Eine Rolle fürs Leben: Benjamin Bernheim wird in Salzburg als Werther gefeiertIn Zürich nahm seine Weltkarriere ihren Anfang, hier wurde er zum Publikumsliebling – jetzt brilliert der französische Tenor Benjamin Bernheim in der Goethe-Oper von Jules Massenet an den Salzburger Festspielen.Michael Stallknecht, Salzburg30.07.2026, 18.00 Uhr3 Leseminuten«Pourquoi me réveiller?»: Benjamin Bernheim in der Salzburger Aufführung.Marco Borrelli / SF«Vielleicht sogar eine Lebensrolle», das sei Werther für ihn geworden, so hat Benjamin Bernheim kürzlich gesagt. 2022 hat der Tenor erstmals die Titelpartie in Jules Massenets gleichnamiger Oper verkörpert, jenen poetisch entflammten jungen Mann, der sich aus vergeblicher Liebe erschiesst, wie es Goethe in den «Leiden des jungen Werthers» beschrieben hat. Der Romanerfolg des 18. Jahrhunderts bildet die Vorlage der 1892 uraufgeführten französischen Oper.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bernheim erprobte die anspruchsvolle Tenorpartie zunächst in Bordeaux, seitdem hat er sie auch an der Pariser Opéra gesungen und natürlich an der Oper Zürich, in deren Ensemble der in Paris geborene, in Genf aufgewachsene Sänger entscheidende Schritte zu seiner Weltkarriere getan hat. Hier wie dort gelang ihm das Rollenporträt derart eindringlich, dass die Salzburger Festspiele nun eigens für ihn zwei konzertante Aufführungen von «Werther» im Grossen Festspielhaus angesetzt haben.Das Publikum erzwingt ein DacapoAuch ohne Regie bringen alle Beteiligten ihre Bühnenerfahrung ein und agieren durchgehend wie Darsteller. Benjamin Bernheim entwickelt die Partie, bei der italienisch geprägte Tenöre oft in Überdruck geraten, ganz aus französischem Stilempfinden. Am eindrücklichsten sind die Farben gerade im heiklen Übergang von der Brust- zur Kopfstimme, die er jederzeit flexibel mischen und auf den Ausdruck abstimmen kann.Die Deutung entsteht also vollständig aus Text und Rolle, ohne alles Ertrotzte oder gar Geprotze. Dabei ist Bernheim zu enormer Emphase fähig, doch es bleibt eine lyrische: die verzweifelte Entäusserung eines weltfernen, letztlich passiven Charakters. Was in der berühmtesten Arie gleich doppelt gilt: Bei «Pourquoi me réveiller?» erzwingt der entfesselte Publikumsjubel ein Dacapo – längst unüblich im heutigen Opernbetrieb, aber angemessen.Dabei ist Bernheims Deutung nicht einmal ausschliesslich sympathisch. Dass Werther möglicherweise die Liebe an sich und damit sich selbst mehr liebt als die vermeintlich geliebte Charlotte, zeigt er deutlich, indem er beim Interagieren auf der Bühne seine Partnerin Adèle Charvet fast nie anschaut. In der Tat bleibt sie ein bisschen blass neben ihm, was man der angesagten französischen Mezzosopranistin kaum verdenken kann. Diktion, dramatische Gestaltung, das alles wäre an sich zu goutieren, sogar das für die Rolle unüblich helle Timbre.Dass eine Sopranistin möglicherweise dennoch die bessere Partie wäre, scheint Bernheim privat schon länger verstanden zu haben: Seit vergangenem Jahr ist er mit Sandra Hamaoui verheiratet, die hier die Sophie singt – auch sie ehemals im Ensemble der Zürcher Oper. Dass sie sich in Salzburg vergeblich um ihn mühen muss, liegt am Stück, nicht an ihrem pointierten, in längeren Linien strahlenden Silberklang.Für die Tenor-BegeistertenAndrey Zhilikhovsky motzt seinen Bariton markig auf, um die Interessen von Charlottes Ehemann Albert durchzusetzen, exzellent sind die sechs Solisten vom Kinderchor der Festspiele. Der Dirigent Alain Altinoglu sorgt vor allem dafür, dass dramatischer Verlauf und Schwung nicht verlorengehen, bescheiden und souverän zugleich. Ob der Musikdirektor des Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie dafür eigens sein Orchester hätte mitbringen müssen, bleibt indes zweifelhaft. Das erstmals in Salzburg gastierende Ensemble lässt es mit zunehmender Dramatik ziemlich undifferenziert rumsen.Doch schliesslich ist es eine Aufführung für die Tenor-Begeisterten unter den Opernliebhabern. Ab November werden sie auf einen Live-Mitschnitt aus Paris zurückgreifen können, in dem Bernheim seine Lebensrolle auf CD festgehalten hat. Noch besser ist nur, ihn live darin zu erleben.Passend zum Artikel