Solo-Travel? Was früher als bedauernswertes Nischenphänomen betrachtet wurde, ist heute ein Trend – und ein beliebtes Thema in den sozialen Netzwerken.Allein auf Tiktok gibt es unter dem Hashtag #solotravel bereits über zwei Millionen Videos. Sie preisen die Vorzüge, sich auf eigene Faust auf den Weg zu machen: Abenteuer! Selbstfindung! Freiheit!Wer es ausprobiert hat, kennt die Vor- und Nachteile. Ja, man ist auf sich selbst gestellt. Ja, man muss alles allein entscheiden und organisieren. Ja, man hat niemanden, mit dem man den traumhaften Sonnenuntergang und den grillierten Wolfsbarsch teilen kann. Dafür kann man tun und lassen, was man will. Man ist offener für Begegnungen, kann sich aber auch nur mit sich selbst beschäftigen. Befreiend: Allein reisen und keine Kompromisse machen müssen. Arnaud de Rosney / Getty Images «Wir beobachten seit mehreren Jahren eine kontinuierlich steigende Nachfrage nach Angeboten für Solo-Reisende», sagt Christian Böll, Geschäftsführer des Luxusreiseanbieters Windrose Finest Travel. «Immer mehr Menschen entscheiden sich ganz bewusst dafür, allein zu reisen, um ihren persönlichen Interessen zu folgen und ihre Reise ganz nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Besonders gefragt sind einzigartige Erlebnisse, intensive Naturerfahrungen und Destinationen mit einer starken kulturellen Prägung», fügt er an.Wer hier an Backpacking in gammligen Hostels oder an Gruppenreisen mit dem Car denkt, liegt falsch. «Ebenso wichtig sind exzellente Reiseleiter, aussergewöhnliche Unterkünfte und ein sorgfältig konzipiertes Reiseprogramm sowie Angebote, die Begegnungen ermöglichen, ohne die Reisenden in ein festes Gruppenprogramm zu drängen», ergänzt Böll.Mehr «Me» und eine geringere KompromissbereitschaftOffenbar gibt es eine wachsende Zahl von Menschen, die unbegleitete Ferien bevorzugen. Laut Marktforschungsinstituten wird dieser Trend vor allem von Millennials (zirka 30 bis 45 Jahre alt) und der Generation Z (zirka 18 bis 30 Jahre alt) vorangetrieben. Diese Gruppen suchen nach sinnstiftenden Erlebnissen, massgeschneiderten Aktivferien oder Wellness-Reisen, die ganz im Zeichen des eigenen Wohlbefindens stehen. Einschlägige Begriffe wie «Me-Moon» (Solo-Flitterwoche) oder «Me-Time» zeigen deutlich, wohin die Reise geht: zu mehr «Me», also mehr Autonomie und weniger Kompromissen.Doch auch ältere Semester reisen allein. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls die Reiseanalyse 2026 der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR), die älteste und umfangreichste jährliche Befragung zum Reiseverhalten der Deutschen. So wurden im Reisejahr 2025 9,6 Prozent aller Ferienreisen (6,53 Millionen) allein unternommen. Über die Hälfte der Alleinreisenden waren über 60 Jahre alt, 56 Prozent der Alleinreisenden waren weiblich, und am häufigsten waren Personen ohne Partner und Kinder unter 14 Jahren allein unterwegs. Über 50 Prozent der Alleinreisenden sind weiblich und selbstbestimmt unterwegs – wie hier Lauren Hutton 1970 auf Bali. Arnaud de Rosney / Getty Images Im vergangenen Jahr hat sich auch die Plattform Booking.com des Phänomens Solo-Travel angenommen. In einer in Auftrag gegebenen Studie gab ein Viertel der befragten Schweizer an, im Jahr 2024 allein auf Reisen gewesen zu sein. Mit 28 Prozent am höchsten war der Anteil bei der Generation Z, bei der Babyboomer-Generation (60+) waren es 25 Prozent. Letztere gaben als häufigsten Grund an, dass sie ihre Reisepläne nicht von jemand anderem abhängig machen wollten. Bei den jüngeren Reisenden war die häufigste Motivation für eine Solo-Reise, dass sie Zeit für sich gebraucht hätten. Angebot und Interesse: steigendReiseunternehmen haben das Potenzial der wachsenden Gruppe von Alleinreisenden längst für sich entdeckt. Kein Wunder! Es handelt sich um einen weltweiten Trend und um ein Volumen in Billionenhöhe. Alleinreisende sind schon allein deshalb eine interessante Zielgruppe, weil sie nicht an Ferienzeiten gebunden sind. Wenn ihre Zahl weiter wächst, werden Hotels auch in der Nebensaison gut gefüllt sein. Zudem bezahlen Alleinreisende meist höhere Durchschnittspreise als Gäste, die sich ein Doppel- oder Familienzimmer teilen. Egal, ob Kreuzfahrtreedereien, Studienreiseanbieter oder Pauschalreisekonzerne – alle hätten gern mehr Solo-Reisende und umwerben sie mit attraktiven Angeboten wie schönen Einzelkabinen oder Gruppenreisen nur für Singles.