Dieser Tage wird erneut über diese ungewöhnlichen Schicksale berichtet: Sehr wahrscheinlich beim Bad im Meer zogen sich zwei Menschen in Deutschland so schwere Infektionen zu, dass ihr Leben nicht mehr zu retten war. Anfang dieser Woche meldeten die Berliner Gesundheitsämter einen Todesfall, von dem nur so viel bekannt ist: Die Person war älter als 75 Jahre und hatte sich zuvor an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern aufgehalten. Über eine weitere tödliche Infektion berichtet das Robert-Koch-Insitut (RKI); bekannt ist nur, dass auch sie sich in Deutschland ereignete. Die Fälle sprechen für zwei Dinge: Schwere Vibrionen-Infektionen sind insgesamt selten, aber sie nehmen im Zuge der Erderwärmung zu. Was über diese Entwicklung und den Erreger bekannt ist.Was ist besonders an dieser Saison?Die Vibrioneninfektionen haben nach Zahlen des RKI in diesem Jahr früh begonnen. Bis zum 12. Juli dieses Jahres hat das Institut nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa bereits 14 Fälle gezählt. In den drei Vorjahren seien es zu diesem Zeitpunkt weniger gewesen: ein Fall im Jahr 2023, neun Fälle im Jahr 2024 und vier Infektionen im vergangenen Jahr. Am Donnerstag wies die Datenbank des RKI insgesamt 37 Infektionen aus.Dem Institut zufolge gibt es seit 2020 eine Meldepflicht für die Infektion. Die Zahl der seither übermittelten Fälle für die Gesamtjahre lag zwischen 13 im Jahr 2020 und 113 im vergangenen Jahr. Nicht alle Ansteckungen erfolgten in Deutschland. Todesfälle sind sehr viel seltener; in der Vergangenheit wurden in der Regel ein bis zwei pro Jahr gezählt. Dass diese Todesfälle immer wieder Schlagzeilen machen ist vermutlich dem Umstand geschuldet, dass viele Menschen die Gefahr der Vibrionen nicht bekannt ist. Vielleicht aber auch dem Fakt, dass manche Medien sie gerne „fleischfressende Bakterien“ nennen.Was sind Vibrionen?Vibrionen sind eine große Gruppe von Bakterien, die circa 150 Arten umfasst. Etwa ein Dutzend von ihnen können Krankheiten bei Menschen hervorrufen. Diese pathogenen Erreger werden grob unterteilt in Cholera-Vibrionen, die die bekannten schweren Durchfallerkrankungen auslösen, und die Nicht-Cholera-Vibrionen, um die es in den aktuellen Fällen geht. Auch Nicht-Cholera-Vibrionen können bisweilen eher leichte Durchfälle verursachen. Gefürchtet sind sie allerdings als Erreger von schweren Wundinfektionen. Nur um diese Erreger geht es Folgenden.Wann und wo kommen die Bakterien vor?Die stäbchenförmigen Erreger leben im Wasser. Sie vermehren sich besonders gut, wenn zwei Bedingungen gegeben sind: zum einen Wassertemperaturen von mehr als 20 Grad, wie sie im flachen Wasser häufig vorkommen. Und zweitens: Wasser mit einem Salzgehalt von etwa einem Prozent. Die Salzkonzentration in großen Teilen der Ostsee entspricht der Komfortzone der Bakterien ziemlich gut. Wohl deshalb sind Infektionen dort häufiger. Die Nordsee ist dagegen salziger; dort entsteht der von den Vibrionen bevorzugte leichte Salzgehalt am ehesten in der Nähe von Flussmündungen, wenn Süßwasser das Meerwasser verdünnt. Je nach Wetter treten Infektionen in Deutschland meist zwischen Ende Juni und September auf.Vibrionen werden zudem in anderen Anrainerstaaten der beiden Meere registriert, dazu gehören die skandinavischen Staaten, die Niederlanden und Polen.Wie steckt man sich an?Die Erreger gelangen über Verletzungen der Haut in den Körper. Sowohl tiefe Wunden als auch oberflächliche und kleine, kaum bemerkte Blessuren können zur Eintrittspforte werden, schreibt das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern.Was passiert nach einer Infektion?In der Regel dauert es zwischen vier Stunden und vier Tagen, bis sich Wundinfektionen bemerkbar machen. Ein frühes Symptom ist laut RKI „ein lokaler Schmerz, der angesichts der sichtbaren Wunde überproportional stark erscheint“. Die Infektion kann mit rascher Antiobiotikagabe gestoppt werden. Gelingt dies nicht rechtzeitig, kann sie das Gewebe tiefgreifend zerstören, sodass betroffenen Bereiche chirurgisch entfernt werden müssen. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Sepsis, bei der sich die Infektion sehr schnell auch auf andere Körperteile ausdehnt. In diesem Fall besteht ein hohes Sterberisiko.Wer ist gefährdet?Schwere Verläufe sehen Mediziner fast ausschließlich bei älteren, immungeschwächten und vorerkrankten Menschen. Dazu zählen laut RKI Personen mit Diabetes, Leber-, schweren Herz- und Krebserkrankungen.Wie kann man sich schützen?Das Ministerium für Gesundheit in Schleswig-Holstein rät gefährdeten Personen, den Kontakt mit warmem Meerwasser zu vermeiden. Die Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern sprechen etwas zurückhaltender von „großer Vorsicht“ beim Wasserkontakt. Beide empfehlen dringend, sofort medizinische Hilfe zu suchen, wenn nach dem Aufenthalt im Meer Symptome festgestellt werden. Dem Arzt oder der Ärztin solle das Bad in der Ostsee mitgeteilt werden.Was ist für die Zukunft zu erwarten?Ansteckungen mit Vibrionen gehören zu jenen Infektionen, die im Zuge des Klimawandels zunehmen dürften. Bereits 2023 warnten Wissenschaftler im Journal of Health Monitoring vor der steigenden Gefahr in Deutschland. Als Gründe nannten sie die zunehmenden Wassertemperaturen. Die Oberflächentemperatur in der Ostsee werde in den nächsten Jahrzehnten sehr wahrscheinlich um etwa drei bis vier Grad ansteigen, heißt es in dem Artikel. Zugleich verlängerten die höheren Temperaturen die Badesaison, und vermutlich würden Menschen angesichts der enormen Hitze in südlichen Ländern ihren Urlaub vermehrt an den deutschen Küsten verbringen. Schließlich nimmt die Zahl der älteren, chronisch kranken Menschen und damit gefährdeten Menschen zu. Insgesamt heißt das für Deutschland, dass mehr Risikopatienten immer mehr Gelegenheiten haben, sich eine Infektion mit den Erregern zuzuziehen.
Ostsee: Was sind Vibrionen und was bedeuten die zwei Todesfälle?
Zwei Menschen sind in Deutschland an Vibrionen gestorben. Die Infektionen nehmen zu. Besonders ältere Menschen mit Vorerkrankungen sind gefährdet.












