Der spanische Barockmaler erzeugt Effekte wie im Kino: Zurbarán deutet das Unsichtbare im Sichtbaren an und lässt das Grauen aus den Tiefen dunkler Räume aufsteigen.Marion Löhndorf, London31.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDas Lamm Gottes vor dem Opfertod: dramatisch inszeniert von Francisco de Zurbarán in seinem kleinen Gemälde «Agnus Dei» (1635–1640).Museo Nacional del PradoFrancisco Zurbaráns vielleicht berühmtestes Bild ist grausam, ohne Grausamkeit zu zeigen. Diese überlässt er der Phantasie des Betrachters. Zu sehen ist ein junges Schaf mit zusammengebundenen Beinen. Es liegt im Dunkeln auf einer horizontalen Fläche, die ein Tisch, ein Altar oder eine Schlachtbank sein könnte, aber eigentlich nur eine abstrakte Form ist. Die Augen des Tiers sind halb geschlossen, es wehrt sich nicht. Die gefesselten Hufe ragen über die Kante der Oberfläche hinaus, auf der es liegt, als würden sie in unseren Raum eindringen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit kleinen, feinen Pinselstrichen malt Zurbarán das flauschige Fell von beeindruckendem Realismus. Kräftiges Licht verstärkt den illusionistischen Charakter des Gemäldes. Vermutlich erwartet das Lamm seinen Schlachter. Aber der Maler sagt das nicht. Er überlässt es uns, die erzählerische Leerstelle auszufüllen. Das Eigentliche passiert also ausserhalb des Bildrahmens. Genauer: Es steht erst noch bevor.«Agnus Dei» heisst das kleinformatige Gemälde, das Lamm Gottes. Es ist das Symbol des Opfertodes Christi. Dass es ein religiöses Bild ist, sieht man ihm nicht an, zumindest nicht in der Fassung aus dem Prado (1635–1640), die derzeit in der National Gallery in London präsentiert wird. Eine im gleichen Zeitraum entstandene Version desselben Motivs aus dem Kunstmuseum von San Diego zeigt das Lamm mit einem Heiligenschein.Die karge Variante des Prado macht Zurbaráns eigentliche Stärke sichtbar: das Unsichtbare im Sichtbaren anzudeuten, Spannung im Stillstand zu erzeugen und ein unbestimmtes Grauen aus den Tiefen der leeren, dunklen Räume aufsteigen zu lassen, die er immer wieder malte.Unerbittliche StrengeFrancisco de Zurbarán (1598–1664) gilt als einer der drei grossen Künstler des spanischen 17. Jahrhunderts. Doch im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Velázquez und Murillo war er bisher noch nie in einer Einzelschau in Grossbritannien gewürdigt worden. Vielleicht, weil sein Werk nie so populär war wie etwa die höfisch eleganten Arbeiten seines Freundes Velázquez. Vielleicht, weil die meisten seiner Arbeiten lange Zeit in Klöstern hingen oder weil sie das nachgeborene Publikum in ihrer unerbittlichen Strenge überforderten.Schon in den letzten Jahren seines Lebens kam der «Maler der Mönche», der für seine asketisch-mystischen Andachtsbilder berühmt wurde, aus der Mode. Jetzt widmet die National Gallery in London dem spanischen Maler der Gegenreformation eine grosse, mit rund vierzig Werken chronologisch angelegte Ausstellung. Und auf einmal scheint es, als habe die Ekstase mancher seiner Bilder sich geradewegs auf die britischen Kritiker übertragen.Kaum eine Ausstellung alter Meister löste in der Vergangenheit ähnliche Begeisterung aus. «Die Zurbarán-Schau ist eine der grossartigsten Ausstellungen, die ich je gesehen habe», schrieb der Kritiker der «Sunday Times»: eine Ansicht, die Kollegen aller anderen Medien des Landes teilen. Das sind zu Recht grosse Worte für diesen aussergewöhnlichen Maler, der oft monumentale Formate wählte, kinematografische Effekte erzeugte und dessen Kompositionen man immer wieder in Verkennung seines Genies einen Mangel an Bewegung vorgeworfen hatte.Zurbaráns erstarrte Gruppenbilder, seine einsamen Heiligen und isolierten Gegenstände vermitteln eine umhegte, streng kontrollierte Energie, eine fast unerträgliche innere Spannung. Er setzt seine Figuren in scharf umrissene Schattenwelten und spiesst sie auf wie Insekten auf Nadeln. Auf der Oberfläche bewegt sich nichts mehr. Dafür suggeriert er inneren Aufruhr und Gewalt hinter den Kulissen, in der Vergangenheit oder in der Zukunft.