Der Juli ist noch nicht vorüber, und Spanien meldet schon jetzt dramatische Rekorde. Zwischen Ávila und Madrid schwelen die letzten Glutnester des größten Waldbrandes seit Jahrzehnten. Noch nie hat es so früh im Sommer so heftig gebrannt, noch nie gab es in diesem Jahrhundert durch Waldbrände so viele Tote.In Almería starben bislang vierzehn Menschen durch das große Feuer, das die Provinz Anfang Juli heimgesucht hatte. Im benachbarten Portugal lodern die ersten großen Brände. Am Mittwoch begann die vierte Hitzewelle dieses Sommers: Wegen akuter Brandgefahr gilt auf der ganzen Iberischen Halbinsel die höchste Alarmstufe.Gegen die neuen und immer heftigeren Brände sind die Menschen machtlos. In Madrid mussten die Feuerwehrleute resignierend eingestehen, dass sie nicht mehr löschbar sind. Die Einsatzkräfte mussten darauf warten, bis die Natur ihnen eine Chance ließ und sich endlich der Wind legte.Im vergangenen Winter und im Frühjahr ließen ungewöhnlich ergiebige Niederschläge die Vegetation wuchern. Die Wälder Spaniens und Portugals sind nun voll von hochentzündlichem Brennstoff. Gerät die ausgetrocknete Biomasse in Brand, setzt sie ähnlich viel Energie wie eine Atombombe frei.Auf der Iberischen Halbinsel rächt sich, dass die Menschen über Jahrzehnte hinweg das Landesinnere veröden und verwildern ließen – oder im Nordwesten Spaniens und in Portugal Eukalyptus-Monokulturen pflanzten, in denen sich das Feuer rasend schnell ausbreiten kann. Vor neun Jahren wurde ein Waldbrand zu einem portugiesischen Nationaltrauma: Mehr als 60 Menschen kamen ums Leben. Seitdem brannte es weiter. Auf die Iberische Halbinsel entfielen im vergangenen Jahr zwei Drittel der in der gesamten EU verbrannten Fläche.Im „leeren“ Spanien fehlen die Menschen, die die Wälder pflegenBesonders in Spanien werden die Wälder ein Raub der Flammen, weil die Menschen nicht mehr da sind, die sie pflegen. Es fehlen die Bauern, die unter den Bäumen ihr Vieh weiden lassen und dadurch die Wälder sauber machen. Auch die ungenutzten Weiden und Äcker verbuschen. Die Landwirte werden älter, immer mehr geben auf. Spaniens Mitte ist bereits ausgeblutet, mehr als 60 Prozent des Landes sind zu einer demographischen Wüste geworden. In Madrid ist das Umweltministerium ausdrücklich auch für diese „demographische Herausforderung“ zuständig. Aber der Namenszusatz blieb folgenlos.Wenn der Sommer vorüber ist und die letzten Brände gelöscht sind, geraten die Wälder wieder in Vergessenheit. Um zu sparen, schicken die Politiker die Forstfeuerwehrleute nach Hause, sie dürfen nur löschen, aber den Winter nicht nutzen, um Bränden vorzubeugen. In Frankreich zeigt die staatliche Forstbehörde, dass das auch anders geht. In Spanien fließt jedoch weiter doppelt so viel Geld in die Brandbekämpfung wie in die Prävention. Fachleute halten das Zehnfache für nötig, um die Wälder widerstandsfähiger zu machen und die Bevölkerung auf Feuerkatastrophen vorzubereiten.In diesen Tagen lassen sich die Politiker ausgiebig beim Besuch von Einsatzzentralen und Betroffenen fotografieren. Aber selbst der größte Waldbrand in der Geschichte Spaniens reicht nicht aus, damit der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez und der konservative Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo miteinander reden. Die politischen Gräben sind zu tief. Vor einem Jahr legte Sánchez’ Minderheitsregierung einen „Staatspakt gegen den Klimanotstand“ vor. Die PP lehnt ihn als „ideologisch und sektiererisch ab“.Der Konsens über den Kampf gegen den Klimawandel bröckeltWährend Spanien brennt und von schweren Flutkatastrophen heimgesucht wird, bröckelt der Konsens über den Kampf gegen den Klimawandel. In Spanien und Portugal treiben die Rechtspopulisten von Vox und Chega die Konservativen vor sich her und setzen sie mit ihren umweltpolitischen Vorstellungen unter Druck. Sie lehnen den „Green Deal“ der EU und die UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung ab. Die bisherige Politik ist für sie „Klimafanatismus“.In Lissabon ist die rechte Minderheitsregierung auf die Rechtspopulisten angewiesen. In Spanien hat Vox in allen Koalitionsabkommen mit der PP ihre klimapolitischen Vorstellungen festschreiben lassen. Vier regionalen PP-Regierungen sind die Rechtspopulisten in den vergangenen Monaten schon beigetreten und zum Teil für Umwelt- und Naturschutz verantwortlich. Nach den Parlamentswahlen 2027 werden die Konservativen in Madrid Vox brauchen.Deshalb wird auch nach diesem heißen Sommer im politisch blockierten Spanien wieder nichts geschehen, um wenigstens mehr für die Prävention zu tun. Das ist verantwortungslos, denn die Megabrände nehmen weltweit zu, während die Hitzewellen häufiger und länger werden, wie in diesen Tagen zu beobachten ist. Das ist für Spanien und Portugal besonders bedrohlich. Beide Urlaubsländer leben von den vielen Touristen, die an ihre Strände strömen, denen Stürme und der Anstieg des Meeresspiegels zusetzen.