gehört allein Kanye West und seinem Werk. Madrid, 2026.Mercedes Ortuno / EPAIm Innenraum des Metropolitano-Stadions in Madrid erhebt sich am Donnerstagabend eine zwölf Meter hohe Halbkugel. Fast zwei Stunden lang steht der amerikanische Produzent und Rapper Kanye West auf ihrem höchsten Punkt. Unter seinen Füssen dreht sich die Erde, über ihm zucken Blitz und Donner. Die Bühne passt zu einem Künstler, der nie klein gedacht hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die derzeitige Tournee des 49-Jährigen stösst in Europa auf erheblichen Widerstand. Konzerte in Grossbritannien, Frankreich und Tschechien wurden abgesagt oder scheiterten an politischen Widerständen. In Albanien dagegen stellte die Regierung kurzfristig 4,2 Millionen Euro aus dem staatlichen Notfallfonds bereit, um Wests wegen «schleppender Ticketverkäufe» gefährdeten Auftritt zu retten. Bei der Opposition und in der Bevölkerung löste der Einsatz von Steuergeldern für ein Pop-Konzert Empörung aus. Dass das Geld einem Künstler mit wiederholten antisemitischen Äusserungen zugutekam, verschärfte die Kontroverse. Jüngst entschuldigte sich West und führte sein Verhalten auf eine manische Episode zurück. Doch für viele ist West längst untragbar.Umso erstaunlicher ist, was sich an diesem Abend in Madrid beobachten lässt. Ein Künstler, der noch vor kurzem öffentlich isoliert schien, ist als Musiker weiterhin ein globales Massenphänomen. Rund 65 000 Menschen füllen das Metropolitano, ein Grossteil von ihnen ist unter dreissig. Vor dem Stadion hört man Englisch, Französisch, Rumänisch und Ukrainisch. Zehntausende sind angereist. Wenn er nicht zu ihnen kommt, kommen sie eben zu ihm.Trotzdem keine NostalgieshowDie eigentliche Sensation des Abends ist deshalb nicht die spektakuläre Inszenierung. Es ist die Tatsache, dass dieses Konzert trotz vielen alten Hits keine Nostalgieshow ist. Fast zwei Stunden lang reiht Kanye West einen Klassiker an den anderen: «Through the Wire», «Jesus Walks», «Power», «Can’t Tell Me Nothing», «Runaway», dessen berühmte Klaviermelodie er auf seiner Weltkugel selbst anspielt, «Stronger», «Touch the Sky», «Run This Town». Auf dem Papier ist das eine Retrospektive. Im Stadion wirkt das Repertoire erstaunlich gegenwärtig.Das liegt nicht zuletzt am Publikum. Viele der Fans, die jede Zeile mitsingen, waren noch Kinder oder noch gar nicht geboren, als West vor 22 Jahren sein Debütalbum veröffentlichte. Seine Musik ist längst nicht mehr der Soundtrack nur einer Generation. Sie wird weitervererbt, zirkuliert in sozialen Netzwerken.Gegenwärtig wirkt der Abend aber auch, weil Ye, wie er sich seit einigen Jahren nennt, künstlerisch nicht ausgebrannt ist. Nach Jahren, in denen Veröffentlichungen wie die beiden «Vultures»-Alben fahrig, unfertig und skizzenhaft wirkten, gelang ihm mit dem Ende März erschienenen «Bully» wieder ein konzentriertes, abgeschlossenes Werk. Soul-Samples, Gospel, elektronische Härte, Verletzlichkeit und Grössenwahn greifen wieder so selbstverständlich ineinander wie in seinen stärksten Arbeiten.Fast den gesamten Abend verharrt er auf seiner Kugel, die einmal die Erde, dann den Mars, dann den Mond darstellt. Konzert in Arnhem, 2026.Ramon van Flymen / EPA«Bully» erinnert daran, weshalb Kanye West zu den prägenden Musikern der vergangenen zwanzig Jahre zählt. Das Album verleiht dieser Tour die künstlerische Legitimation, auch wenn am Abend selbst nur wenige neue Stücke zu hören sind. West lebt nicht bloss von der Erinnerung an seine Bedeutung. Er ist noch immer imstande, Musik zu schaffen, die an sie heranreicht.Während des Konzerts führt Kanye West keinen direkten Dialog mit dem Publikum. Er moderiert nicht. Er bedankt sich kaum. Fast den gesamten Abend verharrt er auf seiner Kugel, die einmal die Erde, dann den Mars, dann den Mond darstellt. Die Band bleibt im Dunkeln. Sichtbar wird sie nur für wenige Momente, wenn der Sänger André Troutman einzelne Passagen übernimmt und sein Bild auf die Halbkugel projiziert wird. In Madrid bleibt die riesige Fläche des Stadions leer. Ein paar Sicherheitsleute ziehen ihre Runden, Nebel kriecht über den Boden, Scheinwerfer zerschneiden die Dunkelheit. Der Innenraum gehört allein Kanye West und seinem Werk.Kanye West muss nicht um Aufmerksamkeit kämpfen. Er muss kaum etwas tun. Die Songs übernehmen den Rest. Konzert in Arnhem, 2026.Ramon van Flymen / EPAFerne, sakrale FigurEs ist eine Inszenierung, die auf alles verzichtet, was ein Stadionkonzert gewöhnlich belebt: Tänzer, Videowände, Ansagen, Nähe. West bietet seinem Publikum keine Gemeinschaft an. Er stellt sich über sie. Die Kugel macht aus dem Musiker eine ferne, beinahe sakrale Figur.West muss nicht um Aufmerksamkeit kämpfen. Er muss kaum etwas tun. Ein paar Schritte, ein paar Gesten, gelegentlich eine Zeile ins Mikrofon genügen. Die Songs übernehmen den Rest. Sie sind so tief in die Pop-Geschichte der vergangenen zwei Jahrzehnte eingeschrieben, dass bereits die ersten Takte ausreichen, um das Stadion in Bewegung zu versetzen.Akustisch ist der Abend keine Offenbarung. Die verschiedenen Klangquellen sind nicht sauber aufeinander abgestimmt, vieles verhallt im weiten Rund. Manchmal verschwimmt Wests Stimme im Hall, manchmal wird sie vom Publikum beinahe vollständig übertönt. Erstaunlicherweise fällt das kaum ins Gewicht. Die Kraft des Konzerts entsteht aus der Wirkung seiner Hits und aus der Wucht der Bilder.Besonders eindrücklich gelingt die Lichtinszenierung bei der Abfolge von «All of the Lights» und «Flashing Lights». Ein enges Netz zuckender Laserstrahlen spannt sich über das gesamte Stadion. Zehntausende Mobiltelefone werden in die Höhe gehalten. Kaum ein Künstler seiner Generation hat Musik, Mode, Starkult und digitale Selbstdarstellung so konsequent miteinander verbunden.In Madrid wird sichtbar, dass seine psychischen Ausfälle diese Bildmaschine nicht zum Stillstand gebracht haben. Vielleicht hat sie ihre Wirkung sogar verstärkt. Jeder Auftritt trägt inzwischen den Reiz eines Ereignisses, das jederzeit verhindert werden könnte. Wests Werk besitzt eine Kraft, die seine Selbstzerstörung und seine politischen Entgleisungen zu überdauern scheint.Nach knapp zwei Stunden fährt Kanye West mit einem Lift in die Halbkugel hinab. Die Welt verschluckt den Mann.Passend zum Artikel