Ende vergangener Woche hat die Europäische Union ihr 21. Sanktionspaket gegen Russland verabschiedet. Angesichts der Ziele, welche die EU damit verfolgt – „Russlands Wirtschaft und Kriegsmaschinerie weiter zu lähmen“ – wirkt es zunächst überraschend, dass unter den 48 sanktionierten Einzelpersonen auch der Präsident des Schachweltverbandes (Fide) ist. Doch die EU meint, gute Gründe dafür gefunden zu haben, den Russen Arkadij Dworkowitsch mit auf diese Liste zu nehmen, auf der neben zahlreichen Rüstungsunternehmern auch Michail Degtjarjow, der russische Sportminister und Präsident des Russischen Olympischen Komitees, gelandet ist.In der Begründung heißt es, Dworkowitsch habe nicht bloß eine Vergangenheit im Kreml, unter anderem als stellvertretender Ministerpräsident von 2012 bis 2018, sondern gefährde auch als Fide-Präsident noch die „territoriale Integrität, Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine“. Im Kern geht es darum, dass Dworkowitsch dem russischen Schachverband (CFR) erlaubt hat, Tausende Turniere in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten auszutragen.Internationales Olympisches Komitee:Der nächste Sieg für den KremlDas IOC beschließt Russlands Rückkehr in den Weltsport und ermöglicht russischen Sportlern die Qualifikation für Olympische Spiele. Dabei offenbart sich in der Begründung manch Widersprüchliches.Zwar hat die Fide den russischen Verband CFR Mitte Juni für drei Jahre suspendiert. Das geschah allerdings erst, nachdem der internationale Sportgerichtshof (Cas) sie quasi dazu gezwungen hatte. Zudem gab es schon damals Medienberichte, wonach Dworkowitsch EU-Sanktionen drohen. Die Suspendierung des CFR wirkte vor diesem Hintergrund wie sein letzter Versuch, den Kopf doch noch aus der Schlinge zu ziehen – vergeblich. Dworkowitsch hat seinen Rücktritt als Fide-Präsident erklärt. Interimspräsident ist sein bisheriger Vize, der ehemalige Schachweltmeister Viswanathan Anand aus Indien.Wer neuer Fide-Präsident wird, entscheidet sich in zwei Monaten. Am 26. September wählen die Delegierten der nationalen Verbände im usbekischen Samarkand Dworkowitschs Nachfolger – und die Schachwelt steht plötzlich vor einer richtungsweisenden Frage: Endet nach mehr als 30 Jahren die russische Herrschaft in der Fide?Es war 1995, als in Kirsan Iljumschinow erstmals ein Russe zum Präsidenten des Verbandes gewählt wurde. Er blieb mehr als zwei Jahrzehnte, bis ihm 2018 Dworkowitsch nachfolgte. Interessanterweise waren es auch bei Iljumschinow westliche Sanktionen, die ihn letztlich zum Sturz brachten: Die USA hatten ihn 2015 sanktioniert, weil er dem damaligen syrischen Machthaber und Putin-Freund Baschar al-Assad geholfen haben soll, illegal Öl einzukaufen.Dass Iljumschinow trotzdem noch fast drei Jahre im Amt blieb, könnte man ihm wohlwollend als Durchhaltevermögen auslegen. Tatsächlich galt Iljumschinow, der sich mit dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi am Schachbrett ablichten ließ und in fragwürdige Firmengeflechte rund um Schach-Vermarktungsrechte verwickelt war, vielen als absolute Fehlbesetzung. Selbst Kritiker Dworkowitschs bestreiten nicht, dass dieser die Fide professionalisiert hat, gerade auch im Auftreten nach außen.Der Einfluss des Kreml freilich wuchs mit Dworkowitsch immer weiter, wie nicht nur die Turniere in den besetzten Gebieten zeigen. Schach ist ein wichtiger Teil russischer Kultur und das Amt des Fide-Präsidenten für Moskau ein wertvoller Hebel, um die eigenen Interessen im Weltschach zu wahren. Als Dworkowitsch 2018 gewählt wurde, gratulierte Wladimir Putin ihm persönlich. Seine Wiederwahl vier Jahre später feierte Moskau als „Sieg“. Und im vergangenen September wäre die Fide beinahe der erste vom IOC anerkannte Sportverband geworden, der alle Beschränkungen für russische Athleten aufhebt.Wer wird neuer Fide-Präsident? Zwei deutsche Unternehmer kandidieren für das AmtMan darf also davon ausgehen, dass auch im Kreml sehr genau auf die Fide-Generalversammlung in zwei Monaten geschaut wird. Zur Wahl stehen drei Kandidaten, und die rund zweihundert Delegierten werden kaum umhinkommen, sich auch mit deren Verbindungen nach Russland