«Der gekreuzigte Christus» (1635) von Francisco de Zurbarán.Museo de Bellas Artes de SevillaWie aus einer anderen WeltDie grandiosen, dreidimensional wirkenden Darstellungen des Gekreuzigten kommen (fast) ohne Blut, ohne Soldaten und ohne Waffen aus. Die heiligen Elisabeth von Portugal (um 1640) und Casilda (1635) halten Palmzweige als Symbole des Märtyrertums in den Händen, ebenso Katharina von Alexandrien (um 1640) aus dem Museum von Bilbao, die neben der Palme ein Schwert in der Hand hält, aber nicht das Folterrad, das gewöhnlich zu ihren Attributen zählt. Nur die heilige Apollonia (1636–1640) umklammert einen Zahn mit einer Zange – jenem Instrument, das ihre römischen Folterer angeblich benutzt hatten, um ihr die Zähne auszureissen, bevor sie sich in ein Feuer stürzte.Trotz der Brutalität ihres Todes stellt Zurbarán die Märtyrerinnen als gefasst und gelassen dar. Sie blicken sanft und distanziert aus dem Rahmen, aber auch sehr direkt und zugleich wie aus einer anderen Welt. Was fragen sie, was wollen sie uns sagen? Es ist keineswegs klar. Diese Heiligen sind nicht überhöht dargestellt. Ihre Gewänder, ihr Schmuck und ihre Umhänge sind mit akribischer Sorgfalt gemalt, als stünden sie direkt vor uns. Mit Tausenden von Pinselstrichen versenkt sich Zurbarán in die Muster, das Gewicht, die Textur der Stoffe, die er anstelle der Spuren des Leidens setzt.Museo de Bellas Artes de BilbaoMusée du LouvreDie heilige Katharina von Alexandrien (um 1640) mit Palme und Schwert (links); die heilige Apollonia (1636–1640) umklammert einen Zahn mit einer Zange.Zum Äussersten treibt der Maler dieses Verfahren beim Bild des heiligen Serapion (1628): Es zeigt ihn als Toten, kurz nachdem er von römischen Soldaten gefoltert wurde, noch an beiden Händen gefesselt, sein Kopf ist zur Seite gesunken. Auch hier kommt der Künstler wieder ohne drastische Darstellung des Martyriums aus. Stattdessen widmet er sich bis ins kleinste Detail den bleichen Zügen des Toten und dem erschlafften Faltenwurf des weissen Mönchsgewands, das den Grossteil des Gemäldes einnimmt. Das Gesicht seines überlebensgross aufragenden heiligen Franziskus (1635–1639) hingegen liegt fast vollkommen im Schatten.Das Gemälde «Der heilige Serapion» (1628) zeigt den Märtyrer als Toten kurz nach der Folter.Wadsworth Atheneum Museum of ArtFaszinierende StilllebenZurbarán war ein Meister der Auslassung. Seine Brillanz war schon von den Zeitgenossen früh erkannt worden, und bevor er dreissig war, führte er eine grosse Werkstatt. Der Künstler war 1598 in einer Kleinstadt in der Extremadura geboren worden und wurde in Sevilla ausgebildet. Abgesehen von Aufenthalten in Madrid, wo er Mitte der 1630er Jahre im königlichen Palast arbeitete und wo er sich gegen Ende seines Lebens niederliess, spielte sich seine Karriere grösstenteils in Sevilla ab, damals eine der reichsten Städte Europas mit Seehandelsverbindungen nach Amerika. Seine Auftraggeber waren vor allem die äusserst einflussreichen kirchlichen Stiftungen Sevillas und der umliegenden Region.Er war in einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie aufgewachsen, zwei Ehefrauen verstarben früh und mindestens sechs seiner Kinder. Zurbaráns Sohn Juan aus erster Ehe, ein begabter und eigenständiger Künstler, assistierte seinem Vater im Atelier. Juan kam bei einem verheerenden Pestausbruch 1649 in Sevilla ums Leben, eine Katastrophe für den Vater. Er selbst starb 1664 in Madrid.Die National Gallery hat nicht nur Heiligenbilder zusammengetragen. Zurbarán schuf auch weltliche Szenen – etwa zehn Herkules-Gemälde für den Buen-Retiro-Palast in Madrid sowie einen merkwürdigen, kolossalen Männerkopf, der den Betrachter überrascht, wenn man ihn durch die Aneinanderreihung der Räume in der Nationalgalerie erblickt.«Stillleben mit Zitronen, Orangen und einer Rose» (1633).The Norton Simon Foundation«Stillleben mit vier Vasen» (um 1650).Marc Vidal / Museu Nacional d’Art de CatalunyaZu den faszinierendsten und einflussreichsten Werken des Künstlers zählen die kleinformatigen Stillleben, deren Wirkung bis hin zum italienischen Modernen der reduzierten Vasen-Stillleben Giorgio Morandis sichtbar ist. Tassen, Schädel oder Früchte in seinen exquisiten Stillleben besitzen eine extreme, fast skulpturale Präsenz. Jedes Objekt existiert in seinem eigenen Raum und erscheint wie in sich geschlossen.Sicher verweisen Zurbaráns Gemälde auf eine unsichtbare, metaphysische Dimension, dienen als Werkzeug zur kontemplativen Versenkung und sind Zeugnisse seiner tiefen Religiosität. Aber da ist mehr. Die Oberflächen der asketisch angeordneten Dinge, der Zitronen, der Krüge sind virtuos gemalt. Seinen Werken liegt indes etwas Unbequemes, nicht Fassbares, Unheimliches zugrunde. Zurbarán stellt Fragen, aber er löst keine Rätsel.Zurbarán, National Gallery London, bis 23. August.Passend zum Artikel
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