Vertrauenskrise bei den KI-Firmen: Microsoft erfreut die Anleger, aber Meta strafen sie abDer rasante Ausbau der KI-Infrastruktur ist an einem kritischen Punkt angelangt. Die Investoren wollen von den Unternehmen endlich Resultate sehen. Wer seine Milliardeninvestitionen noch immer nicht in Erträge ummünzen kann, gerät ins Hintertreffen.30.07.2026, 04.51 Uhr6 LeseminutenMeta-Chef Mark Zuckerberg gelingt es derzeit nicht, die Anleger von seiner KI-Vision zu überzeugen.ReutersDie Börsianer haben den raschen Ausbau der KI-Infrastruktur zuletzt mit sehr starken Emotionen begleitet – mit Gier und Furcht. Bis im Juni vervielfachte sich der Wert von Speicherchip-Herstellern wie SK Hynix oder Micron, nur um einen Teil der Gewinne in wenigen Handelswochen wieder abzugeben. Die Details schienen die Anleger nicht gross zu interessieren: Negative Nachrichten von einem der Börsenlieblinge führten oft auch zu scharfen Kursverlusten bei seinen Konkurrenten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als an diesem Mittwochabend zwei wichtige Technologieunternehmen gleichzeitig ihre Quartalsabschlüsse vorlegten, zeigten die Investoren aber, dass sie trotz KI-Fieber noch gute von schlechten Neuigkeiten unterscheiden. Die starken Ergebnisse von Microsoft sorgten für Applaus und nachbörslich steigende Kurse, während Meta im Handel nach der Schlussglocke abgestraft wurde.Zu hohe InvestitionenDie Aktien gaben um 10 Prozent nach, weil Mark Zuckerbergs Unternehmen fürs Sommerquartal zu wenig Umsatz in Aussicht stellt und dennoch weiter im grossen Stil in neue Rechenzentren investiert. Wegen dieser massiven Investitionen in seine KI-Kapazitäten – 31 Milliarden Dollar allein im abgelaufenen Quartal – ist der Cashflow von Meta im abgelaufenen Quartal auf kümmerliche 784 Millionen Dollar geschrumpft.Kümmerlich ist das vor allem, wenn man den Betrag mit dem hervorragenden Ergebnis aus dem Kerngeschäft vergleicht, das Meta einmal mehr vorzuweisen hatte: Mit Werbeeinnahmen, vor allem über die Plattformen Facebook und Instagram, setzte man in den vergangenen drei Monaten 59,4 Milliarden Dollar um. Auch der allergrösste Teil des Reingewinns von 15,8 Milliarden Dollar war auf die sozialen Netzwerke zurückzuführen.Investoren haben ein Déjà-vu. 2022 durchlief Meta bereits eine Krise, weil Mark Zuckerberg Milliarden in ein Zukunftsprojekt investierte, das nie Früchte trug: Das Metaverse. Viel Dauerhaftes und Zählbares hat bei dieser Vision – mit Ausnahme eines neuen Firmennamens für den Facebook-Konzern – nicht herausgeschaut. Die Investoren vergassen die Episode schon bald wieder, weil sich Meta als KI-Unternehmen neu erfand.Doch nun sind es die (noch einmal viel grösseren) Investitionen in KI, die bei den Anlegern für Unzufriedenheit sorgen. Viel Zählbares hat auch diesmal noch nicht herausgeschaut. Die grossen Sprachmodelle von Meta können gemäss den meisten Metriken derzeit nicht mit den führenden Produkten von Anthropic oder Open AI mithalten.Zuckerberg betont, wenn er anlässlich der Quartalsergebnisse mit Analysten spricht, zwar regelmässig den internen Nutzen, den Meta aus den eigenen KI-Fähigkeiten zieht; man ermöglicht den Kunden etwa bessere und zielgenauere Werbung. Vor zwei Wochen berichtete die «New York Times» zudem, dass Meta Anthropic schon bald Rechenleistung im Wert von 10 Milliarden Dollar vermieten könnte. Ein ähnliches Abkommen hatte Anthropic, das permanent auf der Suche nach weiterer Rechenkapazität ist, zuvor bereits mit SpaceX abgeschlossen.Zuckerberg bestätigte gegenüber Analysten nun, dass man grosses Interesse verzeichne, aber noch nichts entschieden