auseinanderzusetzen. An die Mär vom unpolitischen Schach sollte nach gleich zwei sanktionierten Fide-Präsidenten innerhalb von gut zehn Jahren jedenfalls niemand mehr glauben.Genau das könnte Jan Henric Buettner nutzen. Der Hamburger Unternehmer ist der einzige Kandidat, dem keinerlei Russlandnähe nachgesagt werden kann. Schaden könnte ihm, dass ihm bis vor Kurzem auch niemand Schachnähe nachsagte. Erst seit 2024 engagiert sich Buettner in dem Denksport, damals stellte er gemeinsam mit dem zigfachen Weltmeister Magnus Carlsen eine Turnierreihe im Hochglanzformat auf die Beine, die sogleich von Norddeutschland nach Paris, Kapstadt, Singapur und Las Vegas expandierte.Buettner, der einst AOL Europe aufbaute (und anschließend dank eines gewonnenen Rechtsstreits gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber sehr reich wurde), versucht sich als Startup-Kandidat. Die Versprechen seiner Kampagne lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: Wachstum. Mehr Sponsoren, mehr Geld, mehr Förderung für die Nationalverbände.Die Positionierung zu Russland hat er bislang seinem Vize überlassen; der britische Funktionär Malcolm Pein ist seit Jahren einer der lautesten Kritiker von Dworkowitschs Fide. Jetzt allerdings verurteilte auch Buettner höchstpersönlich einen russischen Angriff, der am Wochenende ein Schachzentrum im ukrainischen Cherson zerstört hat. Der 61-Jährige gilt inzwischen als derjenige, der viele europäische Stimmen hinter sich vereinen könnte. Außenseiterchancen hat wohl der vom Deutschen Schachbund (DSB) unterstützte Wadim Rosenstein.Deutscher Schachbund:„Manipulationen und Intrigen“Ex-Bahn-Chef Richard Lutz möchte doch nicht mehr Präsident des Deutschen Schachbundes werden – er macht den Landesverbänden schwere Vorwürfe.Auch Rosenstein ist noch recht neu in der Schachwelt und hat vor einigen Jahren ebenfalls ein hoch dotiertes Turnier aus dem Boden gestampft. Zudem hat er den Düsseldorfer SK mit viel Geld und bekannten Großmeistern zum deutschen Schachmeister gemacht. Doch bei den europäischen Verbänden scheint dem Unternehmer vor allem ein Foto nachzuhängen. Das zeigt ihn bei einem Schachturnier in Moskau kurz nach der russischen Vollinvasion. Er sitzt dort dem Großmeister Sergej Karjakin gegenüber, einem glühenden und bekennenden Putin-Anhänger, der inzwischen im russischen Parlament sitzt.Rosenstein ist in der Ukraine geboren, hat aber mit seinem deutschen Logistikunternehmen jahrelang auf dem russischen Markt agiert. Das genügt vielen offenkundig, um ihm auch jetzt nicht vollends über den Weg zu trauen, zumal es ihm nicht gelingt, die Zweifel aus dem Weg zu räumen. Rosenstein behauptet schlicht, unpolitisch zu sein. Dass der russische Verbandspräsident zuletzt versicherte, dass Rosensteins Kandidatur „kein Projekt“ der Russen sei, dürfte ihm eher geschadet als genutzt haben – auch wenn er zuletzt einige weitere nationale Verbände wie etwa den lettischen als Unterstützer gewinnen konnte.Und dann ist da noch der Milliardär Timur Turlov, Präsident des kasachischen Schachverbandes, der zunächst als Vize von Arkadij Dworkowitsch kandidiert hatte. Nun möchte er nach dessen Rückzug selbst Präsident werden. Turlov ist in Moskau geboren und hat seine russische Staatsbürgerschaft erst 2022 gegen die kasachische eingetauscht, wobei das eher pragmatische Gründe gehabt haben dürfte: Seine Trading-Firma namens Freedom Holding, die inzwischen zu den wichtigsten Sponsoren der Fide gehört, ist an der US-amerikanischen Börse notiert.Unumstritten ist das Unternehmen allerdings nicht. Vor knapp drei Jahren erregten Recherchen der investigativen Plattform Hindenburg Research Aufsehen, wonach die Freedom Holding russischen Oligarchen helfen soll, westliche Sanktionen zu umgehen. Und auch Turlov selbst ist sanktioniert – von der Ukraine, die ihm eine Nähe zu Russland vorwirft. Anders ausgedrückt: Timur Turlov ist der Weiter-so-Kandidat.
EU-Sanktionen gegen Schach-Präsident: Nach über 30 Jahren könnte die russische Herrschaft enden
Arkadij Dworkowitsch ist zurückgetreten. Doch von den drei Kandidaten für seine Nachfolge hat nur ein einziger keine Verbindungen nach Russland.













