Der ehemalige türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu hat einen politischen Verfall seines Landes beklagt. Er werde sich aus der Parteipolitik zurückziehen und seine Partei »Zukunft« auflösen, um nicht länger Teil des »verschmutzten politischen Klimas« zu sein, schreibt Davutoğlu auf X . Das sei »kein Rückzug aus der Politik, sondern ein Aufruf an alle, Politik neu zu überdenken«.

In einem langen Schreiben holte er zu einem Rundumschlag gegen den Zustand des Landes und der Politik aus. Zwar gebe es in der Türkei mehr Universitätsabsolventen als früher, heißt es darin. Die Fähigkeit zum freien Denken und die Beschäftigungsmöglichkeiten entwickelten sich aber nicht im gleichen Maße.Weiter schreibt Davutoğlu, Korruptionsvorwürfe gegen Politiker beträfen nicht nur einzelne politische Lager. Der Verfall habe die gesamte Politik erfasst. Die Türkei benötige ein unabhängiges Justizsystem, müsse sich demokratisieren und zu einem parlamentarischen System zurückkehren. In dem Land gibt es seit 2018 ein Präsidialsystem mit weitreichenden Vollmachten für Präsident Recep Tayyip Erdoğan.

Davutoğlu ist ein früherer Weggefährte des türkischen Präsidenten und trug lange dessen Repressionen gegen Oppositionelle und Journalisten mit. Von 2014 bis 2016 war er Ministerpräsident und davor Außenminister. Im Zuge der Verhandlungen zum Flüchtlingsabkommen der EU mit der Türkei fiel Davutoğlu bei Erdoğan in Ungnade, weil er sich angeblich zu sehr in den Vordergrund gespielt habe.2019 brach er schließlich mit dem türkischen Präsidenten und trat aus der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP aus. Er gründete die kleine Oppositionspartei »Zukunft«, mit der er aber kaum Erfolge verbuchen konnte.