habe. «Wir glauben, dass es weiterhin eine deutliche höhere Marge auf dem Verkauf von Intelligenz gibt als auf dem Verkauf von Rechenleistung». Dennoch halte man sich die Option offen.Die erwarteten Investitionen fürs ganze Jahr 2026 erhöhte Meta nur unwesentlich, allerdings auf bereits sehr hohem Niveau: Von 125 bis 145 Milliarden Dollar auf neu 130 bis 145 Milliarden.Microsoft mit hohem CashflowAnders präsentiert sich die Lage bei Microsoft. Der Konzern aus Redmond hat sein Wachstums- und Investitionstempo offensichtlich besser im Griff. Das Unternehmen kann auch in diesem Quartal einen freien Cashflow von 19,6 Milliarden Dollar vorweisen. Das ist weniger als im Vorjahresquartal (23,3 Milliarden), liegt aber deutlich über den gut 13 Milliarden, mit denen die Analysten gerechnet hatten.Auch Microsoft erhöhte seine Investitionen in diesem Quartal deutlich auf 41 Milliarden Dollar, nach 30 Milliarden im Vorquartal. Die Anleger zeigten sich indes erfreut, dass es nicht noch mehr war. Firmenchef Satya Nadella sagte, dass man immer effizienter werde, pro investiertem Dollar und pro Watt Leistung also mehr Token herausholt.Die kriselnde Gaming-Sparte rund um die Xbox zeigte zwar die erwartete Schwäche und wies einen schrumpfenden Umsatz aus, aber das war den Anlegern egal. Die Sparte, die Microsofts KI-Geschäft umfasst, legte einen Umsatz von 39,3 Milliarden Dollar vor, 32 Prozent mehr als im Vorjahresquartal.Die angekündigten Investitionen fürs ganze Jahr sollen etwa im bisher bekanntgegebenen Rahmen bleiben. Die ausgewiesene Summe sinkt wegen buchhalterischen Veränderungen – Microsoft schreibt die Rechenzentren künftig über einen längeren Zeitraum hinweg ab – von 190 auf 175 Milliarden Dollar. Das soll aber nichts an der Ausbaugeschwindigkeit ändern.Der Backlog an Aufträgen vor allem von KI-Kunden ist gemäss Microsoft inzwischen auf schwindelerregende 678 Milliarden Dollar angewachsen. Finanzchefin Amy Hood betonte aber mehrfach, wie breit aufgestellt die Kundenbasis des Cloud-Geschäfts sei. Die Anleger konnten das wohl so verstehen, dass sich das Klumpenrisiko mit dem Grosskunden und Partner Open AI ein bisschen verringert hat.Die Börse honorierte, dass das Unternehmen sein Wachstum besser im Griff zu haben scheint als mancher Konkurrent. Die Microsoft-Titel legten nachbörslich um bis zu 9 Prozent zu.Noch keine EntwarnungWeil die Resultate von Meta und Microsoft so unterschiedlich ausfielen, lässt sich schwer abschätzen, wie sie sich auf andere KI-Titel auswirken. Seit Wochen befinden sich die Anleger weltweit in Alarmstimmung. Sie befürchten, dass sich die enormen Investitionen in KI-Rechenzentren nicht rentieren werden und die Bewertungen der am Ausbau beteiligten Unternehmen dramatisch nach unten korrigieren könnten.Diese Zweifel wirken sich auch am Anleihenmarkt aus, wo die Tech-Riesen in den vergangenen Quartalen immer mehr Geld aufgenommen haben, um ihre Investitionen zu finanzieren. Meta beispielsweise muss für die Finanzierung seines Rechenzentrums in Texas deutlich höhere Kreditkosten gewärtigen als für frühere vergleichbare Projekte. Es kostet überdies spürbar mehr als vor einem Monat, sich gegen Kreditausfälle von Meta, Alphabet oder Amazon zu versichern.Genährt wurden die Zweifel vor einer Woche, als der Google-Mutterkonzern Alphabet trotz hervorragender Zahlen aus dem Geschäft mit der Onlinesuche und Youtube einen negativen Cashflow aufwies. Die Aktie von Alphabet gab am kommenden Tag deutlich nach, und mit ihr zahlreiche andere Titel aus der KI-Lieferkette.Das Problem: Die zwei Unternehmen, die das Herz des KI-Booms bilden – die Modellbauer Open AI und Anthropic – werden privat gehalten und veröffentlichen kaum belastbare Finanzkennzahlen. Die Märkte müssen sich daher mit den nächstbesten Informationen begnügen; die Zahlen derjenigen Firmen, welche einen Grossteil der neuen Rechenzentren bauen und betreiben.Amazon betreibt wie Microsoft riesige Rechenzentren und wird am Donnerstagabend seine Quartalszahlen vorlegen.Noah Berger / ReutersEin instabiles GleichgewichtDie sogenannten Hyperscaler – Amazon, Microsoft, Alphabet und, mit Abstrichen, Meta – haben sich in den vergangenen zwei Jahren ein immer wilderes Rennen geliefert, wer seine Rechenkapazität am schnellsten ausbauen kann. Sie wurden dabei zunächst von den Anlegern unterstützt, die neue Investitionsrekorde bejubelten und mit Kursgewinnen belohnten.Das schuf, wie der kritische anonyme Blogger «Groundbreaker» Anfang Juli in einem vielbeachteten Artikel schrieb, ein spieltheoretisches Gleichgewicht: Unter dem Strich wären die Hyperscaler wohl besser gefahren, wenn sie sich geeinigt hätten, ihre Kapitalausgaben für Rechenzentren kontrolliert und schrittweise zu erhöhen. So lange aber alle Beteiligten vom Markt belohnt wurden, als sie auf Teufel komm raus ihre Investitionen erhöhten, blieb dies die dominante Strategie.Der bereits erwähnte Backlog an Aufträgen – RPO oder «Remaining Performance Obligation» – entwickelte sich zur Schlüsselkennzahl, mit der Aussenstehende das Wachstum und die Solidität des Cloud-Geschäfts der Giganten einschätzten.In diesen RPO versteckt sich jedoch ein Klumpenrisiko, weil direkt oder indirekt Open AI und Anthropic hinter einem substanziellen Teil dieser Aufträge stehen; zwei Unternehmen, die enorme Verluste anhäufen in ihrem Bestreben, das beste KI-Modell zu schaffen und damit den Markt zu dominieren.Rechenleistung auf PumpProblematisch für die Hyperscaler ist, dass es nur wenig andere Mieter gibt, welche die Unmengen an Rechenleistung zu vergleichbaren Konditionen übernehmen würden, falls Open AI oder Anthropic einmal in Zahlungsschwierigkeiten geraten sollten. Die verwendeten Computerchips verlieren, wegen des rapiden technologischen Fortschritts, zudem relativ rasch an Wert. Es ist daher weiterhin nicht gewiss, ob den heutigen Investitionen in Beton, Hochleistungs-Chips und Kühlaggregate, welche die Hyperscaler für ihre Auftraggeber tätigen, tatsächlich die erhofften sicheren und langjährigen Erträge gegenüberstehen werden.Die Aufträge gleichen somit Krediten, deren Wert massgeblich von der Bonität des Schuldners abhängt. Microsoft-Finanzchefin Amy Hood hat gegenüber Analysten zwar betont, dass das Unternehmen beim Timing der weiteren Kapitalinvestitionen flexibel sei. Notfalls kann man zum Beispiel damit zuwarten, ein vorgefertigtes Rechenzentrum bereits mit Hochleistungschips zu bestücken.Die Grossunternehmen haben aber auch begonnen, gegenüber Dritten Garantien für die Modellbauer abzugeben. Diese haben das Problem, dass sie Fremdkapital wegen ihres Risikoprofils nur zu schlechten Bedingungen erhalten. Wenn Alphabet oder auch der Chip-Entwickler Nvidia bürgen, kommen Open AI oder Anthropic deutlich günstiger an Kredite. Damit nehmen die Hyperscaler das Risiko aber erneut auf ihre eigenen Bücher.Die Tech-Riesen lassen die Modellbauer anschreiben, damit diese weiter im grossen Stil bei ihnen einkaufen. Viele Investoren sehen solche zirkulären Abkommen und die damit einhergehende Verschuldung der Hyperscaler zusehends kritisch. Eine eigentliche Panik ist aber noch nicht ausgebrochen, was man auch daran sieht, wie differenziert die Anleger die Resultate von Microsoft und Meta offenbar einordnen.Passend zum Artikel