Die Zuschauerränge sind proppenvoll, dann verstummt das Small-Talk-Stimmengewirr in stillem Einvernehmen, die Show beginnt. Ein Model nach dem anderen bahnt sich den Weg über den Laufsteg, präsentiert die avantgardistischen Entwürfe mit grazilen, auf die Musik abgestimmten Schritten. Soweit, so normal – bis die Models plötzlich riesengroß werden; jede Pore, jede Naht lässt sich in hyperrealistischer Deutlichkeit inspizieren. Der Federbesatz eines Hutes flattert in Zeitlupe, wie durch eine Windmaschine, das Lackleder eines Kleides blitzt im Licht, und die erhabenen Stickereien einer Jeansjacke lassen sich unter den Fingerkuppen förmlich spüren. Die Mode wirkt zum Greifen nah – und doch existiert sie in diesem Moment nicht wirklich.
Sowohl Model als auch Entwurf sind KI-generiert: Dieses Denim-Set war Teil der Präsentation auf der Berliner Fashion Week.
© Taskin Goec
Diese rein digitale Fashion-Show fand Anfang Juli auf einem großen Bildschirm im Rahmen der Berliner Modewoche statt. Der Mann hinter dem Coup: Taskin Goec, Designer aus Berlin, der als sogenannter „Workflow-Architect“ die Brücke zwischen Mode und künstlicher Intelligenz baut. Ausgebildet in Haute-Couture-Techniken in Paris, absolvierte er sein Modedesign-Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und hängte einen Master am renommierten London College of Fashion an. Heute hat Goec sich ganz auf das rein digitale Entwerfen spezialisiert. Im Interview spricht er über den Wandel seines Berufsfeldes, die Ängste der Kreativbranche und die Frage, warum KI für ihn ein zutiefst handwerkliches Werkzeug ist.