«Solo-Reisen haben sich in den vergangenen Jahren von einem Nischensegment zu einem festen Bestandteil des Reisemarktes entwickelt. Wir haben uns darauf eingestellt und bieten zahlreiche passende Angebote», sagt Stephan Kurmann, Head of Communications beim marktführenden Schweizer Touristikunternehmen Dertour Suisse, zu dem rund zwanzig verschiedene Reiseveranstalter gehören. «Gefragt sind vor allem geführte Rundreisen, Kleingruppenreisen, Kreuzfahrten sowie Kultur- und Erlebnisreisen. Bei Kuoni und Hotelplan gibt es Rund- und Gruppenreisen speziell für Alleinreisende, bei Migros Ferien tolle Angebote für entspannte Badeferien. Besonders ausgeprägt ist der Anteil der Solo-Reisenden im Sportbereich. Bei Kuoni Sports Travel macht er inzwischen rund 70 Prozent aus.»Tipps und TrendsMade to measureÜberlegen, abwägen, vergleichen – das macht allein keinen Spass. Deshalb wählen Solo-Reisende gern ein Ferienangebot, bei dem fast alles vorgefertigt ist. Falls es dann doch ein Problem geben sollte, müssen es andere lösen.«Wenn ich allein in die Ferien fahre, vor allem an einen Ort, den ich nicht kenne, freue ich mich über ein paar bereits feststehende Aktivitäten und über die Gesellschaft von Gleichgesinnten», erklärt Lisa Moser, Anwältin aus Zürich, die von ihrer «Made to measure»-Reise zurück ist. Auf Bali schrieb sie sich für das Cari-Surf-Camp ein und hatte so auf einen Schlag eine schöne Unterkunft, sportliche Betätigung und eine coole Surfer-Community, von der sie annahm, dass sie genauso partyfreudig sein würde wie sie selbst.«Wie und wo hätte ich das allein auf die Schnelle finden sollen?», fragt sie. Dabei spielt es keine Rolle, ob man nach Bali oder auf die Balearen fliegt – wer keine Zeit und keine Lust hat, sich vorab detailgenau zu informieren und zu organisieren, bucht bei einem smarten Veranstalter ein speziell für die eigene Zielgruppe geschnürtes Päckchen. Ein Surf-Camp buchen verspricht allerlei: Sport, eine ansprechende Unterkunft und vielleicht ja auch Gleichgesinnte, wenn es ums Feiern geht. David Gor / Unsplash AbenteuerEs gibt Alleinreisende, die primär etwas erleben möchten, idealerweise etwas ganz und gar Abenteuerliches. «An einem Nachmittag in Marokko führte mich ein ehemaliger Marineoffizier in ein einsames Tal im Atlasgebirge, schüttelte mir die Hand und liess mich stehen . . . Jetzt war ich in der Wildnis, ganz allein.» So beschreibt ein Journalist des zeitgeistorientierten Lifestyle- und People-Magazins «The New Yorker» seine Erfahrung mit einem neuen Trend im Bereich des High-End-Tourismus: irgendwo im Niemandsland ausgesetzt zu werden und damit zurechtzukommen. «Life changing», heisst es, solle das Erlebnis sein. Abenteuer mit Adrenalinschüben gibt es bei Reiseveranstaltern, die einen im Nirgendwo aussetzen, so wie hier, weit oben im Atlasgebirge nahe Tacheddirt. M. Ed Juo / Unsplash Nicht immer muss es dabei so gnadenlos spartanisch zugehen wie bei den «Get Lost»-Reisen des britischen Unternehmens Black Tomato, bei dem der Autor des «New Yorker» gebucht hatte und wo es einen spezifischen Bereich für «Solo Holidays» gibt. «Das Abenteuer lebt durch Aktivitäten, die den Adrenalinspiegel in die Höhe treiben», glaubt der Pariser Anbieter Les Maisons du Voyage und verkauft unter anderem einsame Schneemobiltouren durch die gefrorenen Weiten Nordeuropas. Offenbar steigt der Adrenalinspiegel schneller und kräftiger an, wenn man sich dem Abenteuer allein stellt. Wobei: Wirklich ganz allein sind die Reisenden nie. Unsichtbare Helfer begleiten sie und stellen sicher, dass nichts passiert. Das Abenteuer ist also ein Stück weit eine Illusion – die aber durchaus spannend sein kann.Solo-CruisingFrüher wurden Alleinreisende auf Kreuzfahrtschiffen mit einer Reihe von Nachteilen belegt. Es gab