KommentarEine Fussball-WM mit 64 Teilnehmern? Ist doch nur logisch!Die Fifa hat die Kommerzialisierung des Fussballs 2026 auf ein neues Niveau gehoben. Der Fifa-Präsident Gianni Infantino geht diesen Weg nun noch weiter. Das ist betriebswirtschaftlich konsequent. Der Markt wird bei Übertreibungen korrigieren.30.07.2026, 17.45 Uhr4 LeseminutenWenn ein WM-Turnier mit 48 Teilnehmern 15 Milliarden Umsatz einbringt, wie viel Dollar werden es dann mit 64? Der Fifa-Präsident Gianni Infantino vor dem Halbfinal Frankreich gegen Spanien in Dallas, Texas.Eric Gay / APDie riesigen Banner mit dem mythischen «Liverbird» werden von Hunderten Händen über die Tribüne gezogen und nehmen einem kurzzeitig die Sicht aufs Feld. Aus Zehntausenden von Kehlen erklingt «You Will Never Walk Alone».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Einmal im Leben an der Anfield Road in der Fankurve Kop stehen und die Spieler des Liverpool FC einlaufen sehen, davon träumt wohl jeder Fussballfan. Rau, herzlich, authentisch. Das ist Sportromantik pur.Was man im Überschwang leicht vergisst: Der Liverpool FC ist ein Unternehmen mit einem Marktwert von 6,2 Milliarden Dollar. Er gehört zur Fenway Sports Group, einem amerikanischen Konsortium, über das nun offenbar auch der Amazon-Gründer Jeff Bezos den Einstieg bei Liverpool sucht.Fussball auf Profiebene ist vor allem ein milliardenschweres Business. Und die englische Premier League ist die Vorreiterin der Kommerzialisierung des «beautiful game».In keiner anderen Fussballliga fliesst mehr Geld aus der Vergabe von TV-Rechten. Das ist die eigentliche Lebensader des Fussballgeschäfts. Dank den Fernsehmilliarden steigen die Ablösesummen und Spielergehälter, der Wert der Klubs, das Interesse von privaten Investoren.Fussball auf Topniveau verspricht neben Glamour auch wiederkehrende Einnahmen und Wertsteigerungspotenzial, gerade auch dank der Erschliessung von Wachstumsmärkten wie Asien, dem arabischen Raum und den USA. Auf der Insel haben das zuerst Oligarchen, dann Scheichs mit ihren Staatsfonds und zuletzt amerikanische Milliardäre erkannt.The horror, the horrorDer pure Horror für Fussballromantiker? Nein, aus ihrer Sicht kommt es noch schlimmer. Wenige Tage nach dem Abschluss der Weltmeisterschaft 2026 hat Gianni Infantino, der Präsident des Weltfussballverbands (Fifa) aus Brig-Glis, einen Plan ausgeheckt zur weiteren Kommerzialisierung des Fussballs.Die Fifa hat vor, ganze Geschäftsteile in eine Spezialgesellschaft auszugliedern, an der sich auch private Investoren beteiligen sollen. In der Fifa Forward Enterprise sollen über alle Veranstaltungen hinweg TV-, Sponsoring-, Lizenzrechte sowie das Ticketinggeschäft ausgelagert werden. Auch die Durchführung der Fifa-Turniere gehört dazu.Mit diesem Vorstoss versucht der Fifa-Präsident Infantino seinen jüngsten Erfolg zu übertreffen. Die WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA war ein Turnier der Superlative. Mit der Ausweitung des Teilnehmerfelds von 32 auf 48 Länder und 104 Spielen war sie allein grössenmässig ein Ereignis. Der Weltfussballverband dürfte mit der Durchführung der WM 2026 einen Rekordumsatz von über 15 Milliarden Dollar generiert haben.Die Fifa ist zwar als Schweizer Verein konstituiert, hat aber faktisch schon immer gewinnorientiert gearbeitet. Die Einnahmen aus einer kommerziell erfolgreich durchgeführten Männerfussball-WM finanzierten viele andere Turniere. Sie alimentierten die Fussballverbände der 211 Fifa-Mitglieder. Und das komme letztlich auch dem Amateur- und dem Jugendfussball zugute. So hat die Fifa immer ihr Handeln begründet.Es ist betriebswirtschaftlich nur konsequent, dass die Fifa unter Infantino darüber nachdenkt, die Erfolgsformel für ihr Flaggschiffprodukt zu multiplizieren. 64 statt 48 Teilnehmer, Durchführung der WM alle zwei statt nur alle vier Jahre. Auch die Aufnahme von Investmentbankern und Private-Equity-Investoren in die Fifa Forward Enterprise ist aus dieser Logik folgerichtig. Es ist ihr Geschäft, Gewinnmaschinen auf Hochleistung zu trimmen.Es kann auch zu viel Fussball gebenAber nicht nur Fussballromantiker befürchten, dass sich der Charakter des Weltfussballverbands irreversibel ändern würde mit der Aufnahme professioneller Investoren in die Fifa-Familie. Investoren wollen Rendite und auch Ausschüttungen, das ist ihr Wesen.Damit sein Plan überhaupt eine Chance auf Durchkommen hat, will Infantino offenbar Gewinnausschüttungen der neuen Gesellschaft von Anfang an ausschliessen. Zudem braucht er das Plazet des Fifa-Councils und der Mitgliederverbände.Sie können sich gegen seinen Plan stellen – wenn sie auf die zusätzlichen Gelder, die aus der Fifa-Forward-Vermarktung locken, verzichten wollen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Infantino mit einem Businessplan aufläuft.Fundamentaler Widerstand droht dem Fifa-Präsidenten vom europäischen Fussballverband (Uefa). Dort sieht man eine Grenze überschritten und fürchtet um nicht weniger als «die Seele» des Sports. Der Uefa geht es dabei um viel Profaneres: Geld.Die Uefa gebietet über die Champions League, die kommerziell erfolgreichste Erfindung der jüngeren Fussballgeschichte. Es war der europäische Verband, der aus dem einst paritätisch ausgestalteten Meistercup faktisch eine Ganzjahresveranstaltung gemacht hat, aus der vor allem die Spitzenklubs der grossen Ligen Europas Jahr für Jahr Hunderte von Millionen ziehen.Die grösste Bedrohung für die Uefa und ihre Geldmaschine Champions League? Dass sich die Fifa noch breiter macht im Fussballkalender.Die noch grössere Bedrohung für die Fifa und den Profifussball als Ganzes? Der Markt beziehungsweise das Publikum. Es kann auch zu viel Fussball geben, er kann im Pay-TV auch zu teuer werden.Das ist ein mächtiges Korrektiv: Die Zuschauer können abschalten. Passiert das massenweise, würden mittelfristig auch die TV-Einnahmen und damit die Lebensader der Gewinnmaschine Fussball abgewürgt. Der Markt wird bei Übertreibungen korrigieren.Diese Befürchtung gab es schon mit der Erweiterung der WM auf 48 Mannschaften. Doch diesen Sommer galt: Fussball-WM ist, wenn man trotzdem schaut.Passend zum Artikel
Eine Fussball-WM mit 64 Teams: Die nächste Stufe der Kommerzialisierung
Die Fifa hat die Kommerzialisierung des Fussballs 2026 auf ein neues Niveau gehoben. Der Fifa-Präsident Gianni Infantino geht diesen Weg nun noch weiter. Das ist betriebswirtschaftlich konsequent. Der Markt wird bei Übertreibungen korrigieren.