keine Einzelkabinen, keinen vernünftigen Restauranttisch und auch kein auf sie zugeschnittenes Aktivitätenprogramm. Das hat sich geändert. Heute dürfen sich Solo-Traveller auf Angebote freuen, die speziell auf sie zugeschnitten sind: gesellige Cocktail-Empfänge, gemischte Gruppentische und Landausflüge, die man auf eigene Faust oder in einer Gruppe unternehmen kann.Alleinreisenden steht auch eine erstaunliche Auswahl an Unterkünften zur Verfügung. Die «Oceania Vista», jüngster Zugang der Oceania-Flotte, bietet explizit für Alleinreisende konzipierte Einzelsuiten. Sie sind mit 25 Quadratmetern grosszügig bemessen, verfügen über einen eigenen Balkon und bieten Zugang zur privaten Concierge-Lounge mit kostenfreien Getränken und Snacks sowie zur intimen und ruhigen Spa-Terrasse. Auf dem Kreuzfahrtschiff «Vista» des Unternehmens Oceania Cruise finden sich unter den 607 Suiten und Zimmern auch grosszügig geschnittene Suiten für Alleinreisende. Getty Images Die französische Reederei Ponant hat den früher üblichen Einzelzimmerzuschlag abgeschafft. Wer im Voraus bucht, findet Angebote für Einzelkabinen, Gemeinschaftskabinen oder Doppelkabinen zur Alleinbenutzung zu günstigen Preisen – etwa auf dem neuen 92-Suiten-Schiff «Le Jacques Cartier», das mit schnittigen Linien, schickem Design und innovativen, umweltfreundlichen Technologien punktet.JapanJapan ist eines der sichersten und angenehmsten Länder der Welt für Alleinreisende und gilt auch für weibliche Solo-Reisende als vollkommen unbedenklich. Es gibt viele auf Alleinreisende eingestellte Übernachtungsmöglichkeiten, darunter traditionelle, schlicht-schöne Ryokans und moderne Kapselhotels mit strikter Geschlechtertrennung. Aber auch gut durchdachte Single-Dining-Konzepte mit «counter seating», bei denen man vor den Köchen an der Theke sitzt und sich keine Sekunde langweilt. Dazu kommt der hervorragende, sichere und zuverlässige öffentliche Verkehr, der so gut wie überall hinfährt. So viel zu beobachten: In Japan sitzt man als Gast oft so, dass man den Koch beim Zubereiten der Speisen beobachten kann. Getty Images Eine spannende Möglichkeit für Solo-Traveller kann die Teilnahme an geführten Touren sein. Diese werden auch von Einheimischen ehrenamtlich durchgeführt, zum Beispiel von den Goodwill Guides. Dabei lernt man nicht nur viel über die Kultur und die Sehenswürdigkeiten Japans, sondern trifft auch andere Alleinreisende. Auch Workshops, Kochkurse oder kuratierte Gruppenerlebnisse ermöglichen es, neue Kontakte zu knüpfen. Doch auch wer ganz zufrieden mit sich allein ist, kann sorglos sein. Japans Kriminalitätsrate ist extrem niedrig, so dass man sich auch abends und nachts problemlos allein durch die Städte bewegen kann.AppsEs wäre ein Wunder, wenn es zu einem relativ neuen Trend nicht auch passende Plattformen gäbe. Solo Travel ist die weltweit erste unabhängige und prämierte All-in-one-Plattform für Alleinreisende. Sie hilft dabei, schöne Unterkünfte oder Touren ohne teure Einzelzimmerzuschläge zu finden, oder dient als soziale Community, um Gleichgesinnte zu treffen und Reisebekanntschaften zu knüpfen. Angeboten werden vor allem Gruppenreisen, die auf Alleinreisende zugeschnitten sind bzw. auf denen man sich als Alleinreisender wohlfühlen wird. Das können «Sail & Fun»-Segelferien in der Ägäis sein oder ein Städtetrip nach Wien.Speziell auf junge Alleinreisende zugeschnittene Kleingruppenreisen wie Thailand-Backpack-Sommer, Zakynthos Beach Life oder Trekking in Kirgistan werden zum Beispiel von WeRoad angeboten, Wayers lockt mit «Adventure Tours» wie Safaris, Roadtrips, Inselhopping und Outdoor-Aktivitäten. Adamare Singlereisen ist auf hochwertige Rundreisen für Alleinreisende und Singles spezialisiert. Die Gruppen sind klein, und es wird darauf geachtet, dass die Teilnehmer vom Alter her zusammenpassen.Doch im Grunde kann man als Alleinreisender bei jedem Veranstalter buchen – die Zeiten, in denen sich Solo-Traveller mit dem Katzentisch und dem Zimmer neben dem Fahrstuhl begnügen mussten, sind definitiv vorbei